„Man lernt nie aus“ – egal ob Schüler:in, Student:in oder Erwachsener, wir alle begegnen beinahe täglich neuen Lernmöglichkeiten. Die plötzlichen Schulschließungen stellten den gesamten Lernprozess zahlreicher Kinder und Jugendlichen von heute auf morgen auf den Kopf. Noch heute stellt die Distanzlehre viele Schüler:innen vor eine große Herausforderung und weckt diverse Sorgen: Wie kann ich meinen Lernerfolg auch Zuhause aufrechterhalten? Was kann ich tun, wenn meine Motivation schwindet? Wie lerne ich überhaupt effizient? 

Zwar bleibt die Unterstützung der Lehrkräfte auch im digitalen Lehrformat grundsätzlich erhalten, doch sind die Kinder und Jugendlichen innerhalb der Corona-Lehre in weitaus größerem Ausmaß auf sich alleine gestellt. Viele erhalten lediglich einen groben Leitfaden mit wöchentlichen oder bestenfalls täglichen Aufgaben, die es eigenständig zu bearbeiten gilt. Nach und nach verschwinden feste Lernzeiten und strukturierte Stundenpläne. Auf einmal überwacht niemand mehr jeden einzelnen Arbeitsschritt – letztlich ist nur das Endergebnis gefragt. Auch Lerngruppen lösen sich zunehmend auf: Nun sind Eigenmotivation, Disziplin und Organisation gefragt! 

Die Schulschließungen gaben den Schüler:innen und Studierenden einen Anlass dazu, Stück für Stück herauszufinden, auf welche Art und Weise sie am effektivsten auch Zuhause lernen können. Doch dieser Weg zum perfekten Lernplan ist keineswegs einfach: Wie Du deinen individuellen Lernprozess innerhalb des sogenannten „selbstregulierten Lernens“ optimieren kannst und angesichts der zahlreichen Herausforderungen der Distanzlehre deinen Lernerfolg aufrechterhalten oder gar steigern kannst, erfährst in diesem Artikel!

Aber erst die Arbeit, dann das Vergnügen: Wir beschäftigen uns zunächst mit einem theoretischen Modell des selbstregulierten Lernens, das Dir einen guten Überblick über die wichtigsten Bestandteile deines Lernprozesses geben wird. Anschließend kannst Du über deinen eigenen Lernprozess reflektieren, Stärken und Schwächen identifizieren, neue Lernmethoden testen und die Tipps aus diesem Artikel erfolgreich in die Praxis umsetzen.

Der Kreislauf des erfolgreichen Lernens

Grundsätzlich geht es beim selbstregulierten Lernen darum, sich selbstständig Lernziele zu setzen. Je nach Thema werden Inhalte und konkrete Ziele identifiziert, woraufhin passende Lernstrategien und -methoden ausgewählt und letztlich praktisch eingesetzt werden können. Dabei befindet sich der gesamte Lernprozess in ständigem Wandel:

Modell des selbstregulierten Lernens nach Zimmerman

Zimmerman verdeutlicht diesen Prozess anhand eines Kreislaufs, dessen Modell vier zentrale Komponenten für erfolgreiches selbstreguliertes Lernen vorschlägt. An erster Stelle steht die Beobachtung und Bewertung des eigenen Lernverhaltens. Wie lerne ich üblicherweise für eine Klausur? Wie lange bereite ich mich vor? Welche Strategien setze ich in welcher Abfolge ein? Ganz wichtig ist an dieser Stelle auch ehrlich über den eigenen Lernerfolg zu reflektieren und Bewusstsein darüber zu schaffen, an welchen Stellen noch Lücken vorhanden sind und welche Faktoren den potentiellen Lernerfolg zum jetzigen Zeitpunkt noch hindern. Aber auch zu bewerten, welche Strategien sich als effektiv erweisen, Dir Sicherheit schenken und sich innerhalb Deiner Schullaufbahn erfolgreich bewiesen haben, ist von großer Bedeutung.

