Die pandemiebedingten Restriktionen stellten den Alltag zahlreicher Familien von heute auf morgen auf den Kopf. Dabei sorgten vor allen Dingen die Schulschließungen für nie zuvor dagewesene Herausforderungen, die es gemeinsam als Schüler:innen, Studierende, Eltern und Lehrkräfte zu meistern galt. Heute wecken die Beschlüsse der Kultusministerkonferenz Hoffnung auf eine Rückkehr in die Normalität: Mit baldigem Beginn des neuen Schuljahres naht die Wiederaufnahme der Präsenzlehre an den Schulen und Universitäten. Endlich soll den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen in Anbetracht all der Restriktionen und Verzichte in den vergangenen beiden Schuljahren Priorität eingeräumt werden.

Inwiefern die Schulen all die anfänglichen Hürden der Distanzlehre bestreiten konnten, welche Probleme, aber auch Chancen sich eröffneten und was wir für die Zukunft aus diesen Erfahrungen mitnehmen können, wird im folgenden Artikel genauer beleuchtet.

Ein Rückblick – wie erfolgreich war die digitale Lehre wirklich?

Die Erfolgsbilanz der digitalen Lehre auf nationaler oder gar internationaler Ebene pauschal zu beurteilen, stellt sich als beinahe unmöglich dar: Zu groß ist die Heterogenität zwischen den Schulen. Drastische Unterschiede hinsichtlich der technischen Ausstattung der Schuleinrichtung, Herangehensweise der Lehrkraft, sozioökonomischem Status des Elternhauses sowie Intelligenz und Lernfähigkeit der Schüler:innen sorgen dafür, dass sich die Schere zwischen Lernerfolg und -misserfolg sukzessiv weitet.

Die digitale Lehre bringt so einige Vorteile mit sich, die viele Schüler:innen wie auch zahlreiche Studierende im Laufe der Pandemie wertzuschätzen lernten. Im Zentrum steht hierbei die Flexibilität innerhalb des gesamten Lernprozesses. Lernzeiten, -häufigkeit und -tempo können dank individualisierter Lernpakete freier gestaltet und an das Stärken-Schwächen-Profil der einzelnen Schüler:innen angepasst werden. Hinzu kommt der Einsatz interaktiver Medien, die den Lernvorgang für Kinder und Jugendliche abwechslungsreicher und potentiell effektiver gestalten können. Auch kommunikative, gruppenbasierte Aufgaben schließt die digitale Lehre keinesfalls aus und deckt damit auch die soziale Komponente des Lernens in gewissem Ausmaß ab.Auch der Entfall der täglichen Anreise schafft mehr Raum für Organisation und Produktivität im Arbeits- und Schulalltag der Lehrkräfte, Schüler:innen und Eltern.

Doch während die einen von diesen Umständen profitieren, scheitern andere an der höheren Eigenverantwortung und Flexibilität. Jüngere Altersklassen hingegen erfordern unvermeidlich eine stetige Unterstützung innerhalb des Lernprozesses, was nicht nur für Lehrkräfte, sondern auch für Eltern eine enorme Herausforderung im Einklang mit dem eigenen Arbeitsalltag darstellt.

Auch technische Voraussetzungen bilden eine entscheidende Barriere innerhalb der digitalen Lehre. Weder alle Schulen und Lehrkräfte noch alle Schüler:innen genießen die finanziellen Mittel,, die für eine optimale technische Ausstattung benötigt werden. Erneut bringen diese fundamentalen Einschränkungen des Lernpotentials den wachsenden Spalt zwischen Arm und Reich im Bildungssektor ans Licht. 

Junger Mann liegt motivationslos und frustriert mit dem Kopf auf seinem Schreibtisch

Mangelnde Struktur, scheinbare Bedeutungslosigkeit des Lernaufwandes inmitten derartiger Ungewissheit sowie der allmähliche Schwund von Hoffnung erschwerten den Schulalltag so einiger Schüler:innen. Gleichzeitig berichten sowohl Schüler:innen und Studierende als auch Lehrende über eine weitaus höhere Arbeitsbelastung infolge der pandemiebedingten Umstellungen. Der Workload steigt, die Motivation sinkt: eine Kombination, die geradezu zum Scheitern verurteilt scheint.

