Die Frage nach der Wichtigkeit oder, überspitzt formuliert, nach der (Ir-)Relevanz von Lehrer:innen scheint zunächst zu irritieren. Lehrkräfte gehören als zentraler Baustein in unser Bildungssystem – in die meisten Bildungssysteme eigentlich. Lehrer:innen im Dienst stellen seit jeher nicht nur Vermittler von Wissen, sondern auch von Verhaltensweisen und Wertestrukturen dar. Trotzdem scheint die Rolle von Lehrkräften insbesondere im Zeitalter der Digitalisierung in diesen Tagen häufig hinterfragt und neu gedacht zu werden.

Wie sich der Berufsalltag von Lehrkräften und das Rollenbild der Berufsgruppe durch die Digitalisierung verändert hat, was Lehrer:innen für Schüler:innen leisten sollten und ob die digitale Endgeräte und Programme Lehrer:innen ersetzen können, erfährst Du in diesem Artikel!

Veränderungen des Schulalltags durch Medien und Digitalisierung

ein Junge sitzt mit Kopfhörern vor einem Laptop

Die Wende des 20. zum 21. Jahrhundert rückte auch das Streben von Lehrkräften nach einem selbstständigen Lernen ihrer Schüler:innen zunehmend in den Fokus. Heutzutage sollen dabei immer häufiger technische Hilfsmittel unterstützen. So helfe laut bpb etwa der Tablet-Computer dabei, verschiedene Tätigkeiten in der Schule miteinander zu verbinden. Aufgaben wie Recherche, Kommunikation, Lernen und das Erstellen von Präsentationen können theoretisch ganz ohne Hilfe  an einem “Ort” ausgetragen werden: dem Computer. Traditionelle Dynamiken zwischen Schüler:innen und der Lehrkraft werden durch diese Hilfsmittel und den Zugang zum Internet aufgeweicht. Die Rolle der Lehrkraft wird dezentralisiert. Heute sind Schüler:innen nicht unbedingt auf das gemeinsame Klassenzimmer und die Lehrkräfte als Vermittler von Information angewiesen. Vielmehr können Lernprozesse durch die neuen Medien in Schulen schrittweise vollständig digitalisiert werden. 

Das gebündelte Wissen der Welt tragen die Schüler:innen mittlerweile fast alle in Form eines Smartphones in ihren Hosentaschen. Der Zugang zu Informationen ist leichter als je zuvor und so liegt es auf der Hand, dass Schüler:innen auch im Schulkontext Gebrauch von der Quelle “Internet” machen. Klassische Print-Arbeitsmaterialien, wie sie häufig noch im Unterricht verwendet werden, erscheinen schnell überholt. Natürlich sind die neuen Möglichkeiten nicht gleichbedeutend mit automatisch besserem Unterricht. Die sinnvolle Nutzung dieser erfolgversprechenden neuen Medien liegt immer noch bei der Lehrkraft. Ein tolles Beispiel für eine erfolgreiche Nutzung digitaler Medien und der Förderung von eigenständigem Lernen ist die Richtsberg Gesamtschule in Marburg, über die Ihr in diesem Artikel mehr erfahren könnt.

Auch wenn die kluge Nutzung von Medien im Unterricht zentral von der Lehrkraft abhängt, so scheinen diese Medien dazu beizutragen, dass das Rollenbild von Lehrkräften neu gedacht wird.