Anschließend beginnt die Planungsphase: Hier kannst du dir konkrete Ziele setzen und strategisch den Einsatz passender Lernmethoden planen. Aber Achtung – sei an dieser Stelle realistisch mit deinen Zielsetzungen. Um nicht in Überforderung zu versinken und Deine Motivation langfristig aufrechtzuerhalten, kann es hier auch hilfreich sein, Dein großes Endziel in kleinere Zwischenerfolge aufzuteilen.

Dann geht es auch schon ans Eingemachte: In diesem Schritt beginnt die eigentliche Lernphase, in der Du aktiv die theoretischen Strategien aus der Planungsphase in die Praxis umsetzt. Dabei wird der Lernprozess ständig überwacht, um schließlich im letzten Schritt des Zyklus den Einsatz der gewählten Strategien in Hinblick auf deren Effektivität zu bewerten. Wie schwer oder einfach fiel es Dir, die geplanten Methoden in Deinen Lernprozess einzubauen? Hat sich der ganze Aufwand überhaupt gelohnt?  Konntest Du deine Ziele erreichen? Falls nein, woran könnte es gelegen haben?

Auf diese Weise führt sich dieser Kreislauf ständig fort. Wie sagt man so schön? Man lernt nie aus! So ist auch der eigene Lernprozess nie fix und sollte fortlaufend an die eigene Entwicklung, den Schwierigkeitsgrad, die Lerninhalte und -ziele angepasst werden. Um einen Überblick über die Veränderungen, Erfolge wie auch Misserfolge zu behalten, kann anfänglich auch ein Lerntagebuch hilfreich sein und dich allmählich Deinem perfekten Lernprozess näherbringen.

Lernstrategien – der Schlüssel zum Erfolg?

Ein weiteres Modell des selbstregulierten Lernens nach Boekaerts unterteilt den Prozess in drei Schichten: die Regulation der Informationsverarbeitung im Zentrum, gefolgt von der Regulation des Lernprozesses und der Regulation des Selbst. 

Modell des selbstregulierten Lernens nach Boekaerts

Die innerste Schicht der Informationsverarbeitung beschreibt den eigentlichen Lernprozess. Sie bildet den Kern des selbstregulierten Lernens und beinhaltet diverse kognitive Strategien zur Einprägung, Wiederholung und Vertiefung der Lerninhalte. Ihr Ziel ist hierbei vordergründig der Erwerb von bedeutungsvollen und prozeduralen Wissen.

Du kannst dir die Lerninhalte nicht gut merken? Dann hilft Dir womöglich der Einsatz diverser „Mnemotechniken“ wie der Schlüsselwortmethode: Hier verknüpfst Du die Lerninhalte mit bildhaften Vorstellungen oder anderen Symbolen und bildest auf diesem Weg gewissermaßen „Eselsbrücken“. Bist Du hingegen eher ein visueller Lerntyp, kann Dir auch das Visualisieren der Inhalte in Mindmaps oder Concept Maps dazu verhelfen, die einzelnen Informationen besser im Langzeitgedächtnis zu verankern. Gleichzeitig erfordert das Erstellen derartiger Visualisierungen die Gruppierung und Ordnung der Lerninhalte und knüpft unter Umständen sogar an Vorwissen an. Wie auch das Unterstreichen oder Zusammenfassen fördern diese sogenannten Organisationsstrategien die Elaboration, sprich die Vertiefung, des Lerninhaltes. Sowohl in der Schule als auch im Studium baut der Lernstoff stets aufeinander auf und wird fortlaufend vertieft. Was Du heute lernst, bildet die Basis für die Aufgaben, die Du morgen in Angriff nehmen wirst. Beide Strategien – Wiederholungs- und Organisationsstrategien – schließen einander keinesfalls aus, jedoch sollte besonderes Augenmerk auf Methoden der Elaboration gelegt werden, um nicht nur das Behalten, sondern vor allen Dingen auch das Verständnis und die allmähliche Vertiefung des Lernstoffes langfristig zu fördern. 

Auch spezifische Lesestrategien wie etwa die sogenannte „PQ4R-Methode“ zählen zu den kognitiven Strategien dieser Schicht. Wer hierüber mehr erfahren will, kann die einzelnen Schritte dieser Methode hier nachlesen und gerne bei der nächsten Arbeit mit Fachtexten austesten.

