Als im Jahre 1991 die feministische Mädchenschule aus Wien ihre Eröffnung feierte, herrschte eine Diskussion zwischen erwartungs- und neidvoller Faszination und strikter Ablehnung. Diese begleiten den Alltag der Lehrer:innen sowie der Erziehungswissenschaftler:innen der Virginia Woolf-Schule bis heute noch. Die Tatsache, dass einige Frauen für Mädchen, aber auch für sich selbst einen Freiraum geschaffen haben, womit sie pädagogische Ansprüche verbinden, stellt bis heute für manche noch eine ungeheure Provokation dar: Was Frauen mittlerweile selbst einfordern, sollte selbstverständlich auch für Mädchen gelten. 

Gesellschaftliche Verhältnisse als Machtverhältnisse zu analysieren, erfordert einen anderen Blickwinkel auf die Schule als erste wichtige, vor allem staatliche, Vermittlung für Werte und Moralvorstellungen. In der Virginia Woolf-Schule geht es auch darum, zu lernen, sich an die geforderten und notwendigen gesellschaftlichen Aufgaben und Rollen anzupassen: soziale Rollen, die den Platz in der Gesellschaft zuweisen.

Virginia Woolf

Virginia Woolf, welche ​​am 25. Januar 1882 in London geboren ist, war eine englische Schriftstellerin. Zwar begann ihre Karriere spät, doch ende der zwanziger Jahre war sie bereits eine berühmte Schriftstellerin. In ihren letzten Jahren litt sie erheblich an Verzweiflung, weshalb sie sich im Jahre 1941 im Fluss Ouse ertränkte. Der Name Virgina Woolf wurde zur einer Kulturfigur der neuen Frauenbewegung wurde.Ihre Schönheit, ihr Wahnsinn und ihr Selbstmord umgeben sie mit einer düster-romatischen Aura.

die englische Schriftstellerin Virginia Woolf im Laufe ihres Leben.

 Die dunklen Seiten ihres Lebens waren real. So wurde sie in ihrer Kindheit mehrmals von ihren Halbbrüdern sexuell missbraucht, was dazu führte, dass sie ihren Körper nicht akzeptierte, ihre Schönheit nicht selbst empfindete und sexuell anansprechbar blieb.

Die Entstehung der Virginia Woolf-Schule

Als eine siebenjährige Schülerin sich weigerte nach dem ersten Schuljahr weiterhin die Schule zu besuchen, legte sie Beschwerde ein: Sie hätte keine Ruhe und fühlte sich von den Jungen gestört. Bevor das Mädchen zur Schule ging, wuchs sie in einer sehr frauenbewussten Umgebung auf und wurde als Mädchen aufgenommen und gefördert. Doch während ihrer Schulzeit veränderte sich einiges. Ihre Lebensfreude und ihr Selbstbewusstsein wurden eingeschränkt. Der Wechsel in eine Mädchenklasse wurde beschlossen. 

Trotz der immer geforderten Vereinsgründung, um überhaupt staatliche Förderungen bekommen zu können, verweist die Organisationsform (Mädchen getrennt zu unterrichten) auf eine Einbindung in die Frauenbewegung. Für die Anfangsphase bildeten die Erfahrungen aus der Frauenbewegung und das Wissen sowohl um bürokratische Erfordernisse als auch feministische Diskussionen zu Mädchenbildung den wichtigsten Ansatzpunkt. Die kritischen Diskussionen rund um die feministische Schulforschung bildeten einen weiteren Grundstein für die Virginia Woolf-Schule, sodass die Schule im Oktober 1991 eröffnet werden konnte.

Der Schulraum wurde im Wiener Frauenzentrum gefunden. Dies hatte  neben der Tatsache, dass dafür weder Miete noch Betriebskosten zu bezahlen sind,  den Vorteil, dass Mädchen einen sozialen Ort vorfinden, indem sich die Bedingungen selbst ergeben: engagierte und selbstbewusste Frauen, die im Frauenzentrum in den verschiedensten Bereichen politisch arbeiten, liefern hier ein lebendiges Gegenbild zu herkömmlichen Weiblichkeitsvorstellungen, und bieten damit den Mädchen tagtägliche identifikationsmöglichkeiten traditioneller Frauenrollen an. So erhebte auch die Schule die Pflicht, dass nur staatliche geprüfte Lehrerinnen und Betreuerinnen unterrichten durften.

Der Alltag in der Virginia Woolf-Schule

Die einklassige Schule wurde zunächst von Mädchen im Alter zwischen fünf und neun Jahren besucht. Die ganztägige Betreuung umfasste einmal wöchentlich Selbstverteidigungs- bzw. Trommelunterricht, das tägliche Mittagessen und viele verschiedene Ausflüge. Im Vergleich zu den Alternativschulen wurde keinerlei Mithilfe bei Putz-, Koch- oder sonstigen Arbeiten von den Müttern erwartet. Auch haben Mütter keine formellen Mitbestimmungsmöglichkeiