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Interview mit Birke Bull-Bischoff, Bildungspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Die LINKE.

Birke Bull-Bischoff Bildungspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Die LINKE.

Guten Tag Frau Bull-Bischoff,

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) will den Ländern 100 Millionen Euro Corona-Soforthilfe für digitale Medien geben und die Schul-cloud des Hasso-Plattner-Institut für Schulen, die kein vergleichbares Angebot haben, ausbauen. Reicht das?

Also ich würde zunächst gern ein Grundproblem aufrufen. In Sachen digital unterstütztes Lernen ist Deutschland in der Tat ein Entwicklungsland. Wir haben viel zu wenig Zugang zu leistungsfähigem Internet. Die Konsequenz ist, dass wir gerade im Bildungsbereich einen viel zu kleinen Erfahrungsschatz im digitalen Lernen haben. Dafür wird uns jetzt die Quittung serviert. Und ich würde es mal so sagen, unter Krisenbedingungen ist es natürlich besser als nichts.

Aber was wir vorher nicht geschafft haben, werden wir auch in der Krise jetzt nicht sofort reparieren können

Aber was wir vorher nicht geschafft haben, werden wir auch in der Krise jetzt nicht sofort reparieren können. Das sind Aufgaben für danach. Also die Frage, dass wir überhaupt leistungsfähiges Internet gerade auch in den ländlichen Räumen zur Verfügung stellen, dass die Schulen Personal für die Administration der Geräte bekommen. Ganz zentral ist die Frage, dass Lehrkräfte eine verbindliche und flächendeckende Möglichkeit für Fortbildungen bekommen. Auch in der Ausbildung muss das verankert werden. Und vieles, vieles Anderes. Es bleibt natürlich jetzt Symbolpolitik so nach dem Motto, ich zeige mal, ich mach was. Der Föderalismus zeigt in dieser Krise nicht wirklich seine starke Seite.

Was würden Sie anders machen?

Also jetzt geht es erstmal um Krisenmanagement. Und das heisst, es wäre notwendig, dass die 100 Millionen Euro, die den Ländern zugesprochen wurden, zusätzlich zum Digitalpakt Schule zur Verfügung gestellt werden. Schon bei der Verabschiedung des Digitalpakts Schule ist durch viele Institute bestätigt worden, dass das Geld bei weitem nicht reicht. Deshalb brauchen wir diese Mittel zusätzlich. Was mir sehr wichtig ist, Familien, die auf Sozialleis tungen angewiesen sind, verfügen gar nicht über das Geld, sich zuhause Computer, Laptops, digitale Lernmittel anzuschaffen. Wir müssen sofort die Sicherheitssysteme öffnen für eine digitale Grundsicherung, das ist die Verantwortung der Bundespolitik. So erleichtern wir das Lernen benachteiligter Schülerinnen und Schüler.

Wie können Lehrer genau diese Schüler*innen jetzt am besten erreichen?

Also erstmal möchte ich mich bei denen bedanken, die sich hier engagieren: Lehrkräfte rufen an, schicken Aufgaben per Post oder bringen sie selbst vorbei. Ich glaube, dass allein den Kontakt zu halten, eine ganz wichtige Sache ist. Wichtig ist, das zu tun, was möglich ist.

Ihre Fraktion ruft zu Solidarität auf. Welche konkreten Vorschläge stehen hinter diesem Appell? 

Also ich würde sagen, jetzt in der Krise braucht es Solidarität gegenüber den Schüler*innen, gegenüber denjenigen, die im Moment vor ihren Prüfungen stehen. Hier finde ich, muss gelten, keine Abschlussprüfungen und keine Klausuren in Zeiten von Kontaktbeschränkungen. Weil, wir gefährden nicht nur die Menschen selbst, sondern wir gefährden ihre Kontaktpersonen, ihre Familien, ihre Freunde. Das geht gar nicht. Keine Abschlussprüfungen ohne zwei bis drei Wochen Unterrichtsgeschehen. Ich selbst habe durchaus Sympathien für das sogenannte Durchschnittsabitur, das von Schüler*innen, von Gewerkschaften, von Eltern gefordert wird und was in Schleswig Holstein zuerst vorgeschlagen wurde. Das ist mit Schwierigkeiten verbunden, weil unser Bildungssystem geeicht ist auf Zertifizierung und Testeritis. Es muss sichergestellt werden, dass ein solches Druchschnittsabitur bundesweit anerkannt wird und es dann keine Erzählungen gibt, dass es weniger wert sei. Denn weshalb soll das was Schüler*innen an Leistung gezeigt haben in den vorangegangen Jahren weniger wert sein, als das, was sie durch das sogenannte Bulimielernen für die Klausur oder die Prüfung  „gebüffelt„ haben. Also das ist das eine.

