In den meisten Bundesländern hat die Schule wieder angefangen. Es wird auf Präsenzunterricht gebaut. Die Vorbereitung in Bezug auf Corona ist jedoch mangelhaft. Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Verband der Berufsschullehrer kritisieren unter anderem die unzureichende Ausstattung der Schulen mit Luftfiltern. Dennoch wollen Politiker die Corona-Sicherheitsmaßnahmen, dabei vor allem die Quarantäne-Regelungen lockern. Der Umgang der Politik mit der Pandemie an Schulen ist besorgniserregend, wie Lehrer News bereits berichtete. Es scheint nicht mehr um das Wohlergehen von Schüler:innen sondern, um politische Eigendarstellung zu gehen.


Die Gesundheitsminister einigen sich auf bundesweite Corona-Regelungen

Bislang handeln die Länder unterschiedlich, wodurch die Lage undurchsichtig und für Schüler:innen schwierig ist. Nun haben die Gesundheitsminister der Bundesländer sich auf bundesweit mehr einheitliche Corona-Regelungen an Schulen geeinigt. Wenn ein Schüler oder eine Schülerin an Covid-19 erkrankt, sollen sich ab sofort nur noch direkte Kontaktpersonen isolieren, wie zum Beispiel die Sitznachbarn der infizierten Person. Dabei soll die Quarantäne für Kontaktpersonen 5 Tage lang sein und kann anschließend mit einem negativen Corona-Test beendet werden. Geimpfte oder genesene Kontaktpersonen sind dabei nicht von der Quarantäne-Regelung betroffen. Alle Kinder der Klasse, die keine Kontaktpersonen waren, sollen für einen bestimmten Zeitraum intensiv getestet werden.

Damit handeln die Gesundheitsminister nicht den Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes entsprechend. Dieses schlägt vor, dass sich die gesamte Klasse des infizierten Kindes für zwei Wochen in Quarantäne begibt. Damit setzen die Gesundheitsminister Schüler:innen einer größeren Gefährdung aus als nötig. Die aktuellen 7-Tage-Inzidenz liegt bei Kindern und Jugendlichen deutlich höher als die Gesamtinzidenz für Deutschland. Das liegt auch daran, dass es noch keinen freigegebenen Impfstoff für unter 12-Jährige gibt. Außerdem hat die STIKO erst seit kurzem eine Impfempfehlung für Kinder ab 12 Jahren ausgesprochen, dementsprechend wird es noch eine Weile dauern, bis die meisten der Schüler:innen geimpft sind.

Zusehen sind mehrere Darstellungen von Viren.

Viele Amtsärzte sprechen sich trotz steigender Inzidenzen bei Schüler:innen für den kompletten Verzicht von Quarantänen für Kontaktpersonen aus. Laut Patrick Larscheid (Amtsarzt Berlin-Reinickendorf) sollen Kinder, die Kontakt hatten mit einer erkrankten Person weiterhin am Präsenzunterricht teilnehmen, jedoch eingehend getestet werden. Dieses Modell soll laut Larscheid vernünftig und funktionstüchtig sein.

Trotz Beschluss der Gesundheitsminister handeln die Länder eigenständig

In Nordrhein-Westfalen, wo der Kanzlerkandidat der Union, Armin Laschet, die Position des Ministerpräsidenten innehat, sollen zukünftig noch lockerere Quarantäne-Regelungen in den Schulen zum Einsatz kommen. Nur noch die infizierten Schüler:innen müssen sich für 14 Tage isolieren. Alle anderen, auch die direkten Sitznachbarn von erkrankten Schüler:innen, dürfen weiter am Präsenzunterricht teilnehmen, werden allerdings häufiger getestet. Nur wenn es zu mehreren Infektionsfällen kommt, sollen die Gesundheitsämter über weitreichende Quarantänemaßnahmen entscheiden. Karl-Josef Laumann (CDU), der Gesundheitsminister von NRW sagt über das Konzept: „Wir schaffen eine Regelung mit Augenmaß, die sowohl die Sicherheit unserer Kinder und Jugendlichen sicherstellt, als auch ihr Recht, am Präsenzunterricht und der Betreuung teilzunehmen“.

