Von heute auf morgen ist plötzlich alles anders: Der Unterricht findet bis auf Weiteres digital innerhalb der eigenen vier Wände statt. Tag ein Tag aus sitzen Schüler:innen und Studierende vor ihren Laptops und versuchen mit Unterstützung der Lehrkräfte ihre schulischen Leistungen bestmöglich aufrechtzuerhalten. Einige meistern die Hürden und Veränderungen der Distanzlehre mit Leichtigkeit, andere kämpfen bis heute mit der benötigten Eigenständigkeit und Organisation.  Doch unabhängig von der Bandbreite individueller Herausforderungen, die die Corona-Pandemie sowohl im schulischen als auch im privaten Kontext mit sich brachte, vereint die Schüler:innen eine gemeinsame Restriktion: die Schule als Ort der Sozialisierung.

Schule hat heutzutage lange nicht mehr nur eine reine Bildungs- und Qualifikationsfunktion, sondern spielt auch im Heranwachsen der Kinder und Jugendlichen eine entscheidende Rolle. Sie vermittelt fundamentale gesellschaftliche Normen und Werte und bildet eine langjährige Gemeinschaft unter Gleichaltrigen, die ihnen alltäglich Sicherheit, Halt und emotionale Unterstützung schenken kann.                 Die Schulschließungen bedeuten für die Kinder und Jugendlichen also nicht nur den Schwund eines physischen Lernortes, sondern auch den Verlust eines wichtigen sozialen Raums. Dies hinterließ bei einer erschreckenden Anzahl an Schüler:innen beträchtliche Spuren: Inwiefern die Zeiten des Lockdowns die mentale Gesundheit einer ganzen Generation an Kindern und Jugendlichen beeinflussten, wird im folgenden Artikel genauer beleuchtet.

 

Junges Mädchen legt ihren Kopf traurig am Schreibtisch auf ihren Armen ab

Die psychologischen Konsequenzen der Distanzlehre

Die Auswirkungen der Distanzlehre und  damit einhergehenden Isolation auf die soziale, emotionale und mentale Gesundheit unzähliger Schüler:innen ist kaum zu leugnen. Schon heute machen zahlreiche Studien die Einflüsse dieses rapiden Wandels im Schulsystem geltend. Über die Schulschließungen hinaus bringen die generellen Lebensumstände einer Quarantäne diverse Stressoren mit sich: darunter finanzielle, existenzielle und gesundheitliche Sorgen, Frustration, Langeweile sowie große Ungewissheit. Zudem kann sich das individuelle Stressempfinden besonders bei Schüler:innen mit limitierten Bildungschancen und technischen Mitteln in beträchtlichem Ausmaß erhöhen.

Die psychologischen Konsequenzen reichen von Überforderung und erhöhtem Stress, über Wut und emotionale Erschöpfung, bis hin zu Schlaf- und Angststörungen, wie diese Studie genauer erläutert. Diese Erkenntnisse vertiefte Anfang dieses Jahres nun auch eine österreichische Studie: Jugendliche im Alter von 14 bis 20 Jahren leiden in Relation zu den vorherigen Jahren in Präsenzlehre in zunehmendem Ausmaß an Depressionen, Angststörungen, Essstörungen und Schlafstörungen. Als besonders drastisch ist hierbei der Anstieg suizidaler Gedanken hervorzuheben. 

Langfristig sind die konkreten Konsequenzen für die betroffenen Schüler:innen nur schwer abzuschätzen. Weit verbreitete psychische Erkrankungen wie Angststörungen oder Depressionen nehmen zumeist einen chronischen Verlauf an. Dabei kann ein Wiederauftreten der Beschwerden häufig nur durch langjährige psychotherapeutische Unterstützung verhindert werden. Doch damit ist noch nicht genug: gemäß dem Prinzip der Komorbidität entfalten sich im Krankheitsverlauf häufig ähnliche psychische Begleiterkrankungen, die die ursprünglichen Beschwerden sogar verstärken können. Die Pandemie weckte damit Probleme, die mit Wiederaufnahme der Präsenzlehre nicht ohne Weiteres verschwinden, sondern die Kinder und Jugendlichen womöglich noch Jahre begleiten werden. 

Doch wie konnte es so weit kommen? Der Unterricht wurde ja schließlich wie gewohnt digital fortgeführt – so zumindest die Theorie.

