Bereits seit zwei Jahren schränkt die Corona-Pandemie unser alltägliche Leben nun schon beträchtlich ein. Mittlerweile sind zwar die Schulen wieder geöffnet und eine allmähliche Normalisierung ist spürbar, abert der Lockdown hat seine Spuren hinterlassen.  Besonders Kinder und Jugendliche wurden komplett aus ihrem Alltag herausgerissen und leiden bis heute unter den Folgen

Doch welche Probleme sind es eigentlich, die Kinder und Jugendliche belasten und was genau waren die Ursachen? Laut Elke Kaffenberger ist viel auf die dauerhafte Isolation und den fehlenden Ausgleich zwischen Schule und Freizeit zu beziehen. Doch das eigentliche Ausmaß ist noch viel größer.

Ursachen für psychische Beschwerden

Durch die Lockdown- Situation war der Alltag alles andere als “normal” und einigen fiel es sehr schwer sich in dieser neuartigen Situation zurecht zu finden. Besonders bei Kindern und Jugendlichen, die von Seiten der Eltern nicht viel Unterstützung bekamen, gab es häufig keinerlei Routinen mehr. So führte eine fehlende Tagesstruktur und das Ausbleiben der sonst gewohnten sozialen Kontakte in vielen Fällen zu einem erhöhten Medienkonsum. Hinzu kamen Konflikte in der Familie und ein fehlender Ausgleich, beispielsweise durch freizeitliche Aktivitäten und Sport. Außerdem war die Zukunft zu diesem Zeitpunkt häufig unklar und besonders Jugendliche, die vielleicht kurz vor ihrem Schulabschluss standen, waren gequält von Zukunftsängsten. Naheliegend also, dass dieser doch enorme psychische Stress nicht folgenlos bleibt.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Psychische Auswirkungen

Schüler und Jugendliche sahen sich plötzlich mit Kontaktbeschränkungen, geschlossenen Schulen und Freizeiteinrichtungen konfrontiert. Der Alltag sah seit Beginn des ersten Lockdowns im Jahr 2020 deutlich anders aus – Unterricht, Freunde und Hobbys fielen größtenteils weg. Zunächst hört sich “zu Hause bleiben” ganz entspannt an, doch auf Dauer kann diese Art zu leben zu Problemen führen, deren Ausmaß selbst heute noch nicht klar ist. Mittlerweile gibt es diverse Studien , die die psychischen Auswirkungen der Pandemie, besonders bei Kindern und Jugendlichen, untersuchen. Die Ergebnisse sind erschreckend.

Laut der COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), die von Mitte September bis Mitte Oktober 2021 durchgeführt wurde, gibt mittlerweile rund ein Drittel der Kinder und Jugendlichen an, weniger Lebensqualität als vor Beginn der Pandemie zu empfinden, damals war es nur etwa ein Fünftel. Diese Verminderung der Lebensqualität, hervorgerufen durch auffallende psychische Veränderungen, hatte inividuell unterschiedliche Ausprägungen.. Die häufigsten Symptome waren Niedergeschlagenheit, Kopfschmerzen, Schlafprobleme und Reizbarkeit.

u sehen ist eine Statistik der psychosomatischen Beschwerden bei Kindern und Jugendlichen während Corona.

Diese Folgen sind jedoch kein Wunder, wenn von einen auf den anderen Tag die ganze Familie zu Hause ist und sich trotzdem weiterhin um den Beruf und die Schule gekümmert werden muss. So entsteht ein enormer Druck, sowohl für die Eltern, als auch für die Kinder. Dadurch kommt es häufiger zu Konfliktsituationen im Kreis der Familie, die sich selbstverständlich nicht positiv auf psychischen Gesundheit und   Wohlbefinden auswirken. Tragisch sind diese Konflikte aber vor allem für Kinder, die ohnehin schon unter häuslicher Gewalt leiden müssen.Diese Kinder haben besonders unter dem Lockdown gelitten, da niemand da war, der auf ihre familiären Probleme aufmerksam hätte werden können. „Wir haben festgestellt, dass wir deutlich mehr Misshandlungen haben. Wir haben sogar mehr getötete Kinder. Das waren unsere schlimmsten Befürchtungen, und sie sind eingetreten.“ sagte der Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe Rainer Becker.

