Akademikerinnen sind aus einer modernen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Dass Frauen ebenso wie Männer eine Universität oder eine Fachhochschule besuchen dürfen, gilt mittlerweile (in unserem demokratischen und wohlhabenden Land) als eine Selbstverständlichkeit. Ohne gut ausgebildete Frauen würde das öffentliche Zusammenleben kaum funktionieren. Dementsprechend ist es umso erstaunlicher, wie lange Frauen der Zugang zu Unterrichtskursen, Schulstunden oder Vorlesungen verwehrt wurde. Erst in den letzten 150 Jahren begann sich das Mädchenbildungssystem langsam zu wandeln. Eine herausragende Rolle spielte dabei von Anfang an das Studium zum  Lehramt, denn es war international der erste Studiengang, zu dem eine breite Masse an Frauen zugelassen wurde. Lehrerinnen waren die ersten Hochschulabsolventinnen.

Eine Gesellschaft ohne Frauen: Kein sozialer Aufstieg für die weibliche Bevölkerung

Zu sehen ist ein rauchender Schornstein, der über Dächer hinausragt.

Das 19. Jahrhundert war eine Zeit vieler Veränderungen. Europa wurde nach und nach zu einer dominanten Industriehochburg mit vielen armen Arbeitern und wenigen reichen Unternehmern. Deshalb wurden mit der Zeit Reformen durchgeführt und die Menschen erhielten bis zur Jahrhundertwende mehr Freiheiten und Rechte. Bei diesen wurde jedoch eine besonders große und weit verbreitete Bevölkerungsgruppe weiterhin systematisch ausgegrenzt: die Frauen. Die damaligen Geschlechterrollen sahen Mädchen nicht hinter einem Buch, sondern hinter einem Herd. Sie sollten nur so viel lernen, wie sie für den Haushalt und die Kindererziehung benötigen würden. Bildung war ein Luxus, den man nicht an Mädchen verschwenden wollte. Deswegen gab es für sie keine Möglichkeiten zur Selbstbestimmung oder Aufstiegschancen. Sie mussten immer dem Oberhaupt der Familie gehorchen, also ihren Vätern, Brüdern oder Ehemännern.

Jeder Mensch, der unabhängig leben möchte, muss einen Beruf ausüben. Unter anderem deshalb spielt die erhaltene Bildung eine maßgebliche Rolle bei der individuellen Selbstbestimmung. Fehlende Ausbildungs- und Arbeitsplätze erzeugen eine Perspektivlosigkeit mit sozialen Folgen. Das war damals ebenso wie heute der Fall. Doch genau diese wurden den Frauen verwehrt. Während Arbeiterinnen aus den unteren Klassen für einen Hungerlohn ausgebeutet wurden, verbot man bürgerlichen Damen die Arbeit gänzlich. Ebendeswegen war die Zulassung zum Lehramt eine so bedeutende Errungenschaft für die weibliche Bevölkerung. Zum ersten Mal bot sich ihnen eine Alternative zur fremdbestimmten Ehe.

Lehramt im Wachstum: Schneller Zulauf an Studentinnen

Zu sehen ist altertümliches Papier, auf dem unter anderem “August 1882” geschrieben wurde.

Wie die Zulassungsbeschränkungen und Immatrikulation geregelt wurden, war damals, ähnlich wie in der heutigen Bundesrepublik, abhängig vom jeweiligen deutschen Einzelstaat. Fast alle hatten aber den sehr schnellen und kontinuierlichen Anstieg an Bewerberinnen gemeinsam. Bis zum Ende des Kaiserreiches nahm die Anzahl an Lehrerinnen immer weiter zu. Viele Frauen nutzten die einzigartigen Möglichkeiten, die ihnen das Lehramt bot. Sie bildeten sich an Universitäten weiter, sie erhielten ein eigenes, regelmäßiges Einkommen und sie umgingen gesellschaftlichen Zwängen. Die ersten Frauen, die ab 1896 offiziell in deutschen Hörsälen als Gasthörerinnen zugelassen wurden, waren fast ausnahmslos Lehrerinnen. Manche von ihnen beließen es nicht bei diesem Beruf. Die wenigen Wissenschaftlerinnen, Forscherinnen oder Ärztinnen, die aufgrund einer individuellen Sondererlaubnis diese „Männerberufe“ ausführen durften, starteten ihr Studium häufig mit Lehramtsseminaren. Somit bot das Lehramtsstudium Frauen eine einmalige Chance, ihre soziale Lage zu verbessern.

Gemeinsame Interessen: Hand in Hand mit der deutschen Frauenbewegung

Zu sehen ist eine Zeichnung von drei Frauen in industriellen Kleidern. Die erste sitzt und schreibt, eine zweite trägt etwas und die dritte steht und schaut die erste an.

