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Interview mit dem SwissAcademy Gründer Silvan Hinterberger

SwissAcademy begleitet, coacht und unterstützt Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in ihrer schulischen Laufbahn – von der Grundschule über Aufnahmeprüfungen und Probezeiten bis hin zum Hochschulabschluss. Wir haben mit dem Gründer Silvan Hinterberger über Corona, e-Learning Tools und die Bildungspolitik der Zukunft gesprochen. 

Herr Hinterberger, Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Gespräch genommen haben. Wann kam Ihnen die Idee diese Plattform zu gründen, und warum?

Also das Ganze ist im Jahr 2017 entstanden. In dieser Zeit habe ich in der Schweiz als Lehrkraft gearbeitet. In der Schweiz muss man für einen Wechsel auf das Gymnasium eine Eintrittsprüfung machen und in diesem Rahmen haben wir hauptsächlich Prüfungsvorbereitungskurse angeboten. Mir fiel auf, dass in der Schule, in der ich gearbeitet habe, meiner Meinung nach, einiges suboptimal ablief. Die Unterrichtsqualität war nicht angemessen gegenüber dem was preislich verlangt wurde für die Lektionen. Und nachdem ich das mit mir selbst nicht mehr vereinbaren konnte, habe ich beschlossen, etwas Besseres auf die Beine zu stellen was einerseits höhere Unterrichtsqualität hat und andererseits auch für alle  bezahlbar ist, die nicht zu oberen Einkommensschichten gehören. So habe ich die Plattform im Sommer 2017 im Sommer mit einem Kollegen gegründet. Wir haben uns in einer ersten Phase auf Schülernachhilfe Vermittlung konzentriert. Einerseits konnten sich Schüler*innen, welche Nachhilfe geben wollten auf der Plattform registrieren und andere Schüler*innen konnten diese Personen buchen. Dieses System hat auch gut funktioniert.

Ich habe die Plattform in meiner Freizeit betrieben und das Ganze war auch nicht profitmaximierend aufgestellt. Ich wollte einfach einen gesellschaftlichen Mehrwert generieren, weil ich aus eigener Erfahrung wusste, dass es nicht immer ganz einfach ist, sich für eine Aufnahmeprüfung vorzubereiten. Wir haben dann aber relativ schnell gemerkt, dass unsere Moodle-basierte Plattform auch für Schulen interessant sein könnten. Und so kam die Idee, dass wir nicht nur unsere eigenen Inhalte vermitteln, sondern dass Schulen und Lehrkräfte ihre Inhalte mithilfe der Plattform effizient an die Schüler*innen bringen können. Diese Idee stieß auf sehr positive Resonanz. So konnten wir dann auch Schritt für Schritt weitere Schulen von unserem Angebot überzeugen. Gleichzeitig habe ich dann auch im Sommer 2019 an der von der UZH organisierten Social Entrepreneurship Challenge teilnehmen können und habe im Rahmen dessen das Social Entrepreneurship Siegel von der Universität Zürich erhalten. 

Vor der Corona-Krise hatten wir in etwa 10 Schulen und 20 Lehrer, die die Plattform aktiv genutzt haben. Als der Corona Virus dann aufkam und es plötzlich an einem Freitag in der Schweiz hiess, dass am kommenden Montag alle Schulen geschlossen werden, habe ich mich dafür entschieden, unser System kostenlos anzubieten. Die Schulen befanden sich in einer schwierigen Situation und bei vielen waren digitale Frameworks noch nicht wirklich aufgebaut. Wir haben auch keine große Werbung gemacht, sondern lediglich ein paar Facebook Posts verfasst und in Lehrergruppen geteilt. Innerhalb von drei Tagen haben sich dann über 200 Lehrkräfte registriert. Also das war ein enormer Anstieg.

Die Plattform in ihrer jetzigen Form hat also nichts mehr mit der ursprünglichen Idee, Nachhilfe- und Vorbereitungskurse anzubieten zu tun?

Selbst vermitteln wir keine Inhalte. Es ist keine Plattform, auf der man sich registrieren kann um 20 Rechenaufgaben herunterzuladen. Es geht wirklich darum, eine Plattform für Lehrer*innen und Schulen anzubieten, mithilfe derer sie ihr Material digital effizient verteilen können. Gleichzeitig aber können sie auch Aufgaben wieder einfordern und mit einer Deadline versehen, so kann das Ganze relativ effizient von Lehrkräften bewertet werden.

