Noch immer hinken Deutschlands Schulen beim Thema Digitalisierung hinterher. Das geht aus einer repräsentativen Studie der Universität Göttingen hervor. Danach stellt etwa jede zweite Schule in Deutschland kein WLAN für Schüler:innen bereit. Die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung an deutschen Schulen zwar beschleunigt, gleichzeitig machte sie viele Lücken erst deutlich. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) erklärte weiter, dass sich eine deutliche Kluft bezüglich der digitalen Kompetenz zwischen verschiedenen Schulen gebildet habe. Diese Kluft zeige sich ganz besonders zwischen den „Digitalen Vorreiter-Schulen“ und den „Nachzügler-Schulen“. Selbst nach einem Jahr Pandemie arbeiteten demnach nur etwa zwei Drittel (70%) der Lehrkräfte an Schulen, an denen es WLAN für alle Lehrkräfte gibt. Nach dem Urteil der Lehrer:innen selbst unterstütze die digitale Infrastruktur außerdem nur in der Hälfte der Schulen eine digitale Lehre und das digitale Lernen. 

Die Kluft, so resümiert die GEW, bedrohe dabei die Chancen von Lehrkräften und Schüler:innen auf Gleichberechtigung. Es ist also nicht verwunderlich, dass Lehrkräfte an den Digitalen Vorreiter-Schulen mit einer entwickelten Strategie und technischen Infrastruktur auch ihre berufliche Situation und die Entwicklung der digitalen Kompetenzen sowie sogar ihre Arbeitszufriedenheit signifikant besser bewerten. Aufgrund dieser unterschiedlichen Voraussetzungen, die Schüler wie Lehrer durch ihre Schulen erhalten, bestehe aber bei einigen Schulen die Gefahr der Benachteiligung in der Zukunft. Vor allem für Schüler:innen kann dies schwerwiegende Konsequenzen haben.

Thomas Ferber’s Zukunftsmodell:  Die Richtsberg-Gesamtschule

Dieser doch eher traurigen Bilanz für den gesamtdeutschen Durchschnitt trotzt die Richtsberg Gesamtschule (RGS) in Marburg. Es handelt sich um eine integrierte Gesamtschule, die Schüler:innen der Schulformen Haupt- und Realschule und Gymnasium gemeinsam unterrichtet. Schulleiter Thomas Ferber erzählt der Frankfurter Rundschau: „Corona hat bewirkt, dass die hessische Schulcloud und das Schulportal weiterentwickelt worden sind, da hat das Land massiv investiert.“ Viele Schulen haben außerdem eine bessere Ausstattung mit IT-Technik bekommen, so habe man alle 640 Schüler:innen in Marburg mit schülereigenen I-Pads ausstatten können, so Ferber weiter. In seiner „Schule der Zukunft“ mit Schülern aus insgesamt 40 Nationen werden Bücher immer seltener benutzt. Das Wissen für den Unterricht ist bequem über das I-Pad abrufbar. Über die Lern-App „Scoobes“ eines Kölner Startups will man die Kinder individuell fördern und auf ein eigenständiges, digitales Lernen vorbereiten. „Nur so geht es“, sagt Ferber, „Wir müssen die Kinder doch auf eine digitalisierte Welt vorbereiten“.

Genau das passiert zum Beispiel im eigens aufgebauten „Perlenwerk“ der Schule – einer „Personalisierten Lernumgebung mit Werkstätten“. Das Konzept wird bereits seit 2018 an der Richtsberg-Gesamtschule umgesetzt und verdeutlicht neben allen Verfehlungen und Versäumnissen an deutschen Schulen, dass es auch anders geht.

Das “Perlenwerk” der RGS

Im „Perlenwerk“ können die Schüler:innen in einer konzentrierten Umgebung, dem sogenannten Lernatelier, an individuellen Arbeitsplätzen oder bei Bedarf auch in Gruppen in der Lernlandschaft gemeinsam lernen. Die Kinder der 5. und 6. Klassen sind dabei zusammengelegt und erhalten ein personalisiertes Lernangebot, das sie an ihren I-Pads bearbeiten sollen. Ein wichtiger Bestandteil der personalisierten Lernumgebung sind wöchentliche 15-minütige Coaching-Gespräche mit dem/der Lehrer:in. In diesen wird über die vergangene Woche, den Lernfortschritt, potenzielle Probleme und die Planung für die jeweils kommende Woche gesprochen. An der Richtsberg Gesamtschule werden Lehrkräfte außerdem „Lernbegleiter“ genannt. Jede:r Lernbegleiter:in ist dabei für 15 Kinder aus den Jahrgangsstufen 5 bis 8 verantwortlich.

