Das Refugee Teachers Program ist ein Angebot der Universität Potsdam. Seit 2016 können geflüchtete Menschen mit einer Lehrerqualifikation aus dem Ausland das Programm absolvieren. Nach Abschluss der vier Semester haben die Absolventen dann die Möglichkeit, auch an deutschen Schulen eingesetzt zu werden. Lehrer News hat mit der Entwicklerin des Programms, Professor Miriam Vock und mit der Projektleiterin Dr. Anna Wojciechowicz über die Vision sowie den Aufbau des Programms gesprochen.

Die Vision des Refugee Teacher Programms

Lehrer News: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview nehmen. Vielleicht gleich zu Anfang – Wie würden Sie das Grundkonzept und die Vision hinter Ihrem Refugee Teachers Program beschreiben?

Miriam Vock: Also die große Vision ist folgende: Es gibt einfach sehr viele berufserfahrene und qualifizierte Lehrkräfte, die nach Deutschland migrieren. Gleichzeitig ist es extrem schwierig, im deutschen Bildungssystem Fuß zu fassen, wenn man nicht in Deutschland als Lehrkraft ausgebildet wurde. Weiterer Hintergrund ist der aktuelle Lehrermangel. Wir können einfach nicht alle Stellen mit Leuten, die hier ausgebildet wurden, decken. Deshalb halten wir es für so sinnvoll, Menschen, die mit passender Qualifikation nach Deutschland kommen, dabei zu unterstützen, auch hier als Lehrkraft tätig sein zu können.

Anna Wojciechowicz: Ich glaube, unser Projekt antwortet tatsächlich auf neuartige Fragestellungen, die sich allerdings das Bildungssystem bereits vor Jahren hätte stellen sollen. Besonders wenn man beachtet, dass das Thema Flucht und Migration im Laufe der Zeit mehr und mehr an Bedeutung gewinnt. Die Frage ist einfach: Welche berufliche Perspektive haben geflüchtete Menschen hier? Daher versuchen wir die Lehrkräfteausbildung zu modernisieren, indem wir eben diese neue Zielgruppe ansprechen.

Refugee Teachers Uni Potsdam

Das Refugee Teachers Programm der Universität Potsdam ermöglicht es Geflüchteten Lehrkräften an deutschen Schulen zu unterrichten. (Foto: Karla Fritze)

Lehrer News: Wie lange hat die Entwicklung für das Programm gedauert?

Miriam Vock: Normalerweise beansprucht so etwas natürlich viel mehr Zeit. Die besondere Dynamik, die wir im Sommer und Herbst 2015 hinsichtlich der Flüchtlingsbewegungen erlebt haben, hat den Prozess aber enorm beschleunigt. Es war wichtig, schnell zu reagieren und diese Lücke zu füllen. Das war einerseits sehr gut, denn es ist nichts gewonnen, wenn die Menschen erst mal zwei Jahre in Unterkünften sitzen. Aber es war natürlich ein holpriger Start. Im April 2016 sind wir dann mit der ersten Gruppe gestartet. Wir mussten noch viel lernen und das Programm hat sich kontinuierlich verändert.

Wie wird man Refugee Teacher?

Lehrer News: Welche Voraussetzungen müssen die Bewerber:innen mitbringen, um an Ihrem Programm teilnehmen zu können?

Anna Wojciechowicz: Also im Laufe der Zeit hat sich einiges verändert. Gerade was die sprachlichen Anforderungen betrifft, die haben wir kürzlich nämlich auch noch mal erhöht. Momentan sieht es so aus, dass wir für die Gruppe, die jetzt ab April 2021 gestartet ist, von B1- Sprachniveau auf B2 umgestiegen sind. Dann müssen die Bewerber natürlich eine Lehrqualifikation vorweisen können und im Idealfall noch zwei Jahre Berufserfahrung mitbringen. In vielen anderen Ländern spezialisieren sich die Lehrkräfte nur auf ein Fach. Hier in Deutschland sind es zwei. Im besten Fall hat der Bewerber seinen Wohnsitz in Brandenburg, da wir ein von Brandenburg gefördertes Programm sind. Wichtig ist uns auch, dass die Bereitschaft da ist, sich die nächsten zwei Jahre voll und ganz dem Studium zu widmen.

Lehrer News: Wie können sich qualifizierte Interessenten denn bei Ihnen bewerben?