Auf dem Wege der Besserung?

Zwar werden laut Ulrike Ravens-Sieberer, Leiterin der COPSY-Studie und Forschungsdirektorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, die meisten Kinder die Pandemie gut überstehen und auch die dritte Befragung der COPSY-Studie zeigt, dass besonders die Zahlen der Kinder, die an Ängsten und Depressionen leiden wieder zurückgegangen sind. Dennoch sind die psychischen Folgen bei 10% mehr Kindern und Jugendlichen präsent, als vor der Pandemie. Besonders besorgniserregend ist das vorläufige Ergebnis einer noch nicht veröffentlichten Studie des Universitätsklinikums Essen. Demnach sind die Suizidversuche bei Kindern im zweiten Lockdown, vergleichlich zum ersten, um 400% gestiegen.

Sicher ist: Die Pandemie hat ihre  Schäden hinterlassen, unter denen viele Kinder und Jugendliche noch heute leiden. Was von der weiteren Entwicklung zu erwarten ist, kann wohl noch keiner so wirklich abschätzen.

In folgendem Interview erzählt die Hortbetreuerin Elke Kaffenberger über ihre Erfahrungen und Beobachtungen während und nach der  Lockdown- Situation.

ZDB: Könnten sie kurz ein bisschen über Ihre Person erzählen, wer sie sind, wo sie arbeiten und wie lange sie diesen Beruf schon ausüben? Vielleicht auch wie sie darauf gekommen sind diesen Beruf auszuüben?

Elke Kaffenberger: Ursprünglich komme ich aus dem kaufmännischen Bereich und habe viele Jahre in einem Internet Konzern im Bereich Marketing/Werbung gearbeitet. Nach einer mehrjährigen Familienpause – damals war die Betreuungssituation bei weitem nicht so gut wie heute – habe ich mich beruflich umorientiert. Heute arbeite ich als pädagogische Fachkraft für Schulsozialarbeit In einem Hort einer Grundschule Im Main-Kinzig-Kreis. Hier werden täglich 50 Kinder vor und nach der Schule pädagogisch betreut. Die Kinder essen gemeinsam zu Mittag, werden bei den Hausaufgaben unterstützt und haben dann noch Zeit zum freien Spielen. Außerdem arbeite ich an der gleichen Grundschule nach Bedarf und im Rahmen meiner zeitlichen Möglichkeiten als Vertretungslehrerin.

Die Schulen und somit auch die Betreuungen waren jetzt für längere Zeit geschlossen. Welche Veränderungen haben Sie festgestellt, was das Verhalten der Kinder während der Pandemie betrifft?

Elke Kaffenberger: Der erste Lockdown im März 2020 hatte großen Einfluss auf unsere Kinder. Es kamen nur sehr wenige Kinder in die Notbetreuung, der Rest war permanent zu Hause – und war weitgehend isoliert. Besonders für Einzelkinder war das schwierig. Als es dann wieder losging mit den Wechselmodell kamen auch viele wieder zu uns in die Betreuung. Die Freude war groß, endlich den Tag wieder mit anderen Kindern verbringen zu können. Viele Kinder strahlten dennoch eine auffällige Zurückhaltung und Traurigkeit aus.

Haben Sie selbst Erfahrungen gemacht für welche Kinder der fehlende Ausgleich zwischen zu Hause und Schule besonders schwerfällt?

Elke Kaffenberger: Ganz klar betrifft das Einzelkinder und Kinder aus problematischen Elternhaus am meisten!

Können Sie die Auswirkungen genauer beschreiben? Wie sind Sie als Erzieherin damit umgegangen?