Solidarität brauchen auch diejenigen, die in extrem sozial belasteten Situationen leben. Die nicht genügend Geld haben, die Verantwortung für Geschwisterkinder tragen, die unter psychischem Druck stehen, weil die Familien sich in einer Extremsituation befinden. Das ist mit Angst und Verunsicherung verbunden, auch mit Stress. Wir müssen Kinder- und Jugendhilfe den Zugang ermöglichen zu Familien, die schon seit vielen Jahren Angebote der Kinder- und Jugendhilfe bekommen. Sozialarbeiter*innen, die in die Familien gehen, brauchen anständige Schutzkleidung. Wir brauchen jetzt ganz dringend Schulsozialarbeit. Und wir müssen diejenigen Vereine und Verbände unterstützen, auch finanziell, die sich während der Krise da engagieren. Die anrufen, die Mails schicken, in die Familen gehen. Also diejenigen, die Krisenmanagement leisten und tun, was jetzt möglich ist und diejenigen unterstützen, die in besonderer Weise gefährdet sind.

Mit diesen Vereinen und Verbänden meinen Sie z.B Jugendvereine oder sportliche Einrichtungen?

Ja genau.

Haben Sie das Gefühl, dass diese Einrichtungen von der Bundesregierung momentan genug unterstützt werden?

Also ich will nicht kleinreden, was die Bundesregierung bis jetzt auf den Weg gebracht hat. Es gibt für diese Situation wenig Erfahrung. Aber es wird auch deutlich, dass vieles noch zu tun und vieles ungeklärt ist. Bei mir rufen beispielsweise gerade die Vereine oder Initiativen an, die sich bisher in Förderprogrammen engagiert haben. Dass denen die Personalkosten wegbrechen, dass sie selbst nicht wissen, wie sie über den nächsten Tag kommen. Und wer selber in Existenznot steckt, ist nur bedingt in der Lage, sich um andere zu kümmern. Ich glaube, dass wir da noch eine erhebliche Lücke haben. Lösungsansätze gibt es für die Verbände, die beispielsweise im Sozialgesetzbuch pflichtige  Aufgaben erfüllen, aber weniger für diejenigen, z.B. die Berufsvorbereitung machen oder Demokratie fördern oder in der Kinder- und Jugendhilfe unterwegs sind. Das sind ja alles Verbände, die direkt an den jungen Leuten dran sind, die einen großen Erfahrungsschatz haben. Sie sind für ein Krisenmanagement sehr wichtig.

In der gemeinsamen Erklärung LINKER Bildungspolitiker*innen sagen Sie, dass das Anrecht auf einen eigenen häuslichen Rückzugsort für Schüler*innen gesichert werden muss. Wie genau stellen Sie sich das vor?

Das betrifft ja vor allem Menschen, die auf Sozialleistungen angewiesen sind. Die haben meistens kleine Wohnungen. Das Leben grosser Familien findet auf ganz engem Wohnraum statt. Das ist schwierig für jemanden, der von heute auf morgen zuhause lernen muss. Dafür gibt es wenig Tradition, wenig Erfahrung und jetzt kommt noch dazu, dass kein eigenes Zimmer da ist, dass auf Geschwister aufgepasst werden muss und deswegen müssen wir hier helfen. Das ist eine Aufgabe der Landkreise, wir müssen gucken, dass wir bei der Wohnraumbemessung, bei dem was anerkannt wird beispielsweise im Rahmen von Hartz IV, berücksichtigen, dass Schüler*innen einen eigenen Rückzugsraum brauchen. Sonst kann niemand unter solchen Stressbedingungen lernen.