Auch Baden-Württemberg will weiterhin einen eigenen Kurs fahren. Genau wie in NRW müssen sich Kontaktpersonen nicht in Quarantäne begeben, sollte ein Klassenkamerad oder eine Klassenkameradin infiziert sein. Stattdessen wird die gesamte Klasse für mindestens 5 Tage täglich getestet. Klassen mit infizierten Schüler:innen sollen zukünftig in den Pausen möglichst unter sich bleiben. Der Sportunterricht soll nur noch draußen und innerhalb der eigenen Klasse stattfinden und im Musikunterricht soll, während den 5 Tagen in denen intensiver getestet wird, auf Singen und dem Spielen von Blasinstrumenten verzichtet werden. Grundsätzlich sei man sich in der Regierung sicher, dass dieses Vorgehen mit den Beschlüssen der Gesundheitsminister vereinbar ist. Dabei wird auch auf das eben erwähnte Vorgehen von NRW, aber auch von Sachsen und Bremen verwiesen. Auch Rheinland-Pfalz verzichtet auf die Quarantäne für Kontaktpersonen.

Zusehen ist ein Mädchen, die einen Teddybären hält und gleichzeitig die linke Hand ausstreckt. Sowohl das Mädchen, als auch der Teddybär tragen Schutzmasken.

Deshalb stellt sich die Frage, warum die Gesundheitsminister überhaupt eine bundesweite Corona-Strategie für Schulen vereinbaren, wenn am Ende doch jedes Bundesland das macht, was es will. Sorgt dies nicht nur wieder für mehr Undurchsichtigkeit und Verwirrung bei Schüler:innen, Eltern und dem Schulpersonal?

Drostens Vorschlag für Quarantäne-Regelungen an Schulen von Bundesländern nicht umgesetzt

Auch der Charité-Chefvirologe Prof. Christian Drosten hatte Vorschläge unterbreitet, wie das ZDF berichtete. Er schlug bereits im August öffentlich vor, zwar die Quarantäne für Kontaktpersonen auf 5 Tage mit Hilfe von Tests zu verkürzen, wie es jetzt auch von den Gesundheitsministern geplant ist, jedoch plädiert er ebenfalls dafür, ganze Schulklassen nach bereits einer aufgetretenen Corona-Erkrankung zu isolieren. Außerdem warnte Drosten schon im April vor der Fehlerrate der Antigen-Schnelltests in den ersten Tagen der Infektion. Gerade in diesem Zeitraum der Infektion seien die Tests relativ unzuverlässig. Ca. 40% – 60% der Infektionen würden deshalb übersehen, wie News4teachers berichtete. Dennoch scheint eine sofortige Quarantäne von 5 Tagen ein guter Kompromiss zu sein, zumindest nach der Meinung von Professor Michael Hölscher, der Direktor des Münchner Instituts für Infektions- und Tropenmedizin. Er sagt im Bayrischen Rundfunk, dass „die Inkubationszeit in den meisten Fällen innerhalb von 5 Tagen abläuft und man danach mit höchster Wahrscheinlichkeit auch einen positiven Menschen identifizieren kann.“

Warum gibt es Lockerungen an Schulen trotz steigender Infektionszahl?

Schulen sind schlecht vorbereitet, es gibt immer noch einen großen Bedarf an Luftfilteranlagen, viele der Schüler:innen sind noch nicht geimpft, für Schüler:innen unter 12 Jahren ist noch kein Impfstoff freigegeben, die Infektionszahlen steigen vor allem im Altersbereich von 5 – 19 Jahren und dennoch lockern Politiker die Quarantäne-Regelungen an Schulen. Führt dies nicht unweigerlich zu einer Durchseuchung der Kinder Deutschlands? Es ist wahr, dass Kinder Covid-19 in der Regel besser verkraften, als Erwachsenen. Dies bedeutet allerdings nicht, dass sie immun sind. Auch unter Kindern kann es zu schweren Krankheitsverläufen kommen. Dabei führen diese zwar in nur wenigen Fällen zum Tod, aber die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, vor allem, wenn Vorerkrankungen vorliegen. Außerdem sind auch Kinder nicht von den Langzeitschäden einer Covid-19-Erkrankung geschützt. Ein Fakt, den Politiker gerne bei öffentlichen Debatten vergessen. Zudem kommen immer aggressiver werdende Corona-Mutationen dazu, wie zum Beispiel die Delta-Variante, bei der die Auswirkungen auf Kinder laut RKI zum Großteil noch unerforscht ist.

