Stuttgart. Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat höhere Arbeitszeiten für verbeamtete Lehrkräfte in Teilzeit ins Spiel gebracht und erntet dafür heftige Kritik.

Bei einer Podiumsdiskussion am Mittwoch schlug Kretschmann vor, die Mindestarbeitszeit für verbeamtete Lehrkräfte in Teilzeit um eine Stunde zu erhöhen. Zwar bezeichnete Kretschmann seinen Vorschlag mittlerweile als eine „spontane Äußerung“, die er besser gelassen hätte, doch prüft seine Regierung weiterhin, ob sich der Plan umsetzen ließe.

Kretschmann: Ich brauche dringend Lehrer

Hintergrund der Forderung ist die Aufnahme von etwa 9.000 ukrainischen Kindern und Jugendlichen, welche die Schulen in Baden-Württemberg vor große Herausforderungen stellen und den bereits existierenden Lehrkräftemangel noch verschärfen. Kretschmann betonte, dass das Land „in einer schweren Krise“ sei, weswegen es dringend mehr Lehrkräfte brauche. Daher sollen die laut Kretschmann sehr großzügigen Teilzeitregelungen auf den Prüfstand kommen. Würden alle Lehrerinnen pro Woche eine Stunde mehr unterrichten, hätte Kretschmann nach eigenen Angaben 1000 Lehrkräftestellen mehr, die er „dringend braucht“.

Kritik an Kretschmann von allen Seiten

Kretschmanns Vorschlag sorgte für irritierte Empörung bei den Lehrkräfteverbänden und auf Social Media. Die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Monika Stein, wirft Kretschmann vor „den Alltag in den Klassenzimmern“ nicht zu kennen. Sie bezeichnet Kretschmanns Debattenvorstoß als „völlig fehl am Platz“, denn viele Lehrkräfte hätten nicht nur gute Gründe in Teilzeit zu arbeiten, sondern seien durch Pandemie und Lehrkräftemangel bereits jetzt „am Ende ihrer Kräfte“.

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, schließt sich dieser Kritik an. Er bezweifelt, dass eine Erhöhung der Mindestarbeitszeit tatsächlich Mehrkapazitäten brächte. Gegenüber dem SWR betonte er, dass gerade Lehrerinnen nur mittels Teilzeitarbeit Familie und Beruf miteinander vereinbaren könnten.

Auch in den sozialen Netzwerken wird Kretschmann stark kritisiert. So beschweren sich etwa auf Twitter unter den Hashtags #kretschmann und #twlz viele Lehrkräfte über die in ihren Augen realitätsfernen und herablassenden Äußerungen des Ministerpräsidenten. Besonders oft wird dabei Anstoß daran genommen, dass die Landesregierung es seit Monaten versäumt habe, genügend Lehrkräfte einzustellen und nun die aktiven Pädagog:innen in die Verantwortung nehme.

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Auch der bekannte Lehrer und Autor Bob Blume meldete sich in zahlreichen Posts zu Wort. Dabei bezeichnet er Kretschmanns Äußerungen als “Anlass für Wutausbrüche” und weist darauf hin, dass es seiner Meinung nach schlicht weniger Lehrkräfte gäbe, würden alle Vollzeit arbeiten. Dem schließt sich Nicolas Colsmann, Geschäftsführer der ZDB, an: “Die Lösung für den Lehrkräftemangel kann jetzt keineswegs eine Erhöhung der Stunden von Teilzeitkräften sein. Ich bin es leid, dass Kritik, die unserem Bildungssystem und nicht zuletzt unserer Bildungspolitik gilt, auf unseren Lehrkräften abgeladen wird”, so Colsman in einem Kommentar zu dem Thema.