Es ist soweit, Frankreich hat gewählt! Und nachdem sich Emmanuel Macron in der Stichwahl erneut gegen seine Konkurrentin Marine Le Pen durchsetzen konnte, möchten wir uns im heutigen Beitrag mit einem wichtigen Wahlkampfthema auseinandersetzen: Der französischen Bildungspolitik! Aber wie unterscheidet sich die Gestaltung des französischen Schulsystems von unserem?

Bildungswesen: Grundlegende Unterschiede in Frankreich?

Um hier die Unterschiede aufzeigen zu können, gilt es zunächst zu beleuchten wie bei unseren Nachbarn generell Politik auf Länderebene funktioniert. Denn während die Bundesrepublik Deutschland darauf setzt, Entscheidungsgewalt in die Hände von Bundesländern, Kommunen und Gemeinden zu geben, verfolgt das System der französischen Republik einen klar zentralistisch geprägten Ansatz.

Dies macht sich auch in der benachbarten Bildungspolitik bemerkbar. Im Gegensatz zu unserem Kultusministerium, mit Ressorts in jedem der 16 Bundesländer, übernimmt das “Ministre de l’Éducation nationale, de la Jeunesse et des Sports” in Frankreich einheitlich die Schulgestaltung für das ganze Land. Der Vorteil dabei liegt auf der Hand: Zum einen ermöglicht dieses Vorgehen, schnell auf die sich ständig weiter entwickelnde Anforderungen des modernen Schulbetriebs zu reagieren. Des weiteren sorgt der Bildungszentralismus landesweit für ein einheitliches Schulsystem, und verhindert regionale Unterschiede bei den Schulabschlüssen.

Deutscher Föderalismus: Jeder kocht sein eigenes Süppchen

Ganz anders wird hingegen der Schulbetrieb in Deutschland organisiert. Denn bereits im Artikel 30 unseres Grundgesetzes ist festgelegt: Bildung ist Ländersache. Lediglich Bereiche wie die Ausbildungsförderung (BaFöG), die Regelungen der Hochschulzulassung sowie die berufliche Aus- und Weiterbildung fallen in das Aufgabengebiet des Bundes. So bleibt die Entscheidungsgewalt bei den Bundesländern und ermöglicht es beispielsweise auf regionale Bedürfnisse einzugehen. Des weiteren kann der föderale Wettbewerb eine Innovationsdynamik erzeugen und reduziert die bürokratischen Hürden lediglich auf den Länderumfang.

Eher kritisch ist der Föderalismus aber mit Blick auf die Schulqualität zu betrachten. Diese ist stark abhängig von den Finanzierungsmitteln im jeweiligen Bundesland und verschafft wohlhabenden Ländern so einen Wettbewerbsvorteil. Außerdem variieren die Schulsysteme der Bundesländer, so dass deutsche Schüler:innen ihre Schullaufbahn zwar mit dem gleichen Schulabschluss aber teilweise mit verschiedenen Kompetenzen beenden.

Digitales Lernen während der Corona-Pandemie

Die Digitalisierung des Bildungswesens ist ein Thema um das die Welt, unabhängig vom jeweiligen Organisationsprinzip, nicht herum gekommen ist. Durch die Corona-Pandemie hatte sich bemerkbar gemacht, wie sehr wir in diesem Bereich hinterherhinken. Hier offenbart sich ein Vorteil des französischen Modells: Denn während sich in Deutschland jedes Bundesland mit unterschiedlichem Tempo an die neuen Herausforderungen des Homeschoolings herantastete, konnte der französische Schulbetrieb schnell und einheitlich auf die staatliche Online Schulplattform CNED ausweichen. Natürlich gibt es auch in Frankreich Defizite. Aber als in Deutschland zum Start der Pandemie lediglich 26,2% der Schulen überhaupt über Wlan verfügten, waren es bei unseren Nachbarn laut dem Verband Bitkom zumindest 37,4%.

Gegensätze in der Gestaltung des Schulalltags

Obwohl sich beide Schulsysteme in ihren Grundzügen ähneln, gibt es im Alltag von deutschen und französischen Schüler:innen Unterschiede. Während in Deutschland die meisten Kinder im Alter von fünf bis sechs ihren ersten Schultag haben, besucht der französische Nachwuchs seit 2018 bereits ab dem dritten Lebensjahr verpflichtend die “école maternelle”. Anders als in Kindergärten liegt hier der Fokus bereits im jungen Alter auf der Bildung der Kinder, speziell die Allgemeinbildung soll gefördert werden. Auch die weiterführenden Schulen unterscheiden sich im Aufbau: Nach der Grundschule beginnt in Frankreich das Collège. Dabei handelt es sich um eine Art Mittelschule, die alle Schüler:innen ohne eine Leistungsdifferenzierung für vier Jahre besuchen. An diesen Schulen wird die zweite Fremdsprache oft aufgrund der regionalen Gegebenheiten festgelegt.

Nach Abschluss der Sekundarstufe 1 gibt es für die Jugendlichen außerdem die Möglichkeit für drei Jahre das Lycée zu besuchen um ihr Abitur zu erwerben. Eine Besonderheit in Frankreich ist, dass es neben dem allgemeinen Abitur auch die Option gibt, sich bereits während der Schule für einen beruflichen Zweig zu entscheiden. Anders als in Deutschland besuchen die Schüler:innen in Frankreich außerdem nur an vier Tagen die Schule, am Mittwoch findet nur Vormittags Unterricht statt. Da in Frankreich häufiger beide Elternteile berufstätig sind, spielt außerdem die Ganztagsbetreuung der Schüler eine wichtige Rolle in der Bildungspolitik.

Ein Fazit

Die Bildungspolitik sowie der Schulalltag unterscheidet sich gravierend in unseren Ländern. Während der französische Zentralismus ein schnelles Handeln ermöglicht, lässt unser deutscher Föderalismus orts- und bürgernahe Entscheidungen zu. Auch sorgt die Einteilung in Gymnasien oder Real- und Mittelschulen dafür, dass individuell auf die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler eingegangen werden kann. Da beide Systeme ihre Vor- und Nachteile haben, liegt der “richtige” Weg vermutlich irgendwo in der Mitte. Für die Zukunft lässt sich viel vom jeweiligen Nachbarland lernen, denn letzten Endes erfüllt der Schulbesuch in allen Ländern das gleiche Ziel: Die Jugend umfassend und sorgfältig auf das Erwachsenenleben vorzubereiten.

Welche Erfahrungen hast du mit dem Bildungsföderalismus in Deutschland gesammelt? Wie stehst du zum Modell unserer französischen Nachbarn? Wir sind gespannt auf eure Kommentare!