Die Beschlüsse der Gesundheitsminister decken sich schon nicht mit den Empfehlungen des RKIs, wobei sich aber zumindest die Kontaktpersonen von infizierten Schüler:innen in Quarantäne begeben müssen. Bei den Schulverordnungen von NRW, Baden-Württemberg und auch Rheinland-Pfalz sieht das anders aus. Hier wird auf Quarantäne für nicht Erkrankte komplett verzichtet, was zu einer regelrechten Durchseuchung führen könnte, wenn bedenkt wird, dass gerade an den ersten Tagen der Infektion die Schnelltests nicht zuverlässig und Infizierte in dieser Zeit trotzdem schon hochansteckend sind. Auch die Eltern-Initiative #BildungAberSicher Rheinland-Pfalz ist von dem Vorgehen ihrer Landesregierung entsetzt. „Wenn der Landesregierung tatsächlich an einem hohen Schutzniveau gelegen wäre, gäbe es längst Luftfilter in jedem Klassenraum, 3 mal wöchentlich PCR-Pooltests, eine Fortführung der Maskenpflicht und kleine Lerngruppen in festen Kohorten“, so #BildungAberSicher.

Benutzen Politiker Schüler:innen für den Wahlkampf?

Drei gesichtslose Figuren stehen an je einem Sprecherpodium.

Es sieht so aus, als ob Politiker die Schulen unbedingt offenhalten wollen, für so viele Schüler:innen wie möglich. Natürlich ist es sinnvoll offene Schulen zu priorisieren. Bildung und das soziale Miteinander sind für die Entwicklung von Kindern außerordentlich bedeutsam. Trotzdem darf dabei die Gesundheit der Kinder nicht leiden. Es wirkt, durch die mangelnde Vorbereitung und dem Ignorieren der Empfehlungen von Expert:innen, als ob es weniger um das Wohl der Schüler:innen geht, sondern mehr darum den Eindruck zu vermitteln, unsere Politiker haben die Lage im Griff.

Kinder und Schulen werden als politische Instrumente genutzt, um die Bevölkerung, vor allem Eltern zu beruhigen. Wie lange wird die Taktik offene Schulen um jeden Preis noch gut gehen, gerade bei derartig steigenden Infektionszahlen? Der Verdacht liegt nahe, dass die Schulen offen gehalten werden, bis die Bundestagswahlen vorüber sind, damit Politiker einen guten Eindruck hinterlassen und möglichst viele Wählerstimmen abgreifen können. Dabei verharmlosen sie die ernste Lage der Pandemie. Wie es nach den Wahlen weitergeht, wird sich zeigen. Lehrerverbände rechnen, ab Herbst auf Grund der aus ihrer Sicht nicht ausreichenden Corona-Schutzmaßnahmen, mit erneuten Schulschließungen.

Die Initiative „Sichere Bildung jetzt“ hat nun einen öffentlichen Brief an die Kanzlerkandidaten geschrieben, welcher wissenschaftlich fundiert darstellt, warum die momentane Corona-Schulpolitik so gefährlich ist. Dabei geht der Brief auf die gesundheitlichen Schäden ein, die bei Kindern durch eine Covid-Erkrankung entstehen können und fordert von der Politik sicherere Schulen. Wenn ihr Euch dazu genauer informieren und die Forderungen der Initiative unterstützen wollt, geht es hier zum offenen Brief. Was ist Eure Meinung zu diesem Thema? Ihr könnt sie gerne in den Kommentaren mit uns teilen.