Für viele Schüler:innen war das vergangene Schuljahr eine besonders schwierige Zeit mit vielen Einschränkungen. Lockdowns haben zu Schulschließungen geführt und auch von zu Hause konnten nicht alle Schüler:innen ausreichend lernen. Dadurch sind bei vielen Lernrückstände entstanden, die nun im kommenden Schuljahr aufgeholt werden müssen. Auch soziale Kontakte sind im letzten Jahr zu kurz gekommen. Egal ob außerschulische Aktivitäten, Wandertage oder Klassenfahrten: Die Schüler:innen haben zurückgesteckt. Um eben diesen Lernrückständen und Bedürfnissen gerecht zu werden, hat der Bund am 04. Mai 2021 das „Aktionsprogramm Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche“ in Höhe von zwei Milliarden Euro für die Jahre 2021/2022 auf den Weg gebracht.

Dafür sollen die zwei Milliarden ausgegeben werden

Die erste Milliarde ist dafür gedacht, die entstandenen Lernrückstände aufzuholen. Dabei soll auf Förderprogramme von bestehenden Strukturen der jeweiligen Länder zurückgegriffen werden. Dadurch wird gewährleistet, dass die Förderprogramme beinahe nahtlos in die vorhandenen Strukturen der jeweiligen Schulen eingepasst, individuell auf die Bedürfnisse der betroffenen Schüler:innen zugeschnitten und besser an die Lehrkräfte gekoppelt werden können. So sollen Sommercamps und Lernwerkstätten in den Sommerferien sowie unterrichtsbegleitende Fördermaßnahmen in den Kernfächern als Unterstützung dienen.

Die zweite Milliarde soll für die frühkindliche Bildung ausgegeben werden. Denn auch Betreuungsangebote, Erziehung durch öffentliche Einrichtungen und die damit verbundenen sozialen Kontakte sind größtenteils weggefallen. Um daraus resultierenden möglichen Defiziten entgegenzuwirken, unterstützt der Bund mit der Milliarde die Förderung von Sprach-Kitas und bietet belasteten Familien mit Kindern unter drei Jahren Unterstützungsangebote. Auch außerschulische Aktivitäten sollen Jugendlichen durch die finanzielle Förderung möglich gemacht werden. Ferienfreizeiten und Bewegungsangebote erhalten daher ebenfalls Unterstützung.

Sommerschule

Drohen die zwei Milliarden stattdessen zu verpuffen?

Einige Stimmen sind seit der Bekanntgabe des Aufholpaktes laut geworden. Es besteht die Sorge, die zwei Milliarden Euro könnten einfach verpuffen. Besonders den Nachhilfe-Plan sieht die Ständige wissenschaftliche Kommission (StäwiKo) kritisch. Das Schlüsselwort lautet nämlich „Gießkannenprinzip“. Nach diesem Prinzip erfolgt die Verteilung der Hilfsmittel gleichmäßig an alle Länder, unabhängig von den unterschiedlichen Verhältnissen und individuellen Bedürfnissen vor Ort. Genau das ist jedoch laut der Kommission das Problem. In ihrer am 11.06.2021 veröffentlichten Stellungnahme erklärt die StäwiKo die Gefahr, die das Gießkannenprinzip birgt. Die zwei Milliarden Euro, die der Bund zur Verfügung stellt, seien zwar ein erster wichtiger Schritt, um die Rückstände aufzuholen, jedoch reiche das Geld bei Weitem nicht aus. Da die Mittel also trotz allem knapp bleiben, sei es unvorteilhaft, allen Schüler:innen unabhängig vom individuellen Nachholbedürfnis die gleiche Menge an Mitteln zukommen zu lassen. Stattdessen sei es sinnvoller, die Mittel im nächsten Jahr gezielt für besonders betroffene Gruppen einzusetzen und den Fokus darauf zu legen, die Kernkompetenzen zu fördern. Dieser Auffassung schließt sich auch eine neunköpfige Autorengruppe der Friedrich-Ebert-Stiftung mit Expertise in der Bildungsforschung und Bildungspolitik sowie in der Schulpraxis an. Einige Länder haben ihren Anteil allerdings bereits in den verschiedensten Maßnahmen verplant, weshalb nun fraglich bleibt, ob das Maßnahmenpaket tatsächlich alle Betroffenen erreicht.

Lernrückstände

Auch das redaktionelle Angebot „Bildungs.Table“ äußert sich kritisch. In einer Ausgabe erklärt Christian Füller, Bildungsjournalist von „Bildungs.Table“, warum das Aufholpaket einige Risiken mit sich bringt. Das Problem bestünde darin, dass die zwei Milliarden Euro an die Kassen der Länderfinanzminister:innen fließen würden. Damit könnten die Bildungsminister:innen keinen Einfluss mehr darauf nehmen, wofür das Geld schlussendlich ausgegeben wird. Das liege daran, dass das Geld nicht aus dem Etat der Bildungsminister:innen stamme, sondern in Form von Umsatzsteuer-Anteilen direkt als Einnahme in die Länder-Haushalte fließe. Darüber befinden allerdings allein die Haushaltsgesetzgeber der Länder. Man könnte sich jetzt fragen, warum nicht einfach nachweislich festgehalten werden muss, wofür die zur Verfügung gestellten Mittel ausgegeben werden. Genau diesen Anschein einer Zweckbindung hat auch die Verkündigung des Bundes im Mai gemacht. In dieser heißt es nämlich, es sei „verbindlich festgeschrieben, für welche Zwecke die vom Bund zusätzlich zur Verfügung gestellten Mittel von den Ländern verwendet werden“. Diese Vereinbarung ist jedoch allenfalls eine politische Bindung, aber ansonsten nicht verpflichtend. Ein Papier, das im Ministerium kreist, bestätigt diese Vermutung. In diesem heißt es: „Wir als Bund nehmen keinerlei Einfluss. Das liegt… an der alleinigen Zuständigkeit der Länder, da wir uns im Kernbereich von Schule bewegen.“ Auch der Finanzexperte der FDP, Florian Toncar, habe die Situation gegenüber  „Bildungs.Table” kritisiert, denn der Bund habe keine Möglichkeiten zu kontrollieren, ob die Gelder den vorhergehenden Vereinbarungen entsprechend ausgegeben werden.

Wie geht es weiter

Wie geht es jetzt weiter?

Auch wenn die Länder bereits einen Teil der Gelder in Maßnahmen verplant haben, die laut der StäwiKo weniger sinnvoll sind, ist noch nicht alles verloren. Besonders wichtig ist es jetzt umso mehr auf kontinuierliche Förderangebote zu setzen und dafür zu sorgen, dass die Schüler:innen auch über das nächste Schuljahr und die kurzfristigen Sommerschulen hinaus die Möglichkeit bekommen, ihre Lernrückstände aufzuholen. Die Länder müssen nun sicherstellen, dass das Geld tatsächlich an den gebrauchten Stellen ankommt und für Bildungsprojekte eingesetzt wird. Wichtig ist, dass sich die Politiker an die getroffenen, wenn auch unverbindlichen, politischen Vereinbarungen halten.

Wie seht ihr das? Denkt ihr die Aufholmilliarden kommen am Ende dort an, wo sie gebraucht werden oder verpuffen sie im wahrsten Sinne des Wortes in den Kassen der Finanzbundesminister:innen? Welche Maßnahmen sind in den kommenden Monaten am wichtigsten? Schreibt uns Eure Meinung zum Thema in die Kommentare!

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