Welche Funktionen sind besonders beliebt? 

Was sehr geschätzt wird, ist die Möglichkeit, interaktive Inhalte gestalten zu können. Die können sehr leicht in Kursen eingebunden werden und wirkt sehr motivierend auf die Schüler*innen. So können die Lehrer beispielsweise Memory Games, interaktive Texte, die man bearbeiten kann,  oder interaktive Timelines erstellen, wo man sich durch die Geschichte durchklicken kann. Weiterhin kann man Quizze erstellen, die die Form eines Online Test annehmen, welche die Schüler*innen bearbeiten können. Bei all diesen Funktionen geschieht die Korrektur automatisch, sodass Lehrkräfte nicht aktiv die Abgaben auswerten müssen. 

Die Software für all diese Sachen werden von euch bereitgestellt? 

Genau. Das Ganze ist Moodle basiert. Moodle ist ein open source Plattform, die sehr anpassungsfähig ist. Wir haben gewisse Vorkehrungen getroffen, dass beispielsweise der Datenschutz gewährleistet ist; es wird alles nur auf Schweizer Servern gespeichert. Es werden keine persönlichen Daten gespeichert oder weitergegeben. Die Plattform ist mit den europäischen Datenschutzrichtlinien konform. 

Haben Sie den Eindruck, dass das Lehrpersonal gut mit dem System zurechtkommt? Was waren die Rückmeldungen? 

Es gab grundsätzlich zwei Rückmeldungen. Ich beginne mit der negativen. Teilweise haben sich Lehrpersonen registriert und waren dann enttäuscht, dass keine Inhalte vorhanden waren. Sprich, sie haben realisiert, dass sie selber Inhalte erstellen müssen. Das war für uns eine Lernerfahrung, sodass wir auf der Website nochmal hervorgehoben haben, was wir anbieten und was nicht. Andere Onlinelösungen bieten beispielsweise einen Aufgabenkatalog an, die die Lehrpersonen nutzen können, um ihre Aufgaben komplett herzustellen. Das ist bei uns nicht der Fall.

Der Großteil des Feedbacks war positiv. Obwohl das System von außen sehr technisch wirkt, haben die Lehrer*innen realisiert, dass das ganze gar nicht kompliziert ist. Wir haben auch ein paar Zitate auf der Website veröffentlicht. Eine Nutzerin hat beispielsweise geschrieben, die Plattform sei sehr benutzerfreundlich und einfach bedienbar, und sogar nicht technisch affine Lehrpersonen können hier mühelos ihr Schulmaterial hochladen. Das zeigt auch schon, dass die Plattform so gestaltet ist, dass auch Lehrpersonen, die nicht mit einem Computer aufgewachsen sind, das Ganze gut bearbeiten können. 

Auf Ihrer Website sagen Sie, dass Schüler Social Points sammeln können – Was ist die Idee hinter diesem Konzept?

Auf der Plattform ist ein Punktesystem integriert. Alle Nutzer*innen erhalten für gewisse Aktionen Punkte, wenn sie beispielsweise gewisse Links anklicken, wenn sie Kurse öffnen, wenn sie sich mit anderen Schüler*innen in einem Forum austauschen, wenn sie Beiträge kommentieren, usw. Wir haben eine Vordefinition für die Punkteverteilung bei gewissen Abläufen. Die Lehrpersonen haben aber auch die Möglichkeit, die für sich frei anzupassen. Wenn sie beispielsweise wollen, dass das Forum aktiv genutzt wird, können sie dementsprechend veranlassen, dass die Schüler*innen mehr Punkte erhalten, wenn sie einen Forumsbeitrag erstellen. Und das Ganze ist so aufgebaut, dass es wie Gamification stattfindet. Die Schüler*innen können sich in einer anonymen Rangliste vergleichen. So können Schüler*innen ihren eigenen Rang innerhalb der Klasse sehen, aber nicht, wer auf den anderen Plätzen liegt. So werden Schüler*innen motiviert, aufsteigen zu wollen. Statistiken zufolge ist diese Rangliste das dritt-meist geklickte Element auf der Plattform. 

