Als die Schulen im vergangenen Jahr während des ersten Lockdowns schließen mussten, traf das die Mehrzahl an Lehrer:innen, Eltern und Schüler:innen unvorbereitet. Einmal mehr wurde deutlich, wie dringend die bisher verpasste Digitalisierung deutscher Schulen aufgearbeitet werden muss. Von jetzt auf gleich den Unterricht in den digitalen Raum zu verlagern, schien für die meisten eine unüberwindbare Aufgabe zu sein und auch heute hat sich hier leider an vielen Schulen nicht viel getan. Dass es auch anders geht, hat die Klenze Grundschule in München gezeigt: in nur 5 Tagen traf die Schule alle notwendigen Vorkehrungen, um im Lockdown den Unterricht angemessen aufrechtzuerhalten. Wie das im Detail funktioniert hat und an welchen Problemstellen seiner Meinung nach dringend bei der Digitalisierung des Bildungswesens angesetzt werden muss, hat Dr. Tilman Buchner, Digitalisierungsexperte und Mitinitiator des Projekts an der Klenze Grundschule, im Gespräch mit DigitalX erklärt.

„Wir müssen [im Bereich Digitalisierung] aufholen – aber nicht auf dem Rücken unserer Kinder“

Wo anfangen, wenn man eine Schule digitalisieren will? Am besten am Ende, sagt Dr. Tilman Buchner – indem man die Ziele definiert, die erreicht werden sollen. Welche Funktionen sollen die neuen Tools erfüllen, die angeschafft werden? Ein ganzheitlicher Blick auf die Bedürfnisse der jeweiligen Schule ist hier wichtig, um nicht am Bedarf vorbei zu entwickeln.

Einen großen Kritikpunkt sieht Tilman Buchner in der ungleichmäßigen Gewichtung von Datenschutz und Cyber Security, denn: nur weil etwas datenschutzkonform ist, muss es noch lange nicht sicher oder überhaupt im Schulalltag produktiv nutzbar sein. Die meisten Lehrer:innen kennen sicher das Problem, dass viele Tools aus Datenschutzgründen gar nicht oder nur eingeschränkt nutzbar sind, so dass auf andere Methoden ausgewichen werden muss. Doch eine Balance zwischen all diesen Faktoren zu schaffen, kann auf Dauer nicht durch eigene Entwicklungen und Versuche auf eigene Faust aufgearbeitet werden. Tilman Buchner hält wenig von eigenen Experimenten im kleinen Rahmen: „Wir müssen [im Bereich Digitalisierung] aufholen – aber nicht auf dem Rücken unserer Kinder“, sagt er. „Es kann nicht sein, dass das Recht auf Datenschutz dem Recht auf Bildung übergeordnet ist“. Deshalb hat die Klenze Grundschule auch nicht versucht, das Rad neu zu erfinden, sondern hat bereits verfügbare Mittel genutzt, um ihr Ziel – digitale Schule in 5 Tagen – zu erreichen.

Würfelrreihe, mit darauf abgebildeten Buchstaben, die den Satz "It's possible" bilden.

Digitialisierung in wenigen Schritten: praxisnah und einfach

Im Fall der Klenze Grundschule bedeutete dies, einen Cloud-Service zu nutzen, den bereits IT-affine Personen im Kreis des Lehrerkollegiums und der Elternschaft den individuellen Ansprüchen der Schule entsprechend konfigurieren konnten. Die Office365 Cloud von Microsoft steht Bildungseinrichtungen kostenlos zur Verfügung und Lizenzen können ganz einfach online beantragt werden. Dieses beinhaltet auch das von der Klenze Schule genutzte Videokonferenz-Tool Microsoft Teams. Der gewählte Cloud-Service erfüllt hierbei drei Kernfunktionen: Identity Management, eine Kombination aus Möglichkeiten für den Videounterricht sowie das Abspeichern und Austauschen von Dateien, sowie eine Nutzbarkeit außerhalb der Schule.

Im Detail heißt dies, dass alle Lehrer:innen und Schüler:innen eine schuleigene Mail-Adresse erhielten, die im Falle der Schüler:innen nur für den Mail-Verkehr innerhalb der Schule freigeschaltet ist. Es wurden Gruppen bzw. virtuelle Klassenräume für die einzelnen Klassen eingerichtet. Im Anschluss wurden zunächst die Lehrer:innen und schließlich die Eltern bezüglich des Aufbaus und der Nutzung der Schul-Cloud geschult. Für alle Fachbereiche konnten geeignete Methoden gefunden werden, den Unterricht fortan digital umzusetzen und auch nach dem Lockdown wurde die Schulcloud als ergänzende Maßnahme weiter zur Unterrichtsgestaltung verwendet. Hier mussten die Lehrer:innen selbstverständlich selbst kreativ werden – der Grundstein für eine funktionale und intuitive Infrastruktur war jedoch gelegt.

Dr. Tilman Buchner im Gespräch mit DigitalX

Dr. Tilman Buchner im Gespräch mit Gunnar Sohn, Redakteur DigitalX

Großbaustelle Datenschutz

Abgesehen von der überfälligen Digitalisierung der Schulen als solche sieht Dr. Tilman Buchner einen hohen Bedarf an einem Unterricht, der den Schüler:innen selbst digitale Kompetenzen vermittelt. Andernfalls werde der Großteil der Schüler:innen nach dem Schulabschluss im direkten Wettbewerb benachteiligt sein. Auch hier sollte daher die Frage im Mittelpunkt stehen, welche digitalen Fähigkeiten Schüler:innen benötigen, um von diesem Ausgangspunkt aus die fachlichen Inhalte und didaktischen Methoden entsprechend anzupassen.

Darüber hinaus sei eine Datenschutzfolgeabschätzung notwendig, um offene Diskussionen im Bezug auf die DSGVO und digitalen Unterricht zu ermöglichen und mit Hilfe von externer Expertise ein einheitliches Konzept zu entwickeln, mit dem die Digitalisierung von Bildung hoffentlich bald reibungsloser von Statten geht als bisher. Denn wie die aktuelle Faktenlage zeigt, können es sich Deutschlands Schulen eigentlich nicht leisten, diesen Herbst wieder unvorbereitet in den Distanzunterricht zu schlittern.

Ihr wollt es der Klenze Grundschule nachmachen und eure Schule auch endlich erfolgreich digitalisieren? Alle Schritte dorthin hat Dr. Tilman Buchner auf seiner LinkedIn Seite zum Nachmachen zusammengefasst. Weitere Anregungen zum Thema digitale Schule könnt ihr hier nachlesen.