Zum Welttag gegen die Internetzensur wurde am 12. März  die Uncensored Library von Reporter ohne Grenzen veröffentlicht. Dabei wird das Computerspiel Minecraft als Schlupfloch genutzt, um zensierte Artikel von Journalist:innen in deren Heimatländern zu verbreiten. Die Texte aus Ägypten, Mexiko, Russland, Saudi-Arabien und Vietnam sind in Büchern in einer virtuellen Bibliothek im Internet ausgestellt. Während unabhängige Nachrichtenportale und Onlinezeitungen in vielen autokratischen Staaten gesperrt sind, ist Minecraft fast überall frei zugänglich. 

Das folgende Interview wurde geführt mit Kristin Bässe.

  1. Warum wurde das Projekt „Uncensored Library“ ins Leben gerufen?

Wir haben eine Möglichkeit gesucht junge Menschen zu erreichen und Zensur zu umgehen. In vielen Ländern werden Medien leider immer noch zensiert und es herrscht keine Presse- und Internetfreiheit.

  1. Wie wichtig ist so ein Projekt?

Sehr wichtig, da es nicht so leicht ist die Zielgruppe über eine normale Pressemitteilung oder Anzeige in einer Tageszeitung zu erreichen. Mit unserem Projekt sind wir an einen Ort gegangen, wo junge Menschen auch schon sind. Deswegen ist so ein kreatives Projekt enorm wichtig. Da sind wir auch auf die Zusammenarbeit mit Kreativagenturen angewiesen, da es viele Ressourcen verbraucht hat. Insgesamt waren 70 Leute auf Seiten der Kreativagentur beteiligt. Die PR-Agentur hat auch eine große Rolle gespielt, da auf das Projekt aufmerksam gemacht werden musste.

  1. Sind die bisherigen Rezensionen positiv?

Die bisherigen Rezensionen sind sehr positiv. Zu einem von den Medien, dann auch von den Menschen, die Minecraft spielen. Die Bücherei ist sehr beeindruckend und Menschen, die sich im Gaming Bereich auskennen, erkennen die ganze Arbeit, die dahintersteckt. Auch für die Leute, für die wir die Artikel bereitstellen ist das Projekt was sehr Besonderes. Aus Russland gab es zum Beispiel sehr viel positives Feedback. Generell finden sehr viele Menschen die „Uncensored Library“ spannend.

  1. Wieso wird Minecraft nicht einfach verboten in bestimmten Ländern?

Die meisten autoritären Staaten können es sich einfach nicht erlauben. Es wird ja auch meist nicht eine ganze Plattform gesperrt, sondern einzelne Inhalte. Wenn es mal Angriffe gab, hatten wir bis jetzt immer Glück, dass wir diese abwehren konnten. Selbst wenn unser Server gesperrt werden sollte in einem Land, haben wir vorgesorgt und die Karte zum Downloaden bereitgestellt. Man kann die „Uncensored Library“ als Spieler:in also wieder hochladen. Bis jetzt haben schon über 300.000 Menschen die Karte heruntergeladen und wieder hochgestellt. Von daher ist die „Uncensored Library“ selbst vor Zensur geschützt und es ist sehr unwahrscheinlich, dass diese je gesperrt wird.

  1. Kann man als Nutzer der „Uncensored Library“ in den Ländern mit Konsequenzen seitens der Regierung rechnen?

Man kann natürlich nie garantieren, dass man komplett anonym ist im Internet, aber wir haben glücklicherweise keine Aufmerksamkeit seitens einer Regierung. Aber wir geben unser Bestes die Gefahren für jede:n Einzelne:n zu minimieren. Der Server steht zum Beispiel in Europa und wird gut geschützt.

  1. Gab/gibt es viel Gegenwind für das Projekt?

Gegenwind gab es eigentlich kaum. Wir haben Minecraft/Microsoft davor nicht über das Projekt informiert. Diese haben die „Uncensored Library“ aber unterstützt. Generell gibt es viel mehr positives Feedback als Gegenwind oder Kritik

  1. Gab/ gibt es viele Unterstützer?

Es gibt viele Unterstützer. Leute aus dem Gaming/YouTube-Bereich sind sehr interessiert. Es gibt viele, die sich melden und ehrenamtlich helfen wollen. Vieler Schüler:innen und Student:innen melden sich auch und wollen zum Beispiel Infos über das Projekt, um eine Facharbeit oder ein Referat zu diesem Thema zu machen.

  1. Läuft das Projekt wie geplant?

Es läuft eigentlich nicht wie geplant, da wir uns gar nicht so viel Erfolg versprochen haben. Das ist also schonmal positiv. Wir sind sehr überrascht, dass wir so viele Menschen erreichen konnten. Bis jetzt 25 Millionen Menschen aus über 165 Ländern. Über 400 Menschen haben Videos auf YouTube erstellt über die „Uncensored Library“. Das Feedback ist auch enorm, viele Nachrichten und Artikel wurden bis jetzt über das Projekt geschrieben.

  1. Sollte in Schulen mehr auf Projekte, wie die „Uncensored Library“ aufmerksam gemacht werden?

Auf jeden Fall, weil es eben auf kreative Art und Weise deutlich macht, wie wichtig die Pressefreiheit für eine Demokratie ist. Außerdem zeigt das Projekt, dass nicht jede:r Zugang zu freien Informationen hat. Das Projekt zeigt deutlich, wie schwierig die Lage für viele Menschen auf der Welt ist. Meiner Meinung nach sollte mehr auf solche Themen/Projekte eingegangen werden, aber auch solche Tools wie Minecraft oder Gamification sollten mehr genutzt werden. Dafür bietet sich die „Uncensored Library“ sehr gut an.  

  1. Wie können Lehrer:innen das Thema in den Unterricht integrieren?

Lehrkräfte können an vielen Punkten ansetzen. Im Politik-Unterricht ist es zum Beispiel wichtig, solche Themen anzusprechen. Man kann mit Schüler:innen in die „Uncensored Library“ gehen, sich die Räume anschauen und über einzelne Themen sprechen. Wir haben auch Workshops für Schüler:innen und stellen in diesen unser Projekt vor. Schulen können sich also einfach bei uns melden. Wir stellen auch Lernmaterialien zur Verfügung. Man kann aber auch Journalist:innen in den Unterricht einladen und mit diesen sprechen, vor allem mit Exil-Journalist:innen.

  1. Wird das Projekt vergrößert oder wie sieht die Zukunft generell aus?

Das Projekt wurde bis jetzt zwei Mal vergrößert. Wir haben dieses Jahr am Tag gegen Internetzensur (12.03.) zwei weitere Räume hinzugefügt (Belarus und Brasilien). Vor kurzem haben wir auch einen Raum für Eritrea hinzugefügt. Anlass war die 20-jährige Inhaftierung des schwedisch-eritreischen Journalisten Dawit Isaak. Mit dem raum wollten wir nochmal auf seinen Fall aufmerksam machen. Es ist auch nicht klar, ob er überhaupt noch lebt. Generell ist die „Uncensored Library“ als fortlaufendes Projekt geplant.

Vielen Dank an Reporter ohne Grenzen, vor allem Kristin Bässe für das informative Interview. Das Thema ist sehr wichtig und sollte jedem bekannt sein. Habt Ihr Anregungen, wie man Schüler:innen solch ein Thema näher bringen kann? Was hält ihr von so einem kreativen Projekt? Lasst es uns in den Kommentaren wissen!