Dr. Anja Hagen ist die Gründerin von education 360°, Geschäftsführerin von eduApps und OVS und als Beirätin der Zukunft Digitale Bildung gGmbH eine der Expertinnen für digitale Bildung in Deutschland. Lehrer News hat sie interviewt.

Lehrer News: Sehr geehrte Frau Dr. Hagen, Vielen Dank, dass sie sich dazu bereit erklärt haben Lehrer News ein paar Fragen zu beantworten. Sie sind als Gründerin und Geschäftsführerin von education 360° und als Geschäftsführerin von eduApps und Online-Vertretungsstunden (OVS) eine der umtriebigsten Playerinnen im deutschen Bildungssektor. Wie sind Sie auf das Thema Bildung aufmerksam geworden?

Dr. Anja Hagen: Ich habe das Thema Bildung nicht gesucht, es hat mich irgendwie gefunden. Schon bei meinem ersten Job als Tutorin an der Uni wusste ich: Das ist mein Ding. Die Zusammenarbeit mit vielen, unterschiedlichen Menschen, das Verstehen der Lernvoraussetzungen und Lernziele jedes Einzelnen, das Ringen um die richtige Vermittlungsmethode – und dann der Aha-Moment beim Verstehen. Ich liebe meinen Job und ich liebe es, nach immer neuen Lösungen für noch reichhaltigeres Verstehen zu suchen.

Lehrer News: Welche Schritte sind Ihrer Meinung nach notwendig, um die Bildung an den Schulen digitaler zu gestalten?

Dr. Anja Hagen: Schulische Bildung muss digitaler werden, weil das Digitale zur Lebenswelt der Schüler*innen dazu gehört. Wir haben die Verantwortung, sie fit zu machen für eine digitale Welt, und wir haben die Aufgabe, sie da abzuholen, wo sie stehen. Und dort, wo das Digitale Mehrwerte beim Lehren und Lernen gegenüber analogen Formen bietet, ist es auch unsere Pflicht, die neuen Möglichkeiten so gut es geht auszuschöpfen.

Es ist unsere Pflicht digitale Möglichkeiten so gut es geht auszuschöpfen.

Der erste Schritt, der dafür notwendig ist, ist die kontinuierliche und bedarfsbezogene Fortbildung der Lehrkräfte. Freudvoll gemacht, in Lernhäppchen, die gut in den Arbeitsalltag integrierbar sind, und die das peer-Learning stärken. Denn im Digitalen ist niemand länger als 24 Stunden ein Experte. Und eine Schule „digitalisiert“ man nur in einem starken Kollegium.
An zweiter Stelle brauchen Schulen verlässliche Rahmenbedingungen; dazu gehören klare Finanzierungsoptionen für Endgeräte, Externalisierung von Wartung und Support, bundesweites ID-Management, eine Whitelist datenschutzkonformer Anwendungen und Auftragsdatenverarbeitungsverträge auf Schulträger- oder Bundesland-Ebene.

Lehrer News: Um eine Sorge vieler Lehrkräfte anzusprechen: Glauben Sie, dass die Digitalisierung den Beruf „Lehrkraft“ irgendwann überflüssig sein lässt?

Dr. Anja Hagen: Nein. Mit zehn Ausrufezeichen. Lehrkräfte sollen sich hier nicht ins Bockshorn jagen lassen und selbstbewusst formulieren, wie Lernen funktioniert und was ihre Kernkompetenz ist. Lernen ist ein sozialer Prozess, es braucht fürs Lernen die Interaktion mit anderen, das persönliche und emotionale Feedback, das Erfahren von Wirksamkeit, es braucht Vorbilder, Lernpartner und Begleiter. Bei aller Hoffnung in das unterstützende Potenzial von Künstlicher Intelligenz: Das ganzheitliche Verstehen des Lernenden, das umgreifende Eingehen auf die ganz besonderen Lernvoraussetzungen des Einzelnen, das kann keine Maschine der Welt leisten. Das ist die Kernkompetenz von Pädagogen. Umgekehrt sollten Lehrkräfte sich auch nicht scheuen oder sich damit auseinandersetzen, die Dinge an digitale Tools abzugeben, die von diesen gut oder z.T. auch besser übernommen werden können: Stundenplanung, Hausaufgabenkontrolle, Eingangsdiagnostik, adaptive Übungen …

Lehrer News: Sie sind Geschäftsführerin von eduApps, was kann die Plattform Lehrkräften bieten?

Dr. Anja Hagen: eduApps bietet zwei Dinge: Zum einen umfangreichen, kostenlos nutzbaren Katalog digitaler Anwendungen für Schule und Unterricht. Wir haben inzwischen knapp 400 Lehr- und Lernlösungen auf unserer Plattform. Lehrkräfte können nach Schulform und Fach und Schlüsselwörtern suchen und finden dann Vorschläge für digitale Inhalte und Tools – egal ob Webseiten, mobile Apps oder YouTube-Kanäle, egal ob kostenpflichtige oder kostenlose Anwendungen.
Darüber hinaus bietet eduApps PLUS eine Art „digitales Grundversorgungspaket“. Vergleichbar vielleicht mit Netflix oder Amazon Prime. Für eine Flatrate im Monat können Lehrkräfte ein ganzes Paket aus Lehr- und Lernapps für sich und eine Klasse von 40 Schüler*innen nutzen. Ideal für alle Lehrkräfte, die am Anfang ihrer digitalen Reise stehen und erste Erfahrungen sammeln wollen, ohne gleich zig Accounts bei zig Anbietern anzulegen und zig Lizenzvereinbarungen zu studieren.