Prüfungen für Abitur und den Mittleren Schulabschluss sollen weiterhin wie geplant stattfinden. Halten Sie dies für eine gute Idee? Wie kann man Lehrer*innen in diesem Fall am besten unterstützen?

Das geht zu Lasten von Schüler*innen und von Lehrkräften gleichermaßen. Jemand der bei seiner Familie zuhause in einer vergleichsweise entspannten Situation lernen konnte, dessen Prüfungsvorbereitung lief wahrscheinlich deutlich besser bei jemandem, der unter psychischem und sozialem Stress stand. Ich glaube deshalb müssen wir neu überlegen, wie wir in dieser Krisensituation mit den Schulabschlüssen umgehen. Es gilt, keine Abschlussprüfungen und keine Klausuren in Zeiten von Kontaktbeschränkungen. Die Schüler*innen brauchen zwei bis drei Wochen Unterrichtsgeschehen, um einfach wieder reinzukommen, sich mit Lehrkräften und untereinander verständigen und austauschen zu können.

Der Vorschlag, ein Durchschnittsabitur zu ermöglichen, trifft bei mir durchaus auf Sympathien.

Der Vorschlag, ein Durchschnittsabitur zu ermöglichen, trifft bei mir durchaus auf Sympathien. Perspektivisch glaube ich, dass wir sogar generell überlegen müssen, ob Klausuren und Tests als Abschlussprüfungen wirklich geeignet sind, um Kompetenz und Leistungsfähigkeit transparent und nachweisbar zu machen. Setzen sie die richtigen Anreize? Nach meiner Erfahrung testen Klausuren vor allem das „Bulimielernen“, das heißt, wie ist jemand in der Lage kurzfristig möglichst viel in seinem Kurzzeitgedächtnis zu speichern.  Aber ist es das, was wir in der Gesellschaft wollen? Ein allgemeines Umdenken wäre nötig. Länger währende Lernprozesse müssen in Bewertungen einbezogen werden und auch gefördert werden. Ich finde zum Beispiel das Prinzip der besonderen Lernleistung sehr viel geeigneter, also sich über einen längeren Zeitraum mit Problemen auseinanderzusetzen, zu lernen, zu recherchieren, sich mit Widersprüchlichkeiten auseinander zu setzen und nicht so nach dem Motto, welche Lösung gilt, a b oder c. Das bräuchte aber einen sehr tiefgreifenden Wandel in unserer Gesellschaft, die derzeit stattdessen eher auf Zertifikate und Tests setzt. Aber interessant ist ja, dass beispielsweise Unternehmen der Wirtschaft bei der Einstellung von jungen Menschen den Zertifikaten deutlich weniger Wert beimessen. Die wissen ganz genau, dass Zensur und Testergebnisse nur bedingt darüber etwas aussagen, was Schüler*innen können.

Sehen Sie digitale Mittel als ein unterstützendes Element in diesem von Ihnen beschriebenen Wandel?

Also digitale Lernmittel sind lediglich ein Werkzeug. Lernen bleibt ein sozialer Prozess. Und diese soziale Perspektive können auch digitale Mittel nicht ersetzen. Die Frage, ob das Lernen mit digitalen Lernmitteln erfolgreich ist oder nicht, hängt von der Pädagogik ab und damit auch von den Personen, die Pädagogik gestalten, nämlich Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter, Schulpsychologen, usw. Also ich finde, dass digitale Lernmittel gut ergänzen können, wenn man das Setting gut gestaltet. Ich warne aber auch davor, dass wir mit digitalen Lernmitteln, zum Beispiel durch Learning Analytics und künstlicher Intelligenz in Schule, ein Verständnis von Schüler*innen als Menschen bekommen, die vermessen werden müssen, um ihnen beim Lernen zu helfen. Das hat eine datenschutzrechtliche Komponente, sehr wohl, aber stellt sich aber auch die Frage, wie betrachtet ich Schüler*innen. Vermesse ich sie permanent, habe ich da ein Ranking als Erwartungshintergrund oder nicht. Ich finde das ist eine Gefahr. Aber ich finde auch: Digitale Lernmittel sind nicht weg zu denken aus unserem Leben, deswegen gehören sie in Schulen. Deswegen gehört ein gut reflektierter, durchaus kritischer Umgang einfach dazu. Ich bin ein Mensch, der sehr computeraffin ist, was aber auch bedeutet, dass ich immer kritisch bleiben muss, das ich mich fragen muss, was macht das mit mir. Also was macht das mit Schüler*innen. Niemals können digitale Mittel Lehrkräfte ersetzen.

