Aktuelle Artikel mit anderen Lehrern teilen!

Interview mit Tino vom E-Learning Blog Smart Classroom

Seit mehreren Jahren ist der digitale Unterricht an Schulen ein heiß umstrittenes Thema. Manche Lehrerinnen und Lehrer sind offen, verschiedene Techniken in ihren Unterricht einzubauen und andere schwören weiterhin auf ihren „Old School“-Unterricht mit Tafelanschrieb und Lehrbüchern. Dass der digitale Unterricht im Jahre 2020 die einzige Möglichkeit zu unterrichten ist, hätte niemand geahnt. Durch die Schulschließungen sind mittlerweile selbst die „Old School“ Lehrerinnen und Lehrer gezwungen, auf die Vielfalt an Lernapps, Websites und Tools zuzugreifen.

Für viele war dies anfangs ein großer Schock und stellte eine große Herausforderung dar. Mittlerweile erkennen jedoch viele Lehrerinnen und Lehrer die Vorteile des digitalen Unterrichts und lernen den Umgang mit den dafür notwendigen Tools.

Logo E-Learning Blog Smart Classroom

Quelle: https://images.app.goo.gl/RjP48usGjYbXx4257

Ein Lehrer, der bereits vor den Schulschließungen das Potential der digitalen Medien im Unterricht erkannte, ist Tino von smart-classroom.de.

Er ist Lehrer an einer Gesamtschule, an der er ebenfalls für alle Tätigkeiten im Bereich IT zuständig ist. Durch seine Begeisterung für Technik liegt es nahe, dass Tino diese auch im Unterricht nutzt und bei vielen seiner Kollegen und Kolleginnen darauf aufmerksam machen will.

Um mehr Leute erreichen zu können, ist Tino regelmäßig auf seinem Blog aktiv und versorgt Lehrerinnen und Lehrer mit Informationen für das digitale Unterrichten.

In Form von Beiträgen und Newslettern versorgt er seine Nutzer mit Informationen und Tipps für das Nutzen von Tablets, Apps und weiteren Tools im Unterricht. Des Weiteren veranschaulicht er mit Tutorial-Videos die korrekte Nutzung dieser.

Wir von Lehrer-News.de freuen uns, dass Tino sich die Zeit genommen hat, mit uns ein kleines Online-Interview zu führen.

Lehrer-News.de: Hattest du bei der Umstellung auf den digitalen Unterricht, trotz deiner Erfahrungen, Probleme?

Das Schwierige an der Umstellung auf digitalen Unterricht ist denke ich für viele gewesen, dass es so plötzlich kam. Auf einmal benötigst du die Materialien, die du sonst nur auf den Kopierer legst, digital, um mit ihnen auch digital arbeiten zu können. Des Weiteren bricht eine schiere Masse an Vor- und Nachbereitung über dich herein. Im regulären Unterricht profitieren die Schüler*innen gerade von der gegenseitigen bzw. gemeinsamen Sicherung von Unterrichtsinhalten. Es kann ergänzt, gesammelt, hinterfragt werden – dieser komplette Austauschprozess unter den Schüler*innen und mit den Schüler*innen entfällt einfach. In einer idealen Welt muss jede*r Lernende ein individuelles Feedback zu seinen Aufgaben erhalten – daran krankt aber leider das System mit 150+ Schüler*innen bei einer vollen Stelle.

Wir Lehrkräfte merken jetzt, dass Videokonferenzen doch ziemlich cool sind. Sie können den Prozess des Austausches wenigstens ein wenig wiederherstellen. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann vermisse ich meine Schützlinge auch einfach! Sie verbringen sonst einen Großteil ihres Alltags in der Schule und davon einen Großteil in meinem Unterricht –  es ist auch einfach schön sie nach 5 Wochen mal wiederzusehen, über die Videokonferenz.

Doch die größte Schwierigkeit dabei ist immer noch die Ausstattung zu Hause. Homogenität findet schon in der Klasse nicht statt – zu Hause erst recht nicht. Wir können nicht davon ausgehen, dass zu Hause immer Internet, immer ein Laptop, immer ein Drucker oder immer ein eigenes Zimmer zur Verfügung steht. Und das sind die Punkte, um die ich mir Sorgen mache: Dass wir diejenigen weiter abhängen, die eventuell vorher gesellschaftlich schon abgehängt waren.

Lehrer-News.de: Was sind deine eigenen Erfahrungen derzeit im Homeoffice?