Anja Hagen OVS

Screenshot von online-vertretungsstunden.de, einer Gründung von Dr. Anja Hagen

Lehrer News: Was ist eigentlich Ihre eigene Gründung, education 360° und warum sollten unsere Leser*innen sich Ihre Plattform ansehen?

Dr. Anja Hagen: Die education 360° ist für Lehrkräfte eigentlich uninteressant. Dies ist meine Consulting Firma, hier berate ich Unternehmen oder Institutionen, auch viele Start ups, die neu im Bildungsmarkt sind oder nach Unterstützung bei der Strategie- oder Produktentwicklung suchen. Interessanter ist sicherlich www.online-vertretungsstunden.de. Auf dieser Plattform bieten wir aufgezeichnete Unterrichtsstunden, bestehen aus methodisch aufeinander folgenden Videos und verständnissichernden interaktiven Aufgaben, die im Unterricht gezeigt oder einfach an Schüler*innen verteilt werden können. Für den Fall, dass eine Lehrkraft kurzfristig ausfällt oder eine Lehrerstelle nicht besetzt werden kann. Im Moment findet man hier nur Unterrichtsstunden für Physik, 7. Klasse, aber wir haben das Ziel, unser Angebot mindestens auf alle MINT-Fächer auszubauen

Lehrer News: Sie sind auch im Beirat der Zukunft Digitale Bildung gGmbH, wie sind Sie darauf aufmerksam geworden?

Dr. Anja Hagen: Ich bin eines Tages mit Herrn Colsman (Geschäftsführer und Mitgründer der ZDB, Anm. d. Red.) ins Gespräch gekommen und er hat mir von Zukunft Digitale Bildung berichtet. Am Anfang war ich skeptisch, doch er hat mich überzeugt, dass dieses Projekt die Digitalisierung der Bildung wirklich vorantreiben kann. Es gibt viele Organisationen und Menschen, die jetzt ihren Beitrag leisten wollen. Zukunft Digitale Bildung kann das Engagement vieler bündeln und auf gemeinsame Ziele ausrichten. Hier mit dabei zu sein und – wenn ich kann – zu unterstützen, war meine Motivation, dem Beirat beizutreten.

Lehrer News: Was ist Ihre persönliche Motivation und woher nehmen Sie die Kraft, den Bildungsmarkt so sehr voranzubringen?

Dr. Anja Hagen: Der Bildungsmarkt ist kein Ort für „Schnell-Geld-Macher“ oder „Heiße-Luft-Produzierer“. Die meisten Menschen, die im Bildungsmarkt tätig sind, sind fachlich und emotional hoch engagiert – zum Teil bis zur Selbstausbeutung. Gestern habe ich mit einem pensionierten Chemielehrer telefoniert, der immer noch Experimentiervideos und Quiz produziert, um seine jüngeren Kolleg*innen zu unterstützen. Menschen wie dieser Chemielehrer geben mir den Antrieb. Und natürlich jeder Schüler, der uns schreibt, dass er z.B. durch eines unserer Unterrichtsstunden etwas verstanden hat, was ihm bislang verschlossen geblieben ist. Dann kriege ich Gänsehaut und setze mich sofort wieder an den Schreibtisch.

Geld

Die Bildung ist kein Ort um schnelles Geld zu verdienen.

Lehrer News: Möchten Sie unseren Lehrkräften noch eine persönliche Nachricht mitgeben?

Dr. Anja Hagen: Ich möchte vor allen Dingen Danke sagen – Danke für euren unermüdlichen Einsatz, das Einlassen auf z.T. wackelige digitale Lösungen, das Improvisieren, den nie nachlassenden Versuch, unter täglich veränderten Rahmenbedingungen das Beste für die anvertrauten Schüler*innen rauszuholen. Es ist in der Presse viel darüber geredet worden, was nicht funktioniert hat, und zu wenig über das, was trotz allem funktioniert hat. Ich habe sehr, sehr große Hochachtung und Wertschätzung für alle Lehrkräfte, grundsätzlich und besonders in den verrückten Zeiten der letzten Monate. Ich habe mit Lehrerinnen und Lehrern telefoniert, die über 100 Schüler*innen täglich im distance learning betreut haben, fast am Ende ihrer Kräfte waren und trotzdem weiter gemacht haben. Meinen herzlichen Dank dafür. Ich zieh den Hut.

Lehrer News: Sehr geehrte Frau Dr. Hagen, vielen Dank für das Interview!

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