Elke Kaffenberger: Bei Einzelkindern war es in der Regel so, dass beide berufstätigen Eltern im Home Office waren und daher, obwohl sie zuhause waren, wenig Zeit für ihre Kinder hatten. Freunde treffen in der Schule, im Hort oder später am Nachmittag fiel komplett weg. Das Kind war im Prinzip mit sich alleine. Kinder aus prekären Familienverhältnissen waren quasi „gefangen“ in einer engen Wohnung mit mehreren Familienmitgliedern. Homeschooling wurde teilweise gar nicht umgesetzt, da die Eltern in vielen Fällen kaum da waren und gar keine Unterstützung leisten konnten. Bei diesen Kindern konnte man in der Tat eine gewisse Rück-Entwicklung feststellen. Als Erzieherin kann man einfach nur versuchen, ganz besonders auf diese Kinder einzugehen, sie wieder mit in das Boot zu holen und sie wieder an der Gemeinschaft teilhaben zu lassen.

Haben die Kinder vielleicht auch selbst von Ihren Erfahrungen gesprochen? Ob Sie sich auf den Schulbetrieb gefreut haben oder eher demotiviert waren? Haben sie  auch etwas von der Situation bei ihnen zu Hause erzählt?

Elke Kaffenberger: Viele Kinder haben erzählt, wie langweilig es zu Hause war und dass sie total froh sind, wieder in der Schule zu sein. Es gab kein einziges Kind, das gerne noch länger zu Hause geblieben wäre. Auch die Tatsache, erstmal die Großeltern lange Zeit nicht persönlich zu sehen, empfanden viele Kinder als sehr schlimm und haben einiges darüber erzählt.

Gab es besondere Methoden oder Strategien, die Sie angewandt haben, um besser mit den Kindern reden zu können, damit sie sich Ihnen gegenüber mehr öffnen? 

Elke Kaffenberger: Der Wechselunterricht brachte es ja mit sich, dass auch immer nur die Hälfte der Kinder in der Betreuung war. Das hatte den Vorteil, dass man sich dem einzelnen Kind intensiver widmen konnte. So kam jedes Kind individuell mehr zur Sprache und konnte einfach mal erzählen.

Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen waren wahrscheinlich besonders stark von den Umständen, die die Pandemie mit sich gebracht hat betroffen. Hatten diese Kinder beispielsweise häufig weniger familiäre Unterstützung oder auch Probleme mit dem Homeschooling, da die nötige Hardware nicht vorhanden war? Gab es hier konkrete Situationen/Probleme, von denen sie erzählen können?

Elke Kaffenberger: Auch wir haben Kinder aus schwierigen Verhältnissen im Hort. Es gestaltet sich unglaublich schwierig, diese Kinder mit der notwendigen Hardware auszustatten. Das begann schon damit, dass zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter die Zugangsdaten, die im Vorfeld vergeben worden waren, nicht mehr parat hatte. Diese Frau war auch nur schwer zu erreichen, weil sie ihr Handy oft einfach ausgeschaltet hatte. Die Kinder sollten ihre eigenen Kopfhörer benutzen – auch daran scheiterte oft eine Teilnahme.

Hat der Staat Ihrer Meinung nach genug dafür getan, um zu helfen? Wie sind Sie selbst als Betreuerin  in solchen Situationen mit den Kindern umgegangen?

Elke Kaffenberger: Der Staat war, meiner Meinung nach, auf eine solche Situation überhaupt nicht vorbereitet. Da die entsprechenden Entscheidungen ja schnell und ohne Erfahrungswerte getroffen werden mussten, war eigentlich ganz klar, dass es unmöglich ist, die Situation wirklich im Griff zu haben. Bei älteren Schülern, die ja schon oft ein eher eigenverantwortliches Handeln zeigen, mag das Homeschooling ja teilweise ganz gut geklappt haben. Grundschüler sind aber aufgrund ihres Alters einfach noch nicht in der Lage, ohne intensive Unterstützung seitens der Schule und des Elternhauses diese Art des Lernens zu praktizieren. Da diese Unterstützung bei einem großen Teil einfach nicht vorhanden ist, bleiben eben diese Kinder auf der Strecke und haben große Wissenslücken. Da konnten auch Betreuer nicht viel helfen.Wie groß der Schaden ist, wird sich wohl erst in den nächsten Jahren zeigen.

Kennt Ihr auch Personen die psychische Probleme aufgrund der Corona Pandemie entwickelt haben? Oder seit Ihr vielleicht sogar selbst betroffen? Lasst es uns gerne in den Kommentaren wissen! Weitere Artikel zu diesem Thema findet ihr hier.