Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) hat am 22. März ihre Forderungen zur Vorbereitung von Lehrkräften auf die Digitalisierung veröffentlicht. Die HRK ist ein freiwilliger Zusammenschluss von 268 staatlichen und staatlich anerkannten Hochschulen in Deutschland, an denen mehr als 92 Prozent aller Studierenden in Deutschland eingeschrieben sind. Zu ihren Hauptaufgaben gehört die Entwicklung und Vertretung gemeinsamer politischer Positionen der Hochschulen. In einem aktuellen Positionspapier fordert sie größere Anstrengungen, um Lehrkräfte auf die Digitalisierung der Schule vorzubereiten.

Da die Digitalisierung „Lehr- und Lernprozesse nachhaltig verändere”, sei es notwendig, „die Lehrer:innenausbildung systematisch“ auf diese Veränderungen und damit verknüpften Anforderungen auszurichten. Die seit zwei Jahren andauernde Pandemie hat dabei bestehende Schwierigkeiten, aber auch Potentiale aufgezeigt. Den Hochschulen kommt dabei eine zentrale Rolle zu, denn sie sind für die Ausbildung neuer Lehrkräfte in einer „digitalisierten Gesellschaft“ und die Erforschung der Digitalisierung zuständig.

Ausbau der Infrastruktur

Aufgrund dieser zentralen Rolle fordert die HRK, dass zuerst eine angemessene technische Infrastruktur und dazugehöriger Support bereitgestellt werden muss. Dabei soll vor allem auf die verschiedenen Anforderungen der einzelnen Fachdisziplinen und die Herstellung einer breiten Vernetzung der Infrastruktur Wert gelegt werden. Weiterhin betont die HRK, dass es für den „Einsatz von Technologien in Lehr-Lern-Szenarien“ und die entsprechende Datennutzung „rechtssicherer Rahmenbedingungen“ bedarf. 

Schüler:innen sitzen in einem Computerraum

Werkzeuge für Digitalisierung des Unterrichts müssen entwickelt werden

Die Digitalisierung des Unterricht ist ohne entsprechende Werkzeuge wie Apps und Lehrkräften, die sich mit diesen auskennen, nicht möglich. Daher fordert die HRK, dass künftig „geeignete Werkzeuge zum Lehren und Lernen in einer digitalen Welt“ entwickelt und ausgewählt werden, sodass der aktuelle Digitalisierungsschub bestmöglichst genutzt werden kann. Ziel der Lehrer:innenausbildung müsse laut HRK sein, dass künftige Lehrkräfte die vielfältigen Möglichkeiten im schulischen Umfeld umfassend nutzen und gestalten können.

Während des Studiums und praktischer Kooperationen mit Partnerschulen sollten daher Experimentierfreude und die reflektierte Anwendung digitaler Werkzeuge einen wichtigen Platz einnehmen. Das Bewusstsein für Risiken und die Fähigkeit, zwischen sachgerechten Informationen und Angeboten und auf Beeinflussung und kommerziellen Gewinn abzielenden Angeboten unterscheiden zu können, sollen ebenfalls gefördert werden.

Lehrpläne aktualisieren

Darüber hinaus wünscht sich die HRK eine Überarbeitung der Lehrpläne, damit künftige Lehrkräfte mit den grundlegenden Prinzipien der digitalen Welt vertraut werden. Nur so können ihre Schüler:innen lernen, in dieser Welt “kompetent, souverän und selbstbestimmt” zu agieren. Daher sollten digitale Themen und Kompetenzen in den Lehrplänen der Lehrer:innen ausbildenden Hochschulen verankert werden.

So meint HRK-Präsident Prof. Dr. Peter André Alt: „Wir erleben täglich, dass das Wissen um die Funktionsweise digitaler Medien für das Leben in der digitalen Welt unverzichtbar und für eine stabile Demokratie essenziell ist. So kann es beispielsweise schwierig sein, objektive von interessengeleiteten Texten in sozialen Medien zu unterscheiden. Das muss erlernt und eingeübt werden – dabei spielt die Schule eine wesentliche Rolle.“ Weiterhin müsse die digitale Transformation in die künftige Schulentwicklung und die Fachdidaktik integriert werden, um ihre Chancen zu nutzen – etwa für die Berücksichtigung unterschiedlicher Lerngeschwindigkeiten.

Viel Nachholbedarf bei Fort- und Weiterbildungen für die Digitalisierung

Nicht nur künftige, sondern auch bereits unterrichtende Lehrkräfte müssen auf die Digitalisierung der Schulen vorbereitet werden. Dazu sind Fort- und Weiterbildungen notwendig. Nur durch eine stetige und wissenschaftsbasierte Fort- und Weiterbildung könnten Lehrkräfte ein „relevantes didaktisches Gestaltungspotential“ erreichen. Daher sieht die HRK Fort- und Weiterbildungen als Bestandteil des lebenslangen Lernens als zentral an, um bereits tätige Lehrkräfte auf die neuen Herausforderungen vorzubereiten. Hier sieht die HRK allerdings großen Nachholbedarf.

Mit dieser Einschätzung ist die HRK nicht allein. Die Kooperationsstelle Universität Göttingen hat in einer Studie Lehrkräfte zu ihrer Einschätzung zu Fort- und Weiterbildungen an ihren Schulen befragt. Die untenstehende Statistik zeigt deutlich, dass es trotz sichtbarer Fortschritte auch 2021 noch viele Lehrkräfte gab, die die Situation der Fort- und Weiterbildung als eher schlecht bewerten. So konnten etwa 65 Prozent der Befragten der Aussage “Unsere Schulleitung spricht mit uns über unseren beruflichen Fort- und Weiterbildungsbedarf für den Unterricht mit digitalen Technologien” nicht oder nur teilweise zustimmen.

Umfrage bei Lehrkräften zu Fort-und Weiterbildungen für digitale Technologien.

Die HRK beklagt, dass die Rahmenbedingungen weder inhaltlich noch organisatorisch oder finanziell angemessen seien, weswegen HRK-Vizepräsident Prof. Dr. Oliver Günther eine umfassende Reform fordert: „Die Fort- und Weiterbildung wird der aktuellen Problemlage nicht immer gerecht, das Angebot ist unübersichtlich und bedarf einer grundlegenden Reform.“ Daher müsse es laut HRK eine „nachhaltig angelegte finanzielle Grundförderung“ statt zeitlich befristeter Förderungen sowie eine Neuordnung der Fort- und Weiterbildungslandschaft geben, andernfalls seien die angestrebten und ehrgeizigen Ziele nicht erreichbar.

Digitale Bildung erforschen

Die HRK fordert des Weiteren, dass die Auswirkungen der Digitalisierung auf „Gesellschafts-, Arbeits- und Bildungssystem“ umfassend erforscht werden müssen. Dazu sei es notwendig, interdisziplinär vorzugehen und Lehramtsstudierenden eine auf eigenständiger und empirischer Forschung ausgerichtete Ausbildung zu bieten. Beispielhafte Forschungsfelder sind die Effekte digitalen Lernens auf individuelle und soziale Lernprozesse und die Verbindung von schulischem und außerschulischem Lernen.

Potentiale der Digitalisierung nutzen

Trotz aller Probleme und bestehender Risiken zeigt sich die HRK überzeugt, dass die fortschreitende Digitalisierung in der Lehrer:innenausbildung und in den Schulen Potentiale bietet, die genutzt werden müssen. Schulen könnten durch digitale Angebote Inklusion und Chancengerechtigkeit stärken sowie Internationalisierung voranbringen.