Im zweiten Pandemiejahr ist alles anders. Es gibt Impfstoffe und die Erkenntnisse über das Coronavirus wachsen täglich. Menschen wissen immer gezielter, was sie präventiv tun können, um sich zu schützen. Auch wenn die Delta-Variante viele Expert:innen beunruhigt, ist aktuell jedoch vor allem eins viel besorgniserregender: der Umgang der deutschen Politik an den Schulen mit der Corona-Situation, der Präsenzunterricht über das Wohlergehen der Schüler:innen stellt.

Mangelnde Vorbereitung, großzügige Lockerungen

Statt die Ferienzeit zu nutzen, um überall entsprechende Vorbereitungsmaßnahmen für den Präsenzunterricht zu ergreifen, hat der Bund erst viel zu spät reagiert und ein – in seinem Umfang völlig unzureichendes Förderprogramm für die Installation von Luftfilteranlagen in Kita- und Schulräumen initiiert. Doch damit nicht genug: passend zum Anfang des neuen Schuljahres im bevölkerungsdichtesten Bundesland gilt ab dem 20. August eine neue Corona-Schutzverordnung in NRW, die sich entgegen der Empfehlungen des RKI nicht länger an den Inzidenzzahlen orientiert. Diese seien auf Grund der verbesserten Lage im Vergleich zum Vorjahr nicht mehr maßgeblich, Schulen blieben unabhängig von steigenden Inzidenzen geöffnet, Schließungen seien nicht mehr vorgesehen. Obwohl die Zahlen in NRW bundesweit am höchsten sind, sollen künftig nur die direkten Sitznachbarn positiv getesteter Schüler:innen in Quarantäne, gab NRWs Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP) vor wenigen Tagen bekannt. Dass diese Regelung nicht nur den wissenschaftlichen Erkenntnissen der letzten anderthalb Jahre (Stichtwort: Aerosole) widerspricht, sondern auch völlig die Lebensrealität von mobilen, spielenden Kindern in den Klassen ignoriert, wird dabei ausgeklammert.

Impfung der Schülerschaft läuft gerade erst an

Das Perfide daran: da die STIKO erst vor wenigen Tagen ihre Empfehlung um Impfungen der 12 bis 17-Jährigen erweitert hat, sind die meisten Schüler:innen längst nicht ausreichend vor einer Infektion geschützt; jüngere Kinder haben überhaupt keine Möglichkeit, sich impfen zu lassen. Auf Grund der Impfungen hat sich die Altersspanne der neu infizierten jedoch zunehmend immer weiter zu jüngeren Menschen hin verlagert. Zusätzlich ist über den genauen Verlauf und die Spätfolgen des Virus bei Kindern und Jugendlichen immer noch wenig bekannt, auch wenn sich abzeichnet, dass der Verlauf meist milder ist als bei Erwachsenen. Doch auch wenn der Anteil der Kinder, die nach einer Infektion mit Long Covid zu kämpfen haben, vergleichsweise gering ist, stellt sich die Frage, ob dies eine Lockerung der bisherigen Vorgehensweise rechtfertigt. Dass die von der Kultusministerkonferenz zuletzt kommentarlos veröffentlichten Zwischenergebnisse einer Studie darauf hindeuten, dass Schulen durchaus eine Rolle im Infektionsgeschehen spielen, kommt erschwerend hinzu. Trotzdem hält sie an ihrer Empfehlung für uneingeschränkten Präsenzunterricht fest.

Tisch, auf dem zwischen Stiften und einer offenen Brotdose eine Atemmaske und ein Impfnachweis liegen.

Was rechtfertigt den Umschwung?

Was hat sich also seit dem letzten Schuljahr verändert, um diese Maßnahmen zu rechtfertigen? Das kommt ganz auf die Perspektive an: Aktuelle Erkenntnisse deuten an, dass die Auswirkungen der Schulschließungen auf die psychische Gesundheit, die soziale Entwicklung und den Bildungsstand vieler Schüler:innen nicht zu unterschätzen sind – es gilt daher, weitere Schulschließungen zu verhindern. Als die Zahlen im vergangenen Jahr immer weiter stiegen, wurde von Schüler:innen dennoch verlangt, dieses Opfer zu bringen. Das soll sich nun ändern – doch um welchen Preis? Während Lehrkräfte, Erzieher:innen und Eltern mittlerweile ein fast flächendeckendes Impfangebot erhalten haben, hat sich die Lage für Schüler:innen nicht groß verändert. Statt alle möglichen Maßnahmen zu ergreifen, um den Präsenzunterricht möglichst sicher zu gestalten und die digitale Lehre voranzutreiben, sollen Schüler:innen erneut zurückstecken und das für sie unveränderte bis erhöhte Risiko einer Infektion mit der Delta-Variante tragen. „Das Schulministerium hat nicht die medizinische Expertise, um die RKI-Empfehlungen zu ignorieren und die Inzidenzwerte zu missachten“, kritisiert auch die GEW-Landesvorsitzende Ayla Celik das Vorhaben der Landesregierung. Präsenzunterricht um jeden Preis – das ist scheinbar die Devise der Landesregierung. Es beschleicht einen fast das Gefühl, das Werben für uneingeschränkten Präsenzunterricht werde für den Wahlkampf im Rahmen der anstehenden Bundestagswahl instrumentalisiert – und eine Durchseuchung der Schüler:innen dafür billigend in Kauf genommen.

Was sagt ihr zu der neuen Corona-Schutzverordnung in NRW? Haltet ihr das Modell für sinnvoll? Schreibt es uns gern in die Kommentare. Alles über die vom Bund angekündigte Unterstützung zum Infektionsschutz in Schulen findet ihr hier.