Der Wandel der Lehrer:innenrolle

eine Lehrerin schaut zwei Schülerinnen über die Schulter

Die “neuen” Medien sind allgegenwärtig – nicht nur für Schüler:innen. Es ist naheliegend, dass sich Konsequenzen für Lehrkräfte ergeben. Lehrer:innen rücken zwar nach und nach von ihrer Rolle als Informanten ab. Ersetzen durch die digitalen Medien kann man sie aber nicht. Lehrkräfte werden zunehmend zu Mentoren oder Lernbegleitern für Schüler:innen. Es kommt zu einer Verschiebung der Verantwortung. Zwar scheinen sich Lehrkräfte heute etwas weniger um die Vermittlung von Informationen zu kümmern, dafür wächst aber auch ihre Verantwortung für den richtigen Umgang der Schüler:innen mit den neuen Medien. So ist es heute wichtig, dass Lehrkräfte ihren Schüler:innen einen kritischen Umgang mit Medien aneignen. Vor allem wenn es darum geht, gefundene Informationen aus dem Netz auf ihre Qualität und Richtigkeit überprüfen zu können. 

In Zeiten der Pandemie gehört zum Aufgabenspektrum von Lehrkräften aber lange nicht mehr nur die Lehre eines kritischen Umgangs mit Medien. Vielmehr müssen Lehrer:innen nun auch schon die ganz Kleinen fit machen mit den verschiedenen Programmen, wie MS Teams, Word oder PowerPoint, die für die digitale Lehre unerlässlich sind. Im Gespräch mit Nordbayern berichtet Martina Zippelius-Wimmer, Schulleiterin der Grundschule Bubenreuth: “Wir mussten uns urplötzlich viele Fragen stellen. Etwa, wie vermitteln wir Lerninhalte auf die Ferne unter Berücksichtigung unserer didaktischen Prinzipien und unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Lerntypen, die wir haben. Das ist in der Grundschule noch einmal ein viel breitgefächerter Kanon als an den weiterführenden Schulen. Dazu wird eine technische Ausrüstung und auch das Wissen darüber benötigt. Wir mussten auch schauen, wie wir Kinder damit erreichen: Es gibt welche, die durch Vortrag lernen, das funktioniert dann zum Beispiel mit Powerpoint-Präsentationen. Es gibt aber auch Kinder, die sich etwas mehrmals anhören und ansehen müssen, deshalb haben wir dann begonnen, Lernvideos zu drehen. Das sind aber ganz andere Aufgaben als die, die wir vorher hatten”. 

Was Lehrer:innen für ihre Schüler.innen im Optimalfall leisten (sollten)

Über die Lehrer:innenrolle fernab der Pandemie und der neuen Rolle des Mentors informiert ein Focus-Artikel aus dem Jahr 2006. Innerhalb des Artikels werden zentrale Gründe für die Wichtigkeit von Lehrkräften aufgezählt, die sich vor allem auch auf deren zwischenmenschliche Rolle im direkten Umgang mit den Schüler:innen beziehen. 

Ein erster Aspekt, den Lehrkräfte nur im persönlichen Umgang nachhaltig erfüllen können, ist die Vermittlung der Lust am Lernen bei Kindern in den ersten Klassen. Gerade in  jungen Jahren sei es für Kinder wichtig, dass sie das Gefühl von Anerkennung und Lob vermittelt bekommen. Natürlich ist es denkbar, dass dies auch durch digitale Medien geschehen könnte. Ein direktes Lob durch die Lehrkraft macht die Kinder aber noch stolzer und kann langfristig den Spaß am Lernen fördern. Aus diesem Punkt lässt sich ein weiterer Aspekt ableiten. Positive Rückmeldungen durch die Lehrkraft sind eine Form der Wertschätzung. Kinder werden zuversichtlicher und bauen Vertrauen in sich selbst auf. Versagensängste und Schamgefühle, die das Denken blockieren könnten, werden dadurch abgebaut.   

