VR-Brillen machen Lernen für Schülerinnen und Schüler erlebbar. Wie die virtuelle und erweiterte Realität des Lernraums in der Zukunft aussieht, können wir uns noch gar nicht richtig vorstellen. Drei Fragen an die Lehrerin und Fortbildungsmanagerin Saskia Ebel

Welchen pädagogischen Vorteil bietet eine VR-Brille im Unterricht?

Egal um welche digitale Anwendung es geht, wir technisch affinen Lehrer:innen versuchen mit jeglichen medialen Zusätzen, Lernen in der Schule erlebbar zu machen: Mit einer VR-Brille für virtuelle Realität hat man die Chance, dass die Schüler sich gewissermaßen in eine andere Welt beamen. Sie erleben Lerneinheiten ganz anders. Sie sind plötzlich in der historischen Szene des Sturms auf die Bastille und erleben den geschichtlichen Hintergrund scheinbar direkt – und blättern nicht mehr nur im Schulbuch-Kapitel Französische Revolution oder gucken frontal auf dem PC ein Video darüber an. Sie ziehen die Brille auf, tauchen in die Epoche oder Sachwelt ein und begreifen sie mit Händen. In der Regel motiviert das Schüler – gerade bei Themen, die vielleicht nicht so spannend sind, aber halt im Lehrplan stehen. 

Welche technischen Voraussetzungen braucht man für die Arbeit mit VR-Brillen?

Man braucht definitiv Platz. Wenn die Schüler:innen mit den Brillen auf dem Kopf in der virtuellen Welt herumlaufen, dann sollten sie in der realen Welt nicht über das Pult im Klassenzimmer stolpern. Natürlich benötigt man starkes WLan, auf jeden Fall einen PC und ein bestimmtes Programm – und die VR-Brillen selbst. Am wichtigsten: die Lehrkraft muss das Programm so aufbereiten können, dass es pädagogisch sinnvoll ist, diese Lektion mit den Schülern virtuell zu erleben – und zu verstehen. Das ist kein Hexenwerk, aber die entscheidende Hürde: Die Lehrer:in muss wissen, wann und wozu die VR-Brille hilft – und wo nicht.

Welche Einsatzszenarien sind im Präsenzunterricht ideal?

Es wird in meinen Augen unendlich viele beste Möglichkeiten geben, der Fantasie sind praktisch keine Grenzen gesetzt. Wir haben an unserer beruflichen Schule einen Supermarkt nachgestellt, sodass die Lernenden sich nicht mit der Maus durch den Laden klicken, sondern die Warenpräsentation live erleben und überprüfen können, ob die Regalzonen eingehalten werden usw. In Erdkunde reist man virtuell in den Städten herum oder fährt in Gesteinsschichten ein, in Biologie erkundet man das Innere einer Zelle, in Geschichte die 1938 zerstörte Synagoge Erfurts in Kunst das Städelmuseum im Jahr 1878. Die Lernwelt der Zukunft wird spannender und experimenteller. Wir werden Schüler:innen abholen, die uns bisher nicht zugehört haben. 

Pro Tipp 

Ich glaube, wir können uns noch nicht wirklich vorstellen, wie virtuelle und experimentelle Realitäten unsere Lernräume verändern. Es geht nicht nur darum, den Blick ins Biologie-Buch durch die scheinbare Exkursion in ein menschliches Herz zu ersetzen, wo man praktisch in einer Herzkammer zu stehen glaubt. Vielleicht ist die VR-Brille nur ein Zwischenschritt in vermischte Lernwelten, in denen Schüler:innen Marie Curie und Albert Einstein interviewen oder in Martin Luthers Reformation aktiv eingreifen wie in einem Computerspiel. Das ist Zukunftsmusik, aber eine vorstellbare. Zunächst müssen wir allerdings aufpassen, dass sich Schüler:innen nicht am realen Kartenständer verletzen, wenn sie einem virtuellen Lavastrom ausweichen.

Kritik

Die Kritik ist die, dass erstmal die technischen Voraussetzungen der Schule und das Know-how der Lehrer gegeben sein müssen. Zudem sind die Brillen noch nicht wirklich günstig, von daher ist natürlich die Frage: sitzen 29 Schüler außen rum, während ein Mitschüler virtuell an der Potsdamer Konferenz teilnimmt? Es ist meines Erachtens noch ein Stück des Weges, weil man – wenn die Budgets der Schulen so knapp bleiben – Eltern nicht ohne weiteres für die Finanzierung der kostspieligen Geräte heranziehen kann. Man müsste Lernmittelfreiheit neu definieren. Und es muss natürlich immer auch um den reflektierten pädagogischen Einsatz von virtuellen oder erweiterten Realitäten gehen. Das bedeutet: Zu lernen heißt nicht nur, zu erleben, sondern zu verstehen, zu analysieren und Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. 

Saskia Ebel ist Lehrerin für Informatik und BWL an der beruflichen Walter-Eucken-Schule in Karlsruhe. Sie arbeitet am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg im Referat für Innovationen und ist Projektleiterin des Digitalkongresses Wes4.0, der ab Mittwoch wieder stattfindet (online).

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