Wie vorhin erwähnt haben wir ursprünglich Onlinekurse angeboten. Wir haben das System aus dem Grund Social Points genannt, dass wir für jeden von Schüler*innen generierten Punkt mit einem gewissen Geldbetrag matchen. Dieser Geldbetrag wird dazu verwendet, dass diejenigen Schüler*innen, die sich die Prüfungsvorbereitungen nicht leisten können so unterstützt werden. Mit jedem verdienten Punkt können Schüler*innen so in der Rangliste aufsteigen, wissen aber auch gleichzeitig, dass dieser Punkt einer anderen Person zu Gute kommt. 

Aufgrund unseres momentanen Gratis-Angebots haben wir zurzeit aber auch keine wirklichen Einnahmen und deshalb ist es uns momentan nicht möglich, das Geld auch tatsächlich bereitzustellen. Das ändert sich natürlich, sobald die Corona Krise überwunden ist. 

Bis zu den Sommerferien ist die Plattform komplett frei – Wie sieht die weitere finanzielle Strategie aus? 

Die finanzielle Strategie, so wie sie momentan aufgestellt ist, orientiert sich an der Schulgröße, bzw. der Anzahl der Schüler*innen. Die Idee dahinter ist, dass kleinere Schulen mit etwa 50 Schülern nicht den gleichen Betrag zahlen sollten, wie Schulen, die 200 Schüler haben. Zweitens orientiert sich der Preis daran, welche Funktionen von der Schule gewünscht werden. Sprich, wenn gewisse Spezialwünsche vorhanden sind, schauen wir, dass wir diese implementieren können. Das würde sich in einer Preisänderung widerspiegeln. 

War das Schweizer Schulsystem Ihrer Meinung nach auf die Herausforderungen der Corona-Krise vorbereitet? 

Ich denke, dass das Schulsystem die Digitalisierung teilweise ignoriert hat. Deswegen waren auch viele Schulen nicht auf die raschen Umstellungen vorbereitet. Ich muss dazu aber auch sagen, dass in der Schweiz die meisten Gymnasien digitale Lehre implementiert haben. Die Systeme waren da vorhanden und ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass sie auch vor Corona mehr oder weniger aktiv genutzt wurden. Aber in der Primar- und der Sekundarstufe sind diese Systeme quasi inexistent. 

Wie bereits erwähnt, wurde die Schulschließung in der Schweiz an einem Freitag für den kommenden Montag kommuniziert. Viele Schulleitungen und Lehrer*innen waren auf ein solches Ereignis nicht vorbereitet und mussten spontan Lösungsansätze entwickeln. 

Was muss sich langfristig in der Bildungspolitik ändern? 

Lehrkräfte müssen bereits in der Ausbildung in digitaler Lehre geschult werden. Ihnen sollten die Möglichkeiten aufgezeigt werden, was digitale Lehre bietet und was für Möglichkeiten und Risiken bestehen. Das ist ein ebenso wichtiger Aspekt der Digitalisierung – auf der einen Seite stehen die Funktionen, auf der anderen Seite die möglichen Risiken, hauptsächlich bezüglich Datenschutz. Das Beispiel Zoom zeigt, wie wichtig es ist, die Daten der Nutzer*innen zu sicheren und die nicht für Werbezwecke missbraucht werden. Lehrpersonen müssen demnach dementsprechend geschult werden um auch die Risiken richtig einschätzen zu können. 

Wie sieht die Zukunft der Plattform aus?

Es würde uns natürlich sehr freuen, wenn sich mehr Schulen für unsere Plattform entscheiden würden. Momentan haben sich Schulen aus der Schweiz und Deutschland auf der Plattform registriert. Unser Ziel ist es, obwohl wir SwissAcademy heißen, die Plattform im gesamten DACH-Gebiet zu etablieren. Auf Grund des guten Feedbacks bisher sind wir positiv für die Zukunft gestimmt. 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Silvan Hinterberger ist der Gründer der Schweizer Plattform SwissAcademy. Er hat einen Hintergrund in Wirtschaftswissenschaften und Data Science und war mehrere Jahre  als Lehrassistent und Lehrkraft tätig. 

Hier geht’s zur Plattform: SwissAcademy

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