Afghanistan ist in Gefahr. Nach dem Abzug der US- und NATO-Soldaten nehmen die Kämpfer der Taliban große Teile Afghanistans ein. Selbst Kabul, die Hauptstadt Afghanistans, ist nicht sicher vor der islamistischen Terrororganisation. Was bedeutet die Machtübernahme der Taliban für die Bildung in Afghanistan und was muss vor allem die weibliche Bevölkerung befürchten? Eins ist sicher, die Rückkehr der Taliban macht der afghanischen Bevölkerung große Angst und das aus gutem Grund.

Hintergrund zu Afghanistan und den Taliban

Die Taliban wurden in den frühen 1990er-Jahren gegründet. Sie fanden ihren Ursprung in sunnitisch-islamischen Koranschulen in Pakistan. Dort studierten afghanische Flüchtlinge, die in Pakistan, aufgrund der sowjetischen Besetzung von Afghanistan, ab 1979 Unterschlupf gesucht haben. Ziel der Taliban war es das „Islamische Emirat Afghanistan“ auszurufen.  1996 übernahmen die Taliban die Hauptstadt Afghanistans, Kabul, und somit Afghanistan selbst. Sie kontrollierten Afghanistan von 1996 bis 2001. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wendete sich jedoch das Blatt. Die USA machte die Taliban für die Anschläge mitverantwortlich und marschierte, zusammen mit verbündete Truppen, in Afghanistan ein, mit dem Ziel, die Taliban Regierung zu stürzen. Dies gelang ihnen im Dezember desselben Jahres. Viele Angehörige der Taliban flüchteten nach Pakistan. Dennoch blieben sie in Afghanistan aktiv und kontrollierten zuletzt eher ländliche Teile Afghanistans. In den 20 darauffolgenden Jahren blieben US- und NATO- Streitkräfte in Afghanistan stationiert.

Mitte April diesen Jahres kündigte der US-Präsident Joe Biden den Rückzug der US-Truppen aus Afghanistan an. Bis zum 11. September 2021 sollen alle Truppen aus dem Land abgezogen sein, so Biden. Auch die übrigen beteiligten Nato-Mitgliedstaaten schlossen sich dem Vorhaben der USA an. Schon Monate vorher verhandelten die USA mit den Taliban den Abzug der US-Truppen aus Afghanistan, wobei jedoch der Wille der afghanischen Regierung kaum berücksichtigt wurde. Die USA hatte während ihrer Verhandlungen mit den Taliban Druck auf die afghanische Regierung ausgeübt, sie solle möglichst schnell Frieden mit den Taliban schließen, da die US-Truppen bald das Land verlassen würden. Nach dem Abziehen der NATO-Truppen konnten die Taliban schon im August 2021 massive Teile von Afghanistan einnehmen, woraufhin die Regierung von Afghanistan eine friedliche Machtübergabe an die Taliban ankündigte. Aktuell sind die Taliban bis nach Kabul vorgedrungen und kontrollieren die gesamte Hauptstadt Afghanistans mit Ausnahme des Flughafens. Dieser ist der einzige Bereich, der noch von Soldaten gesichert ist und wird dazu genutzt, ausländische Diplomaten und Ortskräfte auszufliegen.

Bildung von Mädchen und Frauen in Afghanistan 

Mädchen in Afghanistans Schulen

Schon immer erlaubten die Taliban nicht, dass Mädchen bzw. Frauen als Journalistinnen vor der Kamera stehen und sich dementsprechend für Bürger:innenrechte und die Gleichberechtigung von Frauen einsetzen. Ein Grund dafür war, dass sie als Frauen keine Stimme der Bevölkerung bekommen sollten, da das Ziel der Journalistinnen war, weitere Frauen des Landes zu fördern und im Bereich der Bildung zu unterstützen. Damals war Mädchen- und Frauenbildung strikt verboten. Da die Anzahl weiblicher Lehrenden gering war, durften Mädchen und junge Frauen nicht zur Schule. Ab der 8. Klasse war für die Mädchen die Schule beendet. So mussten alle Mädchen und Frauen in der Öffentlichkeit ein Hidschab oder eine Burka tragen, welche auch ohne die Begleitung eines männlichen Verwandten das Haus nicht verlassen durften. Nach dem Wiederaufbau hat sich einiges verändert. Circa drei Millionen Mädchen gingen zur Schule und 40% aller Studierenden waren junge Frauen. Auch in der Berufswelt setzten die Frauen sich durch. So besetzten sie 20% als Abgeordnete im Parlament und knapp 30% im Beamtenstatus. Diese Veränderungen fanden jedoch nicht in allen Regionen des Landes statt. Einige Schuleinrichtungen mussten sofort wieder schließen, da sie dauerhaft unter ständiger Beobachtung und Angriffen standen.