Lehrkräfte werden unweigerlich zu einem entscheidenden Teil des Lebens eines Kindes. Kinder werden viel Zeit in der Schule verbringen. Lehrkräfte werden in den vier Wänden der Schule damit zu einer Art Vertretung der Eltern und Bezugsperson für Schüler:innen. Das prägt nunmal und kann durch das Lernen über digitale Endgeräte nicht ersetzt werden. Andererseits bringt es im Gegenzug aber natürlich auch viel Verantwortung auf Seiten der Lehrkräfte mit sich. Diese sollen ähnlich wie auch Eltern klare Grenzen setzen. Vor allen den Kleinsten muss noch gezeigt werden, was richtig und was falsch ist. Im Klassenverband, der sich durch Online-Unterricht wohl oder übel verändert hat, ist das Lernen von Grenzen normalerweise essenziell. Lehrkräfte sind außerdem Zeugen davon, wie gut Kinder im Unterricht zurechtkommen und können ihnen schon früh dabei helfen, ihre Stärken und Schwächen zu finden. Auch den Umgang mit Misserfolgen können Schüler:innen in der Schule durch die Lehrkraft lernen.

In Streitsituationen, wie sie in der Schule auch mal stattfinden, können Lehrer:innen ihren Schüler:innen den richtigen Umgang und die richtige Kommunikation mit dem Gegenüber vermitteln. Für Schüler:innen mit familiären Problemen können die Schule und die betreuende Lehrkraft außerdem eine wichtige Stütze werden, wenn Eltern es durch schwierige Umstände mal nicht schaffen. Lehrer:innen schaffen es sogar, das Selbstvertrauen leistungsschwacher oder wenig beliebter Schüler:innen zu stärken, in dem sie den Blick auf deren persönliche Stärken schärfen. Ältere in der Pubertät können in ihren Lehrer:innen neutrale Partner finden, wenn zu Streit mit den Eltern kommt. Und schließlich können Lehrer:innen auch zu lebenslangen Vorbildern für Schüler:innen werden. Immerhin haben sie diese in der Regel als Klassenlehrer über Jahre hinweg begleitet und damit unweigerlich auch ihre Entwicklung geprägt.

All die genannten Punkte beziehen sich auf die zwischenmenschlichen Situationen der Lehrer:innen-Schüler:innen-Beziehung. Auch wenn digitale Formate sich in der Pandemie mit zahlreichen Positivbeispielen bewähren konnten, so bleibt so einiges, was Schüler:innen abgesehen von Inhalten in der Schule vermittelt bekommen, der Lehrkraft vorbehalten.

Macht der digitale Wandel den Lehrerberuf wirklich obsolet?

ein leerer Hörsaal ist zu sehen

Die überspitzte Frage vom Anfang des Artikels lässt sich wie erwartet nur verneinen. Digitale Medien können gute Unterstützer für Lernprozesse und die Unterrichtsgestaltung sein und sind vielerorts bereits nicht mehr aus der Schule wegzudenken. Sie können aber eben nicht alles. Heike Schaumburg, Erziehungswissenschaftlerin an der Humboldt Universität resümiert: “Digitale Medien können die Lehrkraft nicht ersetzen”. Sehr wohl können sie den Unterricht und das Lernen für die Schüler:innen erleichtern. Die Pädagogik jedoch könne nicht durch digitale Medien ersetzt werden. Eine komplette Individualisierung des Unterrichts solle ihrer Meinung nach außerdem nicht die Zukunft der Bildung und Schule sein. In der Schule, so Schaumburg, gehe es immer auch um das gemeinsame Lernen und soziale Erfahrungen und nicht nur um Inhalte. Sorgen im Zuge der Digitalisierung müssen sich Lehrer:innen in ihrer Berufsgruppe übrigens nicht machen, wie News4Teachers ganz klar festhält. Das sogenannte “Substituierbarkeitspotenzial”, also die Quote, mit der Lehrkräfte und Beschäftigte aus Erziehung und Unterricht durch die Digitalisierung ersetzt werden könnten, liege bei nur 2,8%. 

Was meint Ihr? Was sollen Lehrkräfte heute leisten? Kann die neue Rolle des/der Lernbegleiters/in als positiv bewertet werden? Was haltet Ihr von den Bereichen, die eine Lehrkraft auf der zwischenmenschlichen Ebene abdecken soll? Lasst uns Eure Meinung gerne in den Kommentaren da!