Stundenpläne oder Klassenverbände gibt es in der altbekannten Form nicht mehr, da die Jahrgangsstufen im Lernatelier oder der Lernlandschaft gemischt sind. Die Klassenarbeiten oder Klausuren, die eigentlich aus der Schule gar nicht wegzudenken sind, nennen sich hier „Gelingensnachweise“ und sind nicht mit der üblichen Form eines Leistungsnachweises vergleichbar. Ein solcher „Gelingensnachweis“ findet alle 14 Tage statt und fragt dabei die Lerneinheit ab, die der/die Schüler:in gerade abgeschlossen hat. Die sonst alle 8 Wochen üblichen viel umfangreicheren Klassenarbeiten sollen dadurch ersetzt werden. Der Nachweis wird vom jeweiligen Lernbegleiter abgeholt und die Schüler erhalten auf diese Weise so viel Zeit, wie sie brauchen. Wenn sie den „Gelingensnachweis“ nicht in ausreichender Qualität erbringen konnten, dürfen die Schüler:innen ihn wiederholen. Je nach Leistungsstand lernen die Kinder auf unterschiedlichen Anforderungsniveaus, die sie bei Bedarf jederzeit wechseln können. Weitere Informationen zum Perlenwerk der Richtsberg Gesamtschule findet ihr im nachfolgenden Video.

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Cedric Lütgert, Lehrer an der RGS Marburg

„Wir trauen Kindern zu wenig zu! Kinder können ihren Lernprozess sehr gut reflektieren“, räumt Cedric Lütgert im Gespräch mit Lehrer News ein. Lütgert ist seit 2016 Lehrer an der Richtsberg Gesamtschule. In einem Interview über zoom erzählt er uns mehr über die Entwicklung und die Konzepte der „Schule der Zukunft“. Das „Perlenwerk“ sei ein Produkt aus über 20 Jahren Schulentwicklung, die Alemannenschule Wutöschingen habe als Vorbildschule gedient. Die Corona-Pandemie habe viel spontane Planungsarbeit erfordert. Nach der ersten Schulschließung seien zunächst die Hälfte der Schüler:innen mit I-Pads ausgestattet gewesen, nach dem ersten halben Jahr der Pandemie sogar erst 2 Jahrgänge. Die Lernplattform „Scoobes“ eines Kölner Startups habe nach einigem Rumprobieren Abhilfe geschaffen, sodass nach und nach alle Jahrgangsstufen auf „Scoobes“ umgelegt wurden, erklärt Lütgert.

Auch die Beziehungsarbeit in Form der bereits angesprochenen Coachinggespräche habe sich bewährt. Lütgert erklärt uns, dass es sich dabei um keine inhaltlichen Fragen dreht. Vielmehr werde sich im Rahmen der Gespräche auch nach dem Wohlergehen der Schüler:innen erkundigt, wie es ihnen im Lockdown geht, wie sie Lernprozesse auch Zuhause verbessern können und welche Strategien sie entwickeln können, wenn zum Beispiel jüngere Geschwister beim Lernen stören. „Schüler:innen“, so Lütgert, „sollen sich selbst im Lernprozess hinterfragen. Sie bitten in den Gesprächen zum Beispiel um Hilfe bei der Strukturierung ihrer Woche oder darum die Apps, die sie ablenken, auszuschalten“. Vor Ort im Perlenwerk funktioniere das genauso. Hier kommen Schüler:innen nur dann zu ihren Lehrern beziehungsweise Lernbegleitern, wenn sie ein Problem haben und allein nicht weiterkommen. „Jeder soll dort abgeholt werden, wo er steht“, resümiert Lütgert.

Revolution des Bewährten und was Lehrer:innen zu ihrer neuen Rolle an der RGS sagen

„Der Mensch, der in der Schule am wenigsten reden soll, ist die Lehrkraft“, sagt Lütgert außerdem und macht damit auf das neue Rollenbild der Lehrkräfte an der RGS aufmerksam. Keine einschläfernden Lehrer-Vorlesungen mehr, sondern sogenannte systemische Beratung sollen die Lehrer:innen den Schüler:innen bieten. Dazu erhalten die Angestellten im Kollegium der RGS eine Coaching-Ausbildung, um die Schüler:innen im Perlenwerk bestmöglich zu unterstützen. Das Kollegium, so Lütgert, sei weiterhin heterogen. Viele Lehrkräfte mussten sich an die Neuerungen an der RGS seit 2018 gewöhnen, andere haben auch vor dem Aufbau des Perlenwerks schon genauso gearbeitet. Letztlich verfolge die Richtsberg Gesamtschule in Marburg das Ziel, Schüler:innen auf die Realität vorzubereiten und nicht darauf, eine 4- oder 5-stündige Abschlussklausur schreiben zu können. Auf die Gesamtsituation deutscher Schulen bezogen, sei vor allem wichtig, was nach der Pandemie passiert. Das Schulsystem sei bereits über 100 Jahre alt und werde wohl auch Corona überleben, sagt Lütgert. Entscheidend sei aber, dass immer mehr Lehrkräfte Veränderung wollen und dadurch schrittweise auch die Prozesse im festgefahrenen System Schule ändern können. „Immerhin haben Schüler:innen heute das Wissen der Welt in ihren Hosentaschen“, sagt Lütgert abschließend, „und damit allein kann man kreativ Unterricht machen.“

Was haltet Ihr von der Herangehensweise der Richtsberg Gesamtschule?  Lasst uns Eure Meinung gerne in den Kommentaren da!