Das Bildungs- und Schulsystem

Nachdem Mädchen und Frauen zur Bildung zugelassen worden sind, hat sich im Bereich der Bildung einiges verändert. Ab dem 6. Lebensjahr begann die Grundschule, worauf im Anschluss für drei Jahre Sekundarstufe I besucht werden durfte. Nachdem die Sekundarstufe I erfolgreich beendet wurde, konnte die Sekundarstufe II oder die Berufsschule besucht werden. Bevor Bürger:innen sich für die Universität einschreiben durften, mussten sie ein Zeugnis der höheren Berufsausbildung bzw. der Lehrerausbildung vorzeigen können. Eine weitere Möglichkeit befand sich darin, nach der Sekundarstufe I die Islamschule für fünf Jahre zu besuchen, um sich ebenfalls für 4-7 Jahre Studium einschreiben zu können. Eine letzte Möglichkeit um die Universität besuchen zu dürfen, war es, keine Grundschule, sondern für zwölf Jahre die Islamschule zu besuchen und anschließend innerhalb zwei Jahren an der höheren Islamschule ein Zertifikat zu erwerben. Unter anderem herrschte kein Kontakt zwischen weiblichen und männlichen Personen. Sie gingen zu unterschiedlichen Tageszeiten in die Bildungsstätte, damit  keine Berührung zwischen beiden Geschlechtern stattfinden konnte.

Bildungssystem seit 2001

Trotz des Wiederaufbaus herrschte an Mangel von Unterrichtsmaterial, was die Bildung und Förderung der jungen Schüler:innen stockte. Auch Frühehen und Vertreibung waren Gründe, weshalb viele Kinder keinen Zugang zu Klassenräumen hatten. Die Alphabetisierungsrate lag im Jahre 2019 bei den Mädchen und Frauen bei circa 18% – währenddessen waren ihnen die männlichen Afghanen mit 51% deutlich voraus.

Junge Erwachsene studierten lieber im Ausland 

Viele junge Afghanen gingen zum Studieren ins Ausland. Das liegt wohl zum Teil daran, dass viele der Jugendlichen und jungen Erwachsenen die traditionellen Werte der älteren Bevölkerung nicht mehr teilten, aber auch an bessere Chancen und Sicherheit, die ihnen Afghanistan nicht bieten konnte. Bevor die Taliban anfingen Afghanistan wieder einzunehmen, gab es immer mehr Abiturienten und somit auch Studieneinsteiger. Tatsächlich reichten die staatlichen Universitäten nicht aus, um die Nachfrage an Studienplätzen zu decken. Um die Studierenden unterzubringen, setzte die afghanische Regierung auf private Hochschulen. Die Qualität des Unterrichts an den afghanischen Hochschulen ließ zu wünschen übrig. In der Regel diktierten Dozierende den Unterrichtsinhalt einfach und Studierende mussten ihn aufschreiben. Beim Niveau der privaten Universitäten gab es zudem starke Unterschiede. Einige der privaten Schulen waren besser als die staatlichen, dennoch waren auch viele schlechter. Im Grunde wurden in vielen Universitäten nur Diplome und Studiennachweise ausgedruckt und ausgehändigt. Auch gab es Probleme mit der Verfügbarkeit von Lehrkräften und Dozierenden im Land. Mehrere Generationen an Lehrenden verließen Afghanistan aufgrund des knapp 40 Jahre tobenden Krieges, dementsprechend mussten Dozierende erneut ausgebildet werden. Es gab zwar keine öffentlichen Zahlen, dennoch sollen über die Hälfte der Dozierenden an staatlichen Hochschulen nur in Besitz eines Bachelorabschlusses gewesen sein. An den privaten Universitäten wurde zwar offiziell mindestens ein Masterabschluss benötigt, um dort praktizieren zu können, jedoch ist unklar, ob die Universitäten diese Regelung auch eingehalten haben. Ein staatliches Gremium hatte zwar eigentlich die Aufgabe private Hochschulen zu kontrollieren, jedoch funktionierte dies in der Realität nicht. Vorurteile und Korruption ließ aus vielen Universitäten Schauplätze für politische Auseinandersetzungen werden. Eins der gefährlichsten Probleme stellten jedoch Kriegstreiber und Taliban da, welche die privaten Universitäten nutzen, um junge Erwachsene zu indoktrinieren und dementsprechend auch radikalisieren. Es gab einen großen Verbesserungsbedarf an der Hochschulstruktur in Afghanistan, dennoch ist davon auszugehen, dass sich die Lage im Bildungssektor, durch die Machtergreifung der Taliban, um ein Vielfaches verschlimmern wird.