Diese Entwicklung bleibt in den virtuellen Unterrichtseinheiten nicht unbemerkt. Immer häufiger blicken Lehrende auf einen schwarzen Bildschirm. Tag für Tag weniger Gesichter sind durch die Kameras der Schüler zu sehen. Immer seltener werden die Mikrofone aktiviert. Hinzu kommt die ohnehin verringerte Spontanität und Authentizität der Kommunikation und Interaktion via Internet. Ein Zusammenspiel, das eine enorme Herausforderung der digitalen Lehre sowohl für Lernende als auch für Lehrende darstellt und dem für die Sicherung eines effektiven und sozialen Lernprozesses in Zukunft aktiv entgegengelenkt werden muss. 

Die Digitallehre bedarf Wandel und Offenheit gegenüber neuen Strategien. Eine reine Übertragung der altbewährten Lehrmethoden ins digitale Format kann in Anbetracht der beleuchteten Hürden kaum funktionieren. Die Bereitstellung des Lehrmaterials sollte möglichst strukturiert und kleinschrittig erfolgen. Innovative und interaktive Lehrmethoden sollten regelmäßig Platz in Unterrichtseinheiten finden, um die aktive Anwendung und Festigung des Lernmaterials im Langzeitgedächtnis zu ermöglichen. Trotz physischer Barrieren sollten die Kinder stets in der Lage sein, Kontakt mit Lehrkräften sowie Mitschülern aufzunehmen, um emotionale sowie akademische Unterstützung zu erhalten und soziale Vernetzungen möglichst aufrechtzuerhalten.

Eine Schulklasse mit zahlreichen gehobenen Händen

Zurück in die Normalität?

Heute weckt die positive Entwicklung der Pandemie Hoffnung auf eine Rückkehr in die Normalität. Die bundesweite Inzidenz reduzierte sich dank fortgeschrittenen Impfquoten in den letzten Monaten auf ein beständiges Niveau. Test- und Hygienekonzepte wurden an den Schulen implementiert und erfolgreich erprobt und auch die allgemeine medizinische Versorgung in den Krankenhäusern scheint auf Bundesebene gesichert. 

Nun bekräftigen auch die klaren Beschlüsse der Kultusministerkonferenz vom 06.08.2021 diese Überlegungen: Die Schüler:innen sollen mit Beginn des kommenden Schuljahres wieder in ihren altbekannten Schulalltag in Präsenz einsteigen können. Aber wird sich dieser Übergang tatsächlich so einfach gestalten? Welche Probleme und Chancen wecken die Veränderungen der langwierigen Distanzlehre? 

Wie auch inmitten der Digitallehre stellen die erhebliche Heterogenität der Schüler:innen die wohl größte Hürde dar, die es für die Lehrkräfte im Übergang in den Präsenzunterricht zu bestreiten gilt. Nicht nur individuelle Lernfortschritte, sondern auch private Rahmenbedingungen und Erlebnisse trennen die Schüler:innen und erschweren die Bildung eines gemeinsamen, einheitlichen Lernalltags. Die einen sehnen sich nach sofortiger Normalität und Struktur, die anderen benötigen mehr Zeit, um ihre Erlebnisse vernünftig zu verarbeiten und sich an die erneute soziale Eingebundenheit zu gewöhnen.

Grundsätzlich empfiehlt sich den Lehrkräften, allen Reaktionen und Emotionen der Kinder und Jugendlichen auf diese durchaus drastische Umstellung Raum zu schenken und im Klassenklima großen Wert auf Akzeptanz und gegenseitiges Verständnis zu legen. Richtig oder falsch gibt es im Umgang mit diesen Uneinigkeiten kaum: Entscheidend ist es jedoch, eine Balance zwischen Gewohnheit und Neuerung zu schaffen.  Altbewährte Routinen und Strukturen können den Schüler:innen Sicherheit schenken und dahingehend die Einführung neuer Regeln, Lehrstrategien und digitaler Implikationen erleichtern. Um die Rückkehr in die Präsenzlehre möglichst effektiv und aussichtsvoll zu gestalten, sollte anfänglich auf keines der beiden Elemente verzichtet werden.