Arbeit, Arbeit, Arbeit. Die Schüler*innen haben Fragen, wie es weitergeht. Die Eltern haben Fragen, wie es weitergeht und natürlich frage auch ich mich, wie es weitergeht. Es gibt nun schon ein wenig Klarheit – je nach Bundesland in unterschiedlicher Ausprägung. Und dann ist der Punkt, dass Besprechungen von Inhalten, Feedback, usw. am Schreibtisch für jeden Einzelnen seeeehr viel länger dauern, als im Plenum der Klasse.

Aber ich ziehe auch den Hut vor den Kolleg*innen, die neben Homeoffice und der digitalen Lehre jetzt auch noch Lehrkraft, Spielkamerad, Seelendoktor, … für ihre eigenen Kinder sind.

Lehrer-News.de: Welche Plattformen und Tools nutzt du derzeit für deinen digitalen Unterricht?

Ich bin der IT-Betreuer meiner Schule und habe bereits 2017 meine Schulleitung dazu bewegen können, IServ anzuschaffen. Hierüber wird die gesamte Kommunikation und Materialbereitstellung- und Einsammlung abgewickelt. Gerne nutze ich auch zur individuellen Vorbereitung der Lernenden Quizlet, Kahoot, learningapps.org, Schlaukopf.

Lehrer-News.de: Konntest du bereits auf unserer Website nützliche Beiträge für deinen Unterricht finden?

Ich verfolge die Webseite regelmäßig und konnte bereits einige Beiträge entdecken, die ich gerne an Kolleg*innen weitergegeben habe.

Lehrer-News.de: Nutzen du und deine Kollegen und Kolleginnen Websites wie Lehrer-News.de? Helfen diese Websites sehr beim Vorbereiten des Unterrichts?

Ja und Nein. Wir im Kollegium tauschen uns rege über IServ aus, welche Materialien wo zur Verfügung stehen – das ist das „Ja“. Aber das ist irgendwann auch so wie der Bücherschrank, der mit der Zeit immer voller wird. Irgendwann weiß man auch nicht mehr, was man alles hat.

Es gibt sehr gute Materialien und sehr gute Internetseiten, die einen Überblick über das verschaffen, was alles möglich ist. Dazu gehört auch lehrer-news.de. Die Lehrkräfte müssen aber für sich entscheiden, in welchem Maße sie sich darauf einlassen wollen und auch (technisch) einlassen können. Ich unterstelle jeder Lehrkraft, dass sie daran interessiert ist, Dinge kennenzulernen, die ihren Alltag und den Alltag ihrer Lernenden erleichtert. Es muss aber auch die Zeit dafür da sein, um den Mehrwert herauszufinden und diesen auch an die Schüler*innen weiterzutragen. Die technische Hürde darf dafür nicht zu hoch sein; sonst nützt jeder Mehrwert nichts!

Lehrer-News.de: Glaubst Du, dass die Politik genug Aufmerksamkeit auf das Thema E-Learning verwendet?

Sagen wir mal, die Politik versucht jetzt, genug Aufmerksamkeit auf das Thema E-Learning zu verwenden – gelingen tut es ihr nur mäßig. Das liegt daran, dass Schulen organisatorisch getrennt sind. Für die Lehrkräfte und deren Ausbildung ist das Schulamt zuständig, für die gesamten Ressourcen z.B. an digitalen Medien sind, aber die Schulträger zuständig. Ein koordiniertes Handeln ist da nur schwierig möglich. Was nützen mir die tollen Internetportale, die durch die Politik auf unzähligen Internetseiten zusammengefasst werden, wenn keine Ausstattung in der Schule da war, mit denen die Schüler*innen auf die jetzige Situation hätten vorbereitet werden können.

Wir haben das Jahr 2020 und es gibt Lehrkräfte, die keine dienstlichen E-Mail-Adresse haben, jetzt aber digital arbeiten sollen. Geschweige denn die Schüler*innen. Müssen sie dann ihre privaten Geräte dafür nutzen? Ich kenne keine Firma, wo erwartet wird, dass ich mit einem Laptop arbeite, aber keinen Laptop gestellt bekomme.

Wir müssen uns auch einmal anschauen, was gerade passiert: Private, mittelständische Unternehmen und einige Global Player stemmen eigentlich gerade den digitalen Background des Corona-Unterrichts. Dinge, die sonst kostenpflichtig sind, werden von diesen Firmen kostenlos angeboten, weil die verstanden haben, dass das Thema E-Learning elendig krepieren würde, wenn sie dafür nicht in die Bresche springen würden. Natürlich verfolgen sie damit auch einen Zweck für die Zukunft, in der es nicht mehr kostenlos sein wird. Aber jetzt erst einmal hilft es ungemein!