 

Junges Mädchen liegt mit Popcorn und Fernbedienung auf dem Boden und schaut TV

Mehr Medien, weniger Bewegung

Die Quarantänemaßnahmen sorgten unter Kinder und Jugendlichen im Vergleich zu vorigen Jahren zu einem deutlich höheren Medienkonsum und Smartphone Gebrauch. Obwohl Social Media durchaus positive Facetten aufzeigt und besonders in Zeiten sozialer Isolation positiv zur Stressbewältigung und Aufrechterhaltung sozialer Kontakte beitragen kann, scheint diese digitale Interaktion den persönlichen Kontakt zu Freunden, Mitschüler:innen und Lehrkräften dennoch nicht vollständig ersetzen zu können. Hinzu kommen diverse negative Einflussfaktoren der Medien, die im Rahmen sozialer Vergleiche das allgemeine psychische Wohlbefinden beeinträchtigen und die Entstehung diverser psychischer Krankheitsbilder begünstigen können. So sei laut dieser Studie erhöhter Medienkonsum im Rahmen der Pandemie verbunden mit höheren Ängstlichkeits- und Depressionsscores. Auch Essstörungen und Körperwahrnehmungsverzerrungen verbreiten sich zunehmend, wobei junge Frauen besonders anfällig gegenüber diesen Effekten erscheinen.

Parallel zu diesem gesteigerten Medienkonsum reduziert sich die alltägliche Bewegung auf ein absolutes Minimum. Sämtliche sportliche Aktivitäten müssen pausiert werden, sei es der Mannschaftssport, der Sportunterricht oder gar der Fußweg zur Schule: eine bedenkliche Kombination, die sich durchaus negativ auf das mentale Wohlbefinden vieler Jugendlichen auswirkte. 

Die Pandemie als kollektives Trauma

Im Laufe der Pandemie durchlebten die Schüler:innen innerhalb ihrer Familien eine Bandbreite an Herausforderungen. Doch auch neben all den individuellen Hürden vereint die immense psychologische Belastung dieser turbulenten Zeit die gesamte Schülergeneration. Der plötzliche Ausbruch und die rapide Ausbreitung der Pandemie konfrontierte sie alle mit nie zuvor dagewesenen Ängsten. Viele kämpfen mit dem Gefühl, Schritt für Schritt Sicherheit und Kontrolle zu verlieren, andere begegnen zwangsläufig finanziellen oder gar existentiellen Bedrohungen.

Hinzu kommen die Schulschließungen, mit denen die Schüler:innen von einem Tag auf den anderen weitaus mehr als nur einen physischen Lernort verloren. Die rein digitale Lehre distanzierte die Kinder und Jugendlichen von einem sozialen Raum, der ihnen zuvor täglich emotionale Unterstützung, Rückhalt und Sicherheit schenken konnte. Auch der mangelnde persönliche Kontakt zu den Lehrkräften als Vorbild und Orientierungshilfe kann in heranwachsenden Kindern und Jugendlichen ein Gefühl von Bedrohung und Ungewissheit wecken und sie unter Umständen in ihrem Entwicklungs- und Reifeprozess zurückhalten.

Das Wort Trauma mit einzelnen Buchstaben-Bausteinen

Die Plötzlichkeit und rapide Ausbreitung der Pandemie sorgten nicht nur auf individueller, sondern auch auf kollektiver Ebene für traumatische Erfahrungen: Überwältigung, Angst und exzessiver Stress beherrschen bis heute den Alltag zahlreicher Schüler:innen.         Aber woran kann ich als Lehrkraft oder Elternteil Traumasymptome in meinen Kindern erkennen? Die Symptome reichen von körperlichen Beschwerden wie Appetitlosigkeit, Kopfschmerzen und Verdauungsproblemen bis hin zu mentalen Anzeichen wie Aggressivität, Konzentrationsmangel und Interessenlosigkeit. Auch Überregung in Form von permanenter Nervosität, Wiederkehren der Ängste in Träumen sowie Vermeidungsverhalten und kognitive Abwesenheit können Hinweise auf eine posttraumatische Belastungsstörung darstellen.

Doch wie kann in Schulen mit der Kollektivität dieses Traumas umgegangen werden? Wie können Lehrkräfte ihre Schüler:innen in der Bewältigung ihrer psychischen Probleme unterstützen? Und wie kann die Entstehung weiterer Traumata in Zukunft vorgebeugt werden?