Ein Wecker auf einem Stapel Büchern. Im Hintergrund ein Schreibtisch mit noch mehr Büchern und einem Apfel.

Für die Regulation des Lernprozesses spielen metakognitive Strategien eine zentrale Rolle. Sowohl Kontrollstrategien als auch Stützstrategien zielen darauf ab, dem individuellen Lernen Struktur zu verleihen, Effektivität optimal zu begünstigen und störende Einflüsse bestmöglich zu eliminieren. Zur Illustration betrachten wir eine Strategie zur Optimierung des eigenen Time-Managements: Die sogenannte Pomodoro-Technik teilt die Lernzeit in abwechselnde Arbeits- und Pausen Intervalle ein und soll auf diesem Weg Produktivität in der aktiven Arbeitsphase steigern und Prokrastination sowie Ablenkung effektiv vermindern. 

Den metakognitiven Strategien nah verwandt, leisten auch sogenannte Stützstrategien einen großen Beitrag zum erfolgreichen selbstregulierten Lernen und erwiesen sich besonders in der Distanzlehre als ausschlaggebende Unterstützung. Man unterscheidet hierbei zwischen der Nutzung externer und interner Ressourcen: Während die Lernumgebung, die Arbeit in Lerngruppen oder auch zusätzliche Literatur äußerliche Einflüsse auf den Lernprozess darstellen, wirken auch innerliche Komponenten wie Lernbereitschaft und andere motivationale Faktoren auf den Lernerfolg.

Ein Ausblick auf die eigene Praxis

All diese theoretischen Strategien mögen für viele Schüler:innen anfänglich überfordernd wirken. Doch der Aufwand lohnt sich: Verschaffe Dir zunächst einen Überblick über die Bandbreite an Lernstrategien, deren Nutzen und Einsatzmöglichkeiten. Suche Dir immer wieder Gelegenheiten, neue Strategien anzuwenden und in Deinem eigenen Lernprozess zu erproben. Übung macht den Meister – umso öfter Du die Lernmethoden anwendest, desto einfacher fällt Dir der Prozess und Du nimmst den Strategieeinsatz nicht mehr als zusätzlichen Aufwand, sondern vielmehr als Routine wahr. Vielleicht hilft es Dir ja auch, dich mit einigen Mitschüler:innen und Freunden zusammenzutun und in der Vorbereitung auf die nächste Klassenarbeit oder Klausur gemeinsam eine neue Strategie auszutesten. Diese gegenseitige Motivation kann Euch besonders zu Beginn des Prozesses unterstützen. Auch Fragen oder mögliche Probleme im Umgang mit den Strategien können innerhalb der Lerngruppe problemlos geklärt werden und den Einsatz beträchtlich erleichtern.

Eine Gruppe von Schülern sitzt an einem runden Tisch und lernt an Laptops.

Kurzfristig mag der Nutzen der Lernmethoden nichtig scheinen, doch langfristig kann der Einsatz der richtigen Lernstrategien an den richtigen Stellen entscheidende Unterschiede in Deinem Lernerfolg machen! Umso früher Du das selbstregulierte Lernen auf Deine persönliche Art und Weise meistern kannst, desto besser. Auf diesem Weg kannst Du eine Vielzahl an Lernstrategien austesten, beibehalten oder verwerfen und Deinen Lernprozess Stück für Stück optimieren und festigen. In dieser Hinsicht können wir die Distanzlehre infolge der Schulschließungen sogar als entscheidende Chance, sich schon frühzeitig an das eigenständige Arbeiten zu gewöhnen und die Schüler:innen bestmöglich auf ein späteres Studium und die Arbeitswelt vorzubereiten.

Wer sich gerne tiefer in eine effektive Lernmethode zum Behalten und Wiederholen der Inhalte einlesen möchte, findet in diesem Artikel einige Einsatzmöglichkeiten im Lernalltag!

Du hast noch immer Motivationsprobleme und blickst hoffnungslos auf Deine großen im neuen Schuljahr? Dann vergiss nicht nächste Woche wieder hier bei LehrerNews vorbeizuschauen, um zu lernen, wie Du all deine Ziele mit der richtigen Planung auch wirklich erreichen und motiviert am Ball bleiben kannst!