Anna Wojciechowicz: Wir haben ein mehrstufiges Bewerbungs- und Auswahlverfahren. In erster Linie ist es wichtig, dass die Bewerbungsunterlagen und alle nötigen Dokumente eingereicht werden. Das handhaben wir über das Internetportal „uni-assist“. Im zweiten Schritt werden die Bewerber dann zu einem sprachlichen Eignungstest eingeladen. Nach dem Bestehen dieses Tests laden wir die Bewerber dann in einem dritten Schritt zu einem Bewerbungsgespräch ein, bei dem wir uns persönlich kennenlernen können.

Lehrer News: Wie viel Bewerbungsandrang herrscht beim Refugee Teachers Program?

Miriam Vock: Wir haben alles schon gehabt. Am Anfang war die Nachfrage viel höher als unser Angebot und wir konnten nur einen Bruchteil der Interessenten akzeptieren. Im Moment sind nicht alle verfügbaren Plätze vergeben. Das hat vor allem damit zu tun, dass wir letzten Winter weniger Werbung machen konnten als sonst und wir die Anforderungen noch mal etwas erhöht haben. Das schreckt manche Bewerber ab. Wir sind aber zuversichtlich, dass wir die fehlenden Plätze im nächsten Semester wieder füllen können, wir wissen nämlich aus Statistiken des BAMF, dass allein in den Jahren 2016 und 2017 deutlich über 10.000 Menschen nach Deutschland geflüchtet sind, die in ihrem Herkunftsland in einem lehrenden Beruf gearbeitet haben. Ich gehe deshalb davon aus, dass in Deutschland viele geflüchtete Lehrkräfte sitzen und bisher noch nicht wieder in ihrem Beruf arbeiten können und viele noch auf ihre Chance warten.

Die Absolvierenden des Programmes erhalten eine volle Lehramtsbefähigung (Foto: Adobe Stock)

Lehrer News: Wie ist das Programm im Einzelnen aufgebaut und wie können sich Interessierte den Ablauf im Groben vorstellen?

Anna Wojciechowicz: Da bietet sich zur Erklärung das Stichwort „Qualifizierungskette“ an. Der Erwerb der Qualifikation besteht nämlich aus drei Stationen. Die erste Station sind wir als Universität Potsdam mit unserem Programm, das sich über vier Semester erstreckt. Das bedeutet, die Teilnehmenden studieren hier zwei Jahre in Vollzeit. Im ersten und zweiten Semester haben wir den Fokus vor allem auf den Erwerb der deutschen Sprache gelegt. Im dritten und vierten Semester legen wir den Schwerpunkt dann auf den Erwerb des zweiten Faches. Da bieten wir aktuell vier Möglichkeiten: Mathematik, Physik, Sport und Wirtschaft-Arbeit-Technik. Während der vier Semester gibt es dann auch noch schulpädagogische Angebote, in denen beispielsweise das Kennenlernen des deutschen Bildungssystems behandelt wird. Wir legen besonders viel Wert darauf, eine Brücke zu schaffen zwischen dem Vermitteln des fachlichen Wissens und dem Erwerb der deutschen Sprache. Auch Elemente des digitalen Lernens sind Teil des Programms, damit die Lehrkräfte auch für das digitale Zeitalter gewappnet sind. Der zweite Baustein der Qualifizierungskette ist eine einjährige Phase der schulpraktischen Qualifizierung. Konkret bedeutet das, dass die Teilnehmenden dann in Anschluss an unser Programm drei bis vier Tage an Schulen als Assistenz angestellt sind. Nachdem sie auch das erfolgreich absolviert haben, ist die letzte Station der Anpassungslehrgang. Die Länge des Anpassungslehrgangs gestaltet sich aber bei allen Teilnehmenden, je nach mitgebrachten Qualifikationen und Qualifizierungsbedarfen, sehr individuell. Der Anpassungslehrgang umfasst die Ausbildung im Seminar und an einer Schule, wozu selbstständiger Unterricht und Unterricht unter Anleitung gehören. Am Ende dieses Abschnitts erhalten die Absolventen dann eine Lehramtsbefähigung, die sie mit hier ausgebildeten Lehrkräften gleichstellt.

Lehrer News: Also haben Ihre Absolvierenden nach Ihrem Programm die gleichen Möglichkeiten wie in Deutschland ausgebildete Lehrkräfte?

Miriam Vock: Das ist unser Ziel. Wir wollen möglichst vielen Teilnehmenden die Chance bieten, ganz normal – das heißt mit voller Verantwortung und unbefristet angestellt – als Fachlehrkraft an einer Schule arbeiten zu können. Das ist ein schwieriger Weg, da die Qualifikationen in anderen Ländern oft sehr unterschiedlich sind. Mit unserem Programm bieten wir jedoch eine gute Grundlage, diesen Weg in Deutschland zu schaffen.

