In Diskussionen um Deutschlands Schulsystem wird oft von einer verschlafenen Digitalisierung gesprochen, von mangelhafter Infrastruktur und einem regelrechten Rückstand. Doch warum ist das so? In einem Vortrag zum Thema „Digitales Lernen in Estland“ veranschaulichte Dr. Til Assmann, wie es anders und vor allem besser in Deutschland hätte laufen können und stellte den Prozess der Digitalisierung sowie Bestandteile des E-Learnings in Estland vor. Wir haben den Vortrag für Euch zusammengefasst.

Estlands Ausgangslage

Um beurteilen zu können, wie es zum heutigen Status Estlands zu einer der weltweit führenden „Smart Nations“ und somit einem Vorreiter der digitalen Gesellschaft gekommen ist, lohnt es sich, sich die Ausgangssituation und die grundlegenden Fakten einmal näher anzuschauen. Mit nur 1,3 Mio. Einwohnern, der Größe Niedersachsens und der Gründung der Republik Estland im Jahr 1918 zählt Estland eher zu den kleineren und jüngeren EU-Staaten. Heute ist Estland eine der IT-Hochburgen der EU und hat unter anderem den Instant-Messaging-Dienst Skype programmiert, dessen Mitarbeiter zu einem großen Teil (40%) immer noch estländischer Herkunft sind. Zudem sind estländische Bürger:innen mit einer Alphabetisierungsrate von 99,8 und einem hohen Bildungsniveau – fast jeder zweite  unter den 30-34-jährigen Estländern hat einen Hochschulabschluss – auch im Bereich Bildung sehr gut aufgestellt. Zum Vergleich: In Deutschland haben nur 34% der 30-34-Jährigen einen Hochschulabschluss.

Grundlagen für eine digitalfreundliche Gesellschaft

Zusammen mit Singapur und Dubai gehört Estland zu den drei weltweit führenden „Smart Nations“, die Vorreiter der digitalen Gesellschaft mit unzähligen Vorteilen im täglichen Leben und als Wirtschaftsstandort sind. So ist das gesamte Land mit Breitbandanschlüssen ausgestattet, verfügt über rund 1.100 freie WLAN-Zugänge und hat die Datensicherheit sowie das Recht auf Internet in seinem Grundgesetz verankert – ein Vorhaben, dessen Planung hierzulande gerade erst vor ein paar Monaten überhaupt beschlossen wurde. Die konkreten Zahlen sind auch hier sehr ernüchternd: während in Estland rund 44% der Internetanschlüsse über Glasfaserleitungen bedient werden, sind es in Deutschland aktuell nur 4,7%. Dabei ist aber nicht nur der deutsche ist-Zustand unbefriedigend, sondern auch das geringe Tempo, mit dem deutsche Digitalisierungsprozesse vorangetrieben werden, denn seit 2014 ist der Anteil der Breitbandanschlüsse um gerade mal 3,6% gestiegen.

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E-Estonia – digitale Interaktion zwischen Staat und Bürgern

Auch staatliche Services sind in Estland weitestgehend digital – ein Projekt, welches unter dem Namen E-Estonia bekannt ist. So existiert bereits seit 2002 eine digitale ID-Card. Die Basis bildet das 2001 eingeführte Programm x-Road, das alle digitalen Verwaltungsprozesse beinhaltet und koordiniert und Estland zur ersten papierlosen Regierung machte. Heirat, Scheidung und Hauskauf – nur diese drei Verwaltungsakte sind in Estland digital nicht möglich. Seit 2000 gibt es ein digitales Finanzamt, 2005 wurden die ersten digitalen Wahlen abgehalten. Auch das estländische Gesundheitssystem ist digital angelegt.

E-Learning in Estland

Auch im Bereich Bildung setzt Estland bereits seit vielen Jahren auf Digitalisierung. Bereits 1996 wurden die ersten IT-Strukturen in Estlands Schulen etabliert, seit 2002 gibt es dort das digitale Klassenbuch – Dinge, die in deutschen Schulen zum großen Teil immer noch nicht realisiert und zum Teil sogar nur schwer vorstellbar sind. Das 2014 eingeführte Programm „Proge-Tiger“ stellt zudem sicher, dass Lehrkräfte und Schüler:innen technologische Kompetenzen erlernen, um die entsprechenden Tools im Bereich E-Learning auch gewinnbringend nutzen zu können. Das Programm schult die Teilnehmenden in den Bereichen Programmierung, Robotics und vielem mehr. Eine Ausbildung in den Informations- und Kommunikationstechnologien ist darüber hinaus fester Bestandteil der Curricula ab der Grundschule. Die im Jahr 2002 gegründete Online Bildungs- und Informationsplattform eKool wird mittlerweile an 90% der Schulen in Estland und Finnland genutzt. Auch eine deutsche Version ist mittlerweile verfügbar. Sämtliche relevante Daten aus dem Schulalltag wie Noten, Lernmaterialien, Schulaufgaben, Stundenplanerstellung und Berichte können hierüber erfasst und verwaltet werden und reduzieren somit den zeitlichen Aufwand der Lehrenden für Verwaltungsaufgaben.

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Estlands Investment in digitalisierte Bildung und E-Learning schlägt sich auch im direkten Vergleich anschaulich nieder: so belegt Estland 2018 Platz Eins im OECD Pisa-Test. Während in Deutschland in den letzten anderthalb Jahren Diskussionen um die Beschaffung digitaler Endgeräte und dem Ausbau von Datenleitungen an den Schulen entbrannten, hat in Estland jede:r Schüler:in Zugang zu einem Endgerät und die Schulen sind nicht nur mit einer WLAN- und LAN-Verbindung, sondern zusätzlich mit 3D-Druckern ausgestattet. Dementsprechend problemlos verlief auch der Unterricht im Lockdown: dank der vorhandenen Infrastruktur und dem bereits vorhandenen Know-how bei Lehrkräften, Eltern und Schüler:innen konnte der Unterricht nach einer ca. zwei-wöchigen Umgewöhnungsphase remote wie gewohnt und vor allem gleichberechtigt fortgeführt werden, ohne Verluste hinnehmen zu müssen.

Was können wir in Deutschland daraus lernen? Zunächst einmal, dass nichts, was unmöglich scheint, es auch wirklich sein muss. Statt Zeit damit zu verschwenden, was gerade noch nicht möglich ist, sollten wir endlich aktiv werden und versuchen aufzuholen, was bisher versäumt wurde. Die Devise lautet: Einfach machen!

Über den Vortragenden

Dr. Til Assmann

Seit 2014 ist Dr. Til Assmann als Honorarkonsul der Republik Estland tätig. Neben der konsularischen Betreuung estnischer Staatsbürger steht er als Ansprechpartner Estlands in Bremen und Niedersachsen für individuelle Reiseberatung, Geschäftsentwicklung und soziale Projekte zur Verfügung. Zudem hält er regelmäßig Vorträge zu Fachthemen wie Digitalisierung (e-Estonia) und Startup.

Einen Blick über den eigenen Tellerrand zu wagen und sich die Methoden und Konzepte zum Thema digitale Bildung in anderen Konzepten anzusehen, kann sehr hilfreich sein. Hier haben wir euch eine Aufklärungskampagne aus Neuseeland vorgestellt.