 

Was sich durch die Taliban im Bildungssektor verändern wird

Die Taliban ausgerüstet mit Waffen

Wie geht es jetzt weiter, da die Taliban wieder an der Macht sind? Die Taliban haben Afghanistan wieder eingenommen, doch was heißt das jetzt für Frauenrechte und für das Recht auf Bildung? Zunächst zeigen sich die Taliban in gewisser Weise progressiver als noch vor 20 Jahren. Eine Hürde die nicht schwer zu nehmen ist. Laut eigener Aussage der Taliban solle es der Bevölkerung Afghanistans weiterhin möglich sein, sich zu bilden. Dies soll auch Frauen und Mädchen mit einschließen. Auch sollen Frauen weiterhin arbeiten können und sogar zukünftig Plätze in der Regierung der Taliban besetzen können. Voraussetzung sei, dass dies alles innerhalb des Rahmens des islamischen Rechts, also der Scharia, stattfindet. Große Teile der Bevölkerung Afghanistans, vor allem die Frauen, trauen den Taliban nicht ihr Wort zu halten. Die Vermutung liegt nahe, dass diese Aussagen der Taliban nur außenpolitischen Zwecken dienen. So könnte es sein, dass die Taliban für ihre neue Regierung darauf hoffen Unterstützungsgelder für den Aufbau Afghanistans aus dem Westen zu erhalten. In Hinblick auf Regionen, meist ländliche, die schon länger von den Taliban kontrolliert werden, kann ein Muster von grausamen Bestrafungen erkannt werden, welches nicht dafür spricht, dass sich die Taliban in den letzten 20 Jahren stark verändert haben. So wurden scheinbar Männer in der Öffentlichkeit erhängt und auch eine Frau gesteinigt. Außerdem heißt es, dass Mädchenschulen gleich nach der Übernahme der Taliban, geschlossen wurden. Generell sollen die Taliban in den eroberten Gebieten bereits die Rechte und Freiheiten der Frauen gestoppt haben, indem sie ihnen den Zugang zu Schulen, Universitäten und zur Arbeit verwehren. Des Weiteren sollen Aufgrund zahlreicher Ermordung von Journalistinnen einige Sender die Entscheidung getroffen haben, keine weiteren Frauen zu beschäftigen, was wiederum die Taliban in ihren Zielen bestätigt.   

Wie Schulen für Mädchen unter den Taliban aussehen könnten, falls es ihnen überhaupt erlaubt Bildungseinrichtungen zu besuchen, könnte die private Universität der ehemaligen Taliban Mitglieder Mullah Mutawakil und Mullah Zaeef zeigen. Frauen sind dort zwar zugelassen, aber nur unter bestimmten Regeln. Frauen müssen dort, wie auch zuvor, die Burka tragen. Auch gilt wieder, dass es keinen Kontakt zwischen Männern und Frauen geben soll, und sie weiterhin an verschiedenen Tageszeiten studieren. Letztendlich bleibt es abzuwarten wie drastisch die Veränderungen im Frauenrecht und in der Bildung sein werden. Wird es Unterschiede geben, abhängig davon, ob es sich um Großstädte oder um ländliche Regionen handelt? Werden Frauen zumindest Teile ihrer Rechte behalten dürfen? Eins jedoch kann wohl mit Gewissheit gesagt werden, die Machtergreifung der Taliban wird schwerwiegende negative Folgen für die Bevölkerung von Afghanistan haben.