Erfolg und Probleme

Lehrer News: Wie viele Refugee Teachers haben Sie bis jetzt erfolgreich ausgebildet?

Anna Wojciechowicz: Von April 2016 bis September 2020 haben insgesamt 105 Absolventen unser Refugee Teachers Program erfolgreich abgeschlossen.

Lehrer News: Gibt es aktuelle Probleme, die sich Ihren Absolvierenden bieten und wenn ja, wie erklären Sie sich diese?

Miriam Vock: Ich sehe weiterhin das Problem, dass die bürokratischen Hürden in Deutschland sehr hoch sind. Wir haben da ein Spannungsfeld. Einerseits wollen wir natürlich, dass Lehrkräfte exzellent ausgebildet sind. Trotzdem gibt es bestimmte Punkte, bei denen man sich fragt, ist das so wirklich nötig? Beispielsweise stellen wir in Deutschland an jede Lehrkraft in der Sekundarstufe die Anforderung, in zwei Unterrichtsfächern vollständig ausgebildet zu sein. Lehrkräften mit einer Qualifikation aus einem anderen Land fehlt das zweite Fach fast immer. Aber sagt das tatsächlich etwas über die Qualität einer einzelnen Lehrkraft aus? Also konkret: Macht es den Englischunterricht einer Englischlehrerin besser, wenn sie zusätzlich auch Sportlehrerin ist? Natürlich sind Lehrkräfte mit zwei Fächern an Schulen flexibler einsetzbar, aber ich frage mich schon, ob man in globalisierten Zeiten, in denen qualifizierte Fachkräfte auch zwischen Ländern umziehen, hier nicht flexibler werden könnte, und auch Lehrkräfte mit nur einem Fach einstellen kann.

„Wir wollen möglichst vielen Teilnehmenden die Chance bieten, ganz normal – das heißt mit voller Verantwortung und unbefristet angestellt – als Fachlehrkraft an einer Schule arbeiten zu können.“

Miriam Vock

Eine zweite Hürde ist die Anforderung eines perfekten deutschen Sprachniveaus. Klar, Deutsch ist die Unterrichtssprache, die muss beherrscht werden, das ist völlig selbstverständlich. Aber wirklich immer auf perfektem Niveau? Denken Sie etwa an eine Englischlehrkraft in der Sekundarstufe. Wäre es hier nicht wichtiger, dass sie perfekt Englisch spricht und diese Sprache sehr gut unterrichten kann? Da sehe ich unser System noch als zu starr an.

Anna Wojciechowicz: Besonders problematisch finde ich, dass Lehrkräfte erst beim Nachweis eines C2 Sprachniveaus, also wirklich perfektem Deutsch, richtig eingesetzt werden, zugleich aber die entsprechenden Sprachkursangebote fehlen. Im September 2019 wurde der erste C2 Sprachkurs hier in Potsdam überhaupt angeboten. Der Bedarf ist also da. Es gibt unheimlich viele Interessenten, aber die Angebote reichen aktuell nicht aus. Daran müssen wir intensiver arbeiten.

Lehrer News: Gibt es denn auch noch weitere Programme oder Organisationen, die Ihrem Beispiel folgen und Ähnliches auf die Beine stellen?

Miriam Vock: Als wir 2015 angefangen haben, unser Programm zu entwickeln, gab es das so noch nicht. Relativ zügig wurden dann aber Nachfolgeprojekte erstellt. Ein Beispiel ist das Programm „Lehrkräfte Plus“, das an verschiedenen Universitäten in Nordrhein-Westfalen angeboten wird. Aber auch andere Universitäten haben ähnliche Modelle entwickelt.

Lehrer News: Welche Pläne und Ideen kann man in Zukunft noch vom Refugee Teachers Program erwarten?

Miriam Vock: Wir haben jetzt gerade mit einem deutlich überarbeiteten Konzept mit einer neuen Kursgruppe gestartet. Ansonsten haben wir immer neue Ideen! Beispielsweise überlegen wir jedem unserer Teilnehmer einen Mentor aus der Praxis an die Seite zu stellen. Das wäre ein großer Gewinn für das Projekt. Gerade pensionierte Lehrkräfte, die vielleicht mit dem Schulstress abgeschlossen haben, sich aber weiter engagieren oder ihre Erfahrung weitergeben möchten, würden sich da gut eignen.

Lehrer News: Vielen Dank für das Interview!

Weitere Informationen zum Refugee Teachers Programm finden sich hier.