Und der Graus jedes E-Learnings: Datenschutz. Versteht mich nicht falsch – Datenschutz ist wichtig – uneingeschränkt. Aber die Politik legt sich nicht fest. Darf ich jetzt Tool X oder Videokonferenzdienst Y verwenden, oder nicht? Aus der Perspektive der Lehrkraft stehen wir alle mit mindestens einem Bein im Knast. Und wenn sich dann festgelegt wird (Was meistens bedeutet, dass man es nicht benutzen darf, weil Dienst XY dann wissen könnte, dass der Nutzer gerade irgendwo in Rheinland-Pfalz am PC sitzt …) dann wird keine Alternative oder datenschutzkonforme Lösung mitgegeben.

Versuche der Politik, das E-Learning zu beflügeln, scheitern regelmäßig. Letztens erst wieder 15 Millionen Euro nochmal oben drauf für die HPI-Schulcloud. Der Gedanke ist löblich, aber für mich ist das der BER der Bildungslandschaft in diesen Tagen.

Und so könnte ich stundenlang über dieses Thema referieren.

Lehrer-News.de: Bekommst Du Unterstützung oder Zuspruch von den Eltern für die Situation?

Die Eltern und Erziehungsberechtigten sind wirklich sehr zugewandt. Sie wissen genau, dass die Lehrkräfte für die Situation derzeit nichts können und dafür auch einfach (noch) nicht ausgebildet sind. Zugleich tun sehr viele Lehrkräfte sehr viel, um das Lernen am Laufen zu halten. Und bei allem Engagement muss man dann als engagierte Lehrkraft einen einfach nur unverschämten Artikel der WELT lesen, indem alle unreflektiert über einen Kamm geschert werden. Vielleicht sollten die Eltern, die der Meinung des Artikels sind, vielmehr mit den Lehrkräften sprechen, anstatt über sie. (Zu dem Artikel hat sich lehrer-news.de hier geäußert)

Lehrer-News.de: Denkst du, dass die Schülerinnen und Schüler dieses Jahr normal ihr Abitur schreiben können? Denkst du, dass dies auch online möglich wäre?

An ein Online-Abitur glaube ich nicht. Die Bedenken von Täuschung sind dafür einfach zu hoch und meiner Meinung nach auch berechtigt. Des Weiteren kommen wir dann wieder an den Punkt der Gerechtigkeit und Ausstattung. Dann müsste jede*r Lernende ein Gerät erhalten, mit dem er oder sie das Abitur ablegen kann.

Nach jetzigem Stand denke ich, dass die Bundesländer das Abitur durchziehen werden. Hier in Hessen ist es bereits durch!

Was mich an dieser ganzen Debatte als Haupt- und Realschullehrer an einer Gesamtschule aber leider immer etwas stört, ist, dass die Haupt- und Realschüler höchstens mal in einem Nebensatz erwähnt werden. Der Fokus der Gesellschaft liegt (leider) auf dem Abitur – obwohl wir viel mehr Schüler*innen haben, die den Hauptschul- oder mittlerem Abschluss ablegen werden.

Lehrer-News.de: Wie lange denkst du, dass die Lehrer und Lehrerinnen weiterhin von zu Hause aus unterrichten?

Wir wissen ja jetzt, dass es in den Bundesländern in irgendeiner Art und Weise demnächst Stück für Stück wieder losgeht. Zu einer Normalität werden wir in diesem Schuljahr aber meiner Meinung nach nicht zurückkehren. So denke ich, wird der digitale Unterricht noch bis zu den Sommerferien für alle Lehrkräfte ein Thema sein. Die Politik wird zwar versuchen, alle Schüler*innen wieder in die Schule zu bekommen, aber ob das in jedem Bundesland funktionieren wird, hängt auch mit dem Zeitpunkt des Beginns der Sommerferien zusammen.

Vielen Dank Tino für deine Antworten und dass du dir die Zeit genommen hast!

Habt Ihr weitere Fragen zu den Thema digitalen Unterricht? Schreib uns dazu einfach eine Email an redaktion@lehrer-news.de Gerne beantworten wir Eure Fragen!

Post a Comment

You don't have permission to register