Bewältigungsstrategien im Übergang in die Präsenzlehre

Um die Beschwerden der Schüler:innen nachhaltig zu bessern, sollten sowohl akute Problembewältigung als auch Prävention die globalen Ziele sein, die es gemeinsam als Schulen und Familien zu meistern gilt. Hierbei spielen vor allen Dingen Selbstfürsorge, Stärkung der Resilienz sowie der Wiederaufbau, die Stabilisierung und Aufrechterhaltung sozialer Vernetzung eine entscheidende Rolle. Auf diese Weise können die Schüler:innen wegweisende Unterstützung und Betreuung erhalten und simultan auf den Umgang mit zukünftigen Triggern vorbereitet werden. Aber wie können Lehrkräfte und Eltern die betroffenen Kinder und Jugendlichen konkret in diesem Heilungsprozess unterstützen? 

Im erneuten Übergang in die Präsenzlehre sind Unterstützungsmaßnahmen der Lehrkräfte von enormer Bedeutung. Die psychischen Beschwerden oder gar Störungen der Jugendlichen innerhalb dieses kollektiven Traumas verschwinden nicht ohne Weiteres mit der Wiederkehr eines „normalen“ Schulalltags. Besonders im Kontext der Angststörungen – einer der häufigsten Krankheitsbilder infolge der Pandemie unter jungen Erwachsenen – verfestigte das notwendige soziale Vermeidungsverhalten  innerhalb der Distanzlehre unter Umständen einige Trigger und Ängste. Eine plötzliche Konfrontation mit diesen Angstsituationen im Präsenzunterricht kann für viele Schüler:innen demnach schnell zu einer enormen Herausforderung werden und anfänglich zu Überforderung führen.

Eine Lehrerin unterhält sich mit mit ihren Schülern und berührt einen Jungen bestärkend an der Schulter.

In einer derart turbulenten und überwältigenden Situation ist es von zentraler Bedeutung, den Schüler:innen ein Gefühl von Sicherheit und Rückhalt zu schenken. Einerseits können Lehrkräfte und Eltern den Kindern durch körperliche und emotionale Nähe, Verständnis, Ruhe, Geduld sowie Zuhören die nötige Geborgenheit schenken. 

Kommunikation, Offenheit und Empathie stehen hierbei an erster Stelle: Den Schüler:innen innerhalb ihrer Klassen die Möglichkeit zu geben, individuelle Erfahrungen und Probleme zu teilen, kann ihnen dabei helfen, sich mit ihren Mitschüler:innen zu identifizieren, neue Perspektiven einzunehmen und ihre eigenen Gefühle zu verstehen und validieren. 

Andererseits spielt Konsistenz und Struktur für die betroffenen Schüler:innen eine entscheidende Rolle. Besonders in solch unruhigen Zeiten bilden Regelmäßigkeiten im Schulalltag die Basis für die Bewältigung ihrer Probleme, stabilisiert die Emotionsregulation und kann sie auf dem Weg zur Heilung in beträchtlichem Ausmaß unterstützen. In jedem Fall gilt für die Lehrkräfte, Sensibilität und Verständnis gegenüber ihren Schüler:innen zu zeigen und ihnen mit Mitgefühl und Optimismus entgegenzutreten.

Ein Perspektivwechsel

Trotz allem kann uns die Corona-Krise auch als Chance zur Selbstreflexion dienen. Egal ob Schüler:innen, Studierende, Lehrkräfte oder Eltern – uns allen gab der Lockdown einen Anstoß zum Nachdenken: Was ist mir wichtig? Wofür bin ich besonders dankbar? Was gibt mir in meinem Alltag Kraft? Was bedeutet für mich Glück und Freude?

Viel zu häufig erkennen wir das, was uns wichtig ist, erst wenn es uns fehlt. So erging es womöglich auch vielen Schüler:innen. Aus „keine Lust auf Schule“ wurde Sehnsucht nach Präsenzunterricht. Vielleicht kann dieser Impuls des Wandels ja sogar als neuer Motivationsschub dienen und den Schüler:innen schon bald aus dem Motivationsloch der Pandemie, über das du hier mehr erfahren kannst, verhelfen! Wer als Lehrkraft, Elternteil oder Schüler:in noch mehr über mögliche Maßnahmen und Strategien für den erfolgreichen Übergang in die Präsenzlehre nach den Sommerferien erfahren möchte, kann in diesem Artikel ein Resümee der Distanzlehre und einige Tipps für das neue Schuljahr finden.