Umso verständlicher ist die Zusammenarbeit mit der deutschen Frauenbewegung. Viele Lehrerinnen beteiligten sich an ihren Treffen, Demonstrationen und Publikationen. Ihre Ziele überschnitten sich größtenteils: Die Frauenbewegung forderte eine fortschrittlichere Mädchenbildung, den Zugang zu Hochschulen für Frauen und das allgemeine Frauenwahlrecht. Berühmte Feministinnen, wie zum Beispiel Hedwig Dohm, Clara Zetkin oder Louise Otto-Peters, sprachen sich alle öffentlich für eine bessere Mädchenbildung aus. Zusammen mit dem Frauenwahlrecht sollte so die Eigenständigkeit, die politische Einflussnahme und die allgemeinen Lebensumstände der Frauen erhöht werden. Gemeinsam gründeten Lehrerinnen und Feministinnen Organisationen zur Interessensvertretung. Zwei der mitgliederstärksten waren der Allgemeine Deutsche Lehrerinnenverein (ADLV) und der Allgemeine Deutsche Frauenverein (ADF). Zu ihren Mitgliedern zählten aber nicht nur Frauen. Es gab auch einige Männer, die die damaligen Probleme erkannten und deshalb die Frauen in ihren Forderungen unterstützten.

Gegner des femininen Lehramtes: Das Lehrerinnenzölibat und chauvinistische Vorurteile

Zu sehen ist eine Frau mit einem altertümlichen Kleid und Schirm von hinten. Vor ihr liegt ein Fluss und eine Promenade am anderen Ufer.

Diese progressiven Sympathisanten waren jedoch in der Minderheit. In der damaligen Öffentlichkeit dominierte eine chauvinistische Weltanschauung. Männer aus den verschiedensten Berufsgruppen und sozialen Ständen lehnten das weibliche Lehramt grundsätzlich ab. Ärzte, Professoren, Pädagogen, Politiker, Unternehmer, usw. befürchteten den Niedergang der Familie, der Nation und der Gesellschaft, wenn man einer Frau den Schulunterricht überlassen würde. Diese legten pseudowissenschaftliche Beweise für ihre Argumente vor. Frauen seien von Natur aus schwächer, weniger intelligent und anfälliger für „Hysterie“. Die Kinder würden unter ihrer Obhut verweichlichen. Außerdem gäben sie ein schlechtes Vorbild für junge Damen ab.

Einen besonders restriktiven Kurs verfolgten die männlichen Lehrer. Diese sahen Frauen (ihren Argumenten widersprechend) als potentielle Konkurrentinnen an. Die Männer fürchteten sie als billigere Arbeitskräfte und verurteilten sie deswegen. Tatsächlich verdienten Frauen, nicht anders als heute, weniger als ihre männlichen Kollegen. Mit solchen Vorwürfen verurteilte man Frauen, obwohl diese negativen Auswirkungen aus ihrer Benachteiligung resultierten.

Am deutlichsten wird die Diskriminierung am Lehrerinnenzölibat. Die damaligen Gesetze verboten Lehrerinnen zu heiraten oder Kinder zu kriegen. Wenn eine Frau dies doch tat, wurde sie entlassen. Bei männlichen Lehrern hingegen wurde die Familiengründung gefördert. Immerhin gab es nach deren Logik hinter jedem Lehrer eine Ehefrau, die sich zu Hause um die Erziehung kümmerte, während der Mann das Geld verdiente. Zusammen mit den Vorurteilen bewirkte dieses Verbot die soziale Isolation von Lehrerinnen. Sie lebten alleine ohne Partner und von der Gesellschaft ausgeschlossen. Viele erkrankten deshalb auch psychisch, was wiederum mit ihrer „Hysterie“ begründet wurde. Folglich bot das weibliche Lehramt einige Chancen, es konnte aber noch nicht alle Ungerechtigkeiten überwinden.

Diese Schilderungen der damaligen Verhältnisse zeigen, wie sich zum einen das weibliche Bildungswesen im Laufe der Zeit weiterentwickelte, zum anderen aber auch wie alt aktuelle Probleme sind. Die Ursprünge vieler Diskriminierungen, mit denen Frauen heutzutage immer wieder konfrontiert werden, liegen in dieser vergangenen Ära. Die Benachteiligungen an sich gehören aber noch nicht der Vergangenheit an. Wenn diese Stigmatisierungen gegenwärtig nicht angegangen werden, existieren sie vielleicht noch weitere 150 Jahre.

Zu sehen ist eine Langzeitstatistik über die relative Erwerbstätigkeit von Frauen.

Abschließend soll noch eine Statistik zeigen, wie sich die allgemeine Frauenerwerbstätigkeit in den letzten 150 Jahren in diversen westlichen Ländern entwickelte. Diese Daten beweisen sowohl die langen Zeitspannen zu Beginn der Aufzeichnungen, in denen sich der prozentuale Anteil kaum veränderte, als auch der Bedeutungszuwachs in den letzten Jahrzehnten. Aus den Ergebnissen lässt sich die Zähigkeit des existierenden Systems ebenso ableiten, wie die ununterbrochene Verbesserung der Lage.