In diesem Zusammenhang, sollte es ein größeres Angebot an Fortbildungen geben?

Auf jeden Fall. Ich will allerdings auch auf den hohen Altersdurchschnitt von Lehrkräften hinweisen. Es gibt Kolleg*innen, die durchaus affin sind, denen das Spaß macht, die neugierig sind, die ausprobieren und wir treffen auch auf Lehrkräfte, die da mit Ängsten belastet und unsicher sind. Hier ist es wichtig sicherzustellen, dass wir diese Lehrkräfte nicht abhängen. Wir müssen schauen, dass wir Brücken bauen und ihnen die Chance geben, Sachen auszuprobieren und begleitet zu werden. Lehrer*innen sind auch nur Menschen und die Fortbildungsangebote müssen auf unterschiedliche Lebenserfahrung, auf unterschiedliche Biografien abgestimmt werden. Medien- und digitale Kompetenz gehören auf jeden Fall in die Ausbildung von künftigen Lehrkräften.

Glauben Sie, dass die derzeitige Corona Krise auch als Chance für einen Systemwandel genutzt werden kann?

Wir werden nach dieser Krise eine andere Gesellschaft sein als vorher. Es sind in vielen Bereichen Fragen aufgeworfen worden; viele Kritikpunkte, die es seit Jahren gibt, sind illustriert worden durch diese Krise und deren Folgen. Offen ist, in welche Richtung wird sich die Gesellschaft – und damit auch Bildung und Bildungsverständnis, Bildungspolitik, die Rahmenbedingungen, die wir für Lehrer*innen aufstellen – in welche Richtung wird sich das entwickeln. Ich würde mir wünschen. dass wir Bildung nicht als Ware verstehen, als einen Prozess indem es lediglich um Zertifikate als Zugang zur nächsten Stufe geht. Sondern dass wir Bildung als sozialen Prozess verstehen, der vor allem von Neugier und Spaß lebt, und weniger von Stress und Druck. Dafür brauchen wir auf jeden Fall bessere Lehr- und Lernbedingungen. Lehrer*innen und Schüler*innen unter Stress sind weniger bereit, neues auszuprobieren oder sich Dinge anders vorzustellen. Wir haben auch einen riesigen Nachholbedarf im Investitionsbereich. Wir müssen mit Vielfalt besser umgehen können, gemeinsam und voneinander lernen. Wir haben oftmals dort zu wenig finanzielle Mittel für Bildung, wo sie am meisten gebraucht werden – bei jungen Menschen mit vielfältigen Benachteiligungserfahrungen. Ich hoffe auf ein Umdenken und ich werde mich auf jeden Fall weiter dafür engagieren.

Möchten Sie den Lehrer*innen noch etwas auf den Weg geben?

Auf jeden Fall gehört der Dank an erster Stelle Lehrkräften und Pädagog*innen im Allgemeinen, die genau wie ihre Schüler*innen einem besonderen Stress ausgesetzt sind, was auch mit der momentanen Unsicherheit zu tun hat. Ich will mich vor allem bei denen bedanken, die Kontakt zu ihren Schüler*innen beibehalten oder suchen, sei es auf traditionelle Weise, also am Telefon oder die hingehen, die Mails schicken, die sich kümmern und sich sorgen. Denen gilt vor allem Dank und auch hier gilt: Allein Dank reicht nicht, wir müssen ihre Arbeitsbedingungen verbessern.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Mehr über Birke Bull-Bischoff:

Website: https://www.birke-bull.de/politik/aktuell/

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