Zwei Schüler umgeben von der restlichen Schulklasse streiten sich verzweifelt an ihrem Sitzplatz

Wie verändert sich die Dynamik in den Schulklassen?

Besonders im jugendlichen Alter durchleben die Schüler:innen ohnehin erhebliche Veränderungen hinsichtlich Persönlichkeit, Freundschaften und Vorlieben. Ein Prozess der Identitätsfindung, den die Strapazen und Stressoren der Pandemie unter Umständen stark beeinträchtigt haben.

Die Wiedervereinigung einer Klassengemeinschaft kann daher zu Beginn durchaus Probleme mit sich bringen. Die Gruppendynamik durchläuft womöglich einen grundlegenden Wandel: Neue Konstellationen, Freundschaften und Rivalitäten sowie bisher noch nie erfahrene Spannungen beherrschen die Köpfe vieler Schüler:innen. Für Lehrkräfte bedeutet dies grundsätzlich ein besonderes Augenmerk auf derartige Gruppenprozesse zu werfen, um ein positives, sicheres Klassenklima zu bewahren und die Entstehung sozialer Ausgrenzungen von vornherein zu vermeiden.

Buch und Laptop verschmelzen ineinander

Was können wir für die Zukunft lernen?

Alles in allem sind die digitale Lehre und die Folgen der rapiden Umstellung jedoch nicht von Grund auf als negativ zu bewerten. Positive sowie negative Erfahrungen, die die Schüler:innen und Lehrkräfte in dieser Zeit sammelten, können retrospektiv ebenso als Chance dienen! Kritische Reflektion über die konkreten Probleme der Digitallehre, die es zukünftig noch zu bestreiten gilt, wappnet uns für diverse weitere Herausforderungen. Gleichzeitig verhilft uns die Evaluierung der beträchtlichen Vorteile der digitalen Lehrmethoden – hohe Flexibilität, Zeitersparnis, Modernität und Individualisierung – bei der progressiven Entwicklung innovativer Lehrformate. So ist beispielsweise die Hybridlehre als Kombination der Präsenz- und Digitallehre für die Zukunft des Bildungssektors eine denkbare Lösung, die alte und neue Methoden komplementär einsetzt, die Vorteile beider Formate genießt und bisherige Probleme kompensiert.

Zudem ermöglichte die Distanzlehre vielen Schüler:innen besonders der fortgeschrittenen Altersklassen, sich Kernkompetenzen wie Eigenständigkeit, Selbstdisziplin und effektives Time Management innerhalb des selbstregulierten Lernens anzueignen. Schon frühzeitig wappnen diese Skills somit die Kinder und Jugendlichen bestmöglich für die spätere Arbeitswelt und erlauben innerhalb der gesamten Schullaufbahn Festigung und Vertiefung.

Modell eines Gehirns in bunten Farben, davor ein rotes Herz

Schule als reiner Lernort?

Die Pandemie gab uns die Möglichkeit in Erfahrung zu bringen, welch große Bedeutung Schule als alltäglicher Lernort für Kinder und Jugendliche hat. Aber ist Schule nicht noch viel mehr als ein reiner Lernort? 

Der rapide Übergang von Präsenz- in reine Digitallehre bedeutete für die Schüler:innen des Landes nicht nur den Schwund eines physischen Lernortes, sondern den Verlust einer Rückzugsmöglichkeit und eines sozialen Raums, der ihnen zuvor Tag für Tag Komfort, Sicherheit, Ausgleich, Unterstützung und Struktur schenken konnte. Welches Ausmaß die Auswirkungen dieser sozialen Lücke im Schulalltag auf die mentale Gesundheit der Schüler:innen wie auch Studierenden im Laufe der Pandemie annahm, kannst du schon nächsten Montag in einem neuen Beitrag bei LehrerNews nachlesen.

Du bist zu neugierig auf die psychologischen Konsequenzen der Digitallehre und kannst dich kaum bis zum nächsten Artikel gedulden? Hier findest du bis dahin einen Beitrag über Burnout und andere Herausforderungen der Lehrkräfte im Rahmen der Pandemie.