Unabhängig davon, in welcher Situation wir uns auch befinden möchten, welche Menschen uns umgeben und was unsere Absichten sind: Erwartungen beeinflussen unsere Meinungen und Einstellungen sowie unser Denken und Verhalten in beträchtlichem Ausmaß. Ganz in unserem Unterbewusstsein basteln wir uns aus sämtlichen Informationen, die wir über eine jede Person sammeln, ein Gesamtbild. Auch Assoziationen und bisherige Erfahrungen können hier eine entscheidende Rolle spielen – sowohl positiv als auch negativ. Während uns diese Beurteilungen auf Basis bisheriger Erfahrungen in unseren Entscheidungen zum Ziel führen und uns vor potentiellen Fehlern bewahren können, verbirgt sich hinter ihnen durchaus die Gefahr von Wahrnehmungsfehlern und voreiligen Schlüssen. Diese Art der kognitiven Verzerrung verbinden Sozialpsychologen häufig mit dem Halo– und Pygmalion-Effekt.

Doch inwiefern beeinflussen diese Wahrnehmungsverzerrungen den Schulalltag? Können Lehrkräfte wirklich objektiv beurteilen und vollkommen neutral Noten vergeben? Und wie wirkt sich die Haltung der Lehrkräfte gegenüber ihren Schüler:innen auf deren Leistungen aus? All dies erfahrt im heutigen Beitrag!

Ein Kind als Engel und ein Kind als Teufel verkleidet

Die Spuren des Halo-Effekts

Was ist überhaupt der Halo-Effekt? In der Sozialpsychologie bezeichnet man mit diesem Effekt den Sachverhalt, dass eine spezifische Eigenschaft unseres Gegenübers einen positiven oder negativen Eindruck in uns weckt, der wiederum die weitere Wahrnehmung dieser Person überdeckt. Die Assoziationen, die wir mit dieser Eigenschaft verbinden, formen also gewissermaßen das Gesamtbild, das wir im Unterbewusstsein von einer jeden Person bilden. Dabei kann geradezu jede Eigenschaft die Basis für unser Urteil bilden, sei es die Kleidung, Stimme, Körpersprache oder gar Herkunft. Damit trifft das altbekannte Sprichwort „Der erste Eindruck zählt“ voll ins Schwarze!

Auch im Schulalltag kann sich der Halo-Effekt durchaus sichtbar machen und besonders die Objektivität der Notengebung in beträchtlichem Ausmaß beeinflussen. Stellen wir uns hierzu folgendes Szenario vor: Am ersten Schultag betritt eine Lehrerin das Klassenzimmer, um sich auf seine erste Unterrichtsstunde in der neuen Klasse vorzubereiten. Die Uhr schlägt 8 Uhr und der Unterricht soll beginnen. Die Lehrerin blickt in die Runde. Ein paar wenige Schüler:innen befinden sich bereits an ihren Plätzen und begrüßen ihre neue Lehrerin lächelnd, mit Stift und Papier gewappnet. Am hinteren Ende des Zimmers führen zwei Schüler:innen, in Jogginghose gekleidet, noch immer vertieft ihr Gespräch weiter und ignorieren die Versuche der Lehrerin die Unterrichtseinheit zu beginnen. Nach einer Vermahnung machen sich die beiden Schüler:innen in gebeugter Haltung und mit genervtem Brummen auf den Weg zu ihren Plätzen. 

Und damit ist es bereits passiert: die Lehrerin hat ihren ersten Eindruck der besagten Schüler:innen geformt.  Ganz ohne Tests, Klausuren oder Beteiligung im Unterricht, erwartet die Lehrerin von den pünktlichen, lächelnden Schüler:innen bessere schulische Leistungen als von den beiden „Störenfrieden“. Bereits der Eindruck eines etwas ungepflegtes Äußeres oder unangebrachte Schulkleidung der auffälligen Schüler:innen können dazu führen, dass die Lehrkraft von diesen Merkmalen auf eigentlich unabhängige Eigenschaften wie Intelligenz oder Fleiß schließt. In der Bewertung der ersten Klausur offenbart sich schließlich diese Erwartungshaltung: Die gewissenhaften Schüler:innen erhalten gute Noten, während die „Störenfriede“ trotz ähnlicher Leistungen schlechtere Noten – der Halo-Effekt in voller Blüte!

Interessanterweise spielt in diesem Zusammenhang auch Attraktivität eine entscheidende Rolle. Sowohl Lehrkräfte als auch Schüler:innen verbinden unterbewusst physische Attraktivität häufig mit Kompetenz sowie Intelligenz und beurteilen ihr Gegenüber dementsprechend gut oder schlecht.

Eine Junge mit runder Brille sitzt freudig vor einem hohen Stapel Büchern

Der Pygmalion-Effekt: ein Kreislauf der Erwartungen

Der Pygmalion-Effekt ist ein dem Halo-Effekt nah verwandtes Phänomen der Sozialpsychologie, das im Schulkontext einen Kreislauf der Leistungsanpassung in Gang setzt. Selbst wenn sich ein Schüler nicht über die spezifischen Erwartungen seiner Lehrkraft bewusst ist, kann sich die erwartete Leistung in Form der sogenannten „selbst erfüllenden Prophezeiung“ auf seine tatsächliche schulische Performance auswirken und die Erwartung in Realität umsetzen. 

Veranschaulichen wir diesen Sachverhalt zum besseren Verständnis an einem Beispiel: Aufgrund seiner bisherigen Leistungen im vergangenen Schuljahr, seiner Pünktlichkeit und Freundlichkeit erwartet eine Klassenlehrerin von ihrem Schüler auch im neuen Schuljahr Topleistungen. Zwar erfährt der besagte Schüler nicht über direktem Wege von diesen Erwartungen, dennoch entsteht zwischen Schüler und Lehrerin eine positive, emotionale Atmosphäre, die den Schüler indirekt über die Situation informiert. Denn vollkommen unbewusst zeigt sich die Erwartung der Lehrkraft auch in ihrem Verhalten: der Schüler erhält im Vergleich zu der restlichen Klasse etwas mehr Zuneigung, wird häufiger aufgerufen, erhält zusätzliche schwierige Aufgaben und erhält mehr Lob. Mit der Zeit nimmt der Schüler dieses Verhalten wahr und passt sich ebenso unbewusst an die Erwartungshaltung seiner Lehrerin an. Durch all das Lob steigt auch seine Leistungsmotivation. Sein Selbstbild, sein Lernverhalten und seine Ziele passen sich denen eines gewissenhaften, intelligenten und erfolgreichen Schülers an. Das Ergebnis: Gemäß der Lehrererwartungen erbringt der Schüler hervorragende Leistungen und verbessert sich stetig.

Der Pygmalion-Effekt eröffnet eine Art Kreislauf aus Aktion und Reaktion in einer jeden Lehrer-Schüler-Interaktion und verdeutlicht das Ausmaß, in dem sich die unterbewussten Erwartungen einer jeden Lehrkraft langfristig auf die tatsächlichen Leistungen der Schüler:innen auswirken kann. Und das unabhängig von der Objektivität und Neutralität der Bewertungen gemäß des Halo-Effekts.

Eine Lehrerin vergibt mehreren Schülern ihre Noten.

Abschließende Worte: „Irren ist menschlich!“

Unsere Psyche beeinflusst all unsere Entscheidungen, all unsere Urteile und Gedanken. Auch Lehrkräfte können sich dieser nicht voll und ganz entziehen. Hundertprozentige Objektivität in unseren schulischen Bewertungssystemen wird wahrscheinlich nie möglich sein. Aber was kann ich als Lehrkraft nun unternehmen, um möglichst viel Neutralität in meinen Benotungen zu wahren? Wie kann ich mich im Alltag vor Wahrnehmungsfehlern wahren? 

Das Wichtigste an dieser Stelle ist das Bewusstsein über das Dasein und die Konsequenzen der genannten Effekte. Diesen Schritt hast Du damit bereits geschafft! Nun steht Achtsamkeit an erster Stelle: Schaffe Bewusstsein über das Gesamtbild, das Du über eine jede Person, ein:e jede:n Schüler:in, ein jedes Unternehmen hast, und reflektiere, inwiefern welche Eigenschaften es Dir erlauben, auf diesen Eindruck zu schließen. Sind diese wirklich fundiert und gerechtfertigt? Oder überdecken wenige Eigenschaften und Assoziationen das eigentliche Verhalten, die tatsächliche Leistung und Intention Deines Gegenübers? Sich von sämtlicher Voreingenommenheit zu befreien, ist auch mit Kenntnis der besagten Effekte keine leichte Aufgabe. Schaffst Du es jedoch mehr Bewusstsein in deine Urteile zu bringen und ehrlich über Deine Entscheidungen und Erwartungen zu reflektieren, kommst Du Objektivität und Neutralität so nah wie nie zuvor!

Psychologie ist voll Dein Ding und Du möchtest mehr über diverse psychologische Effekte erfahren? Dann ist vielleicht auch dieser Beitrag über die psychischen Konsequenzen der Corona bedingten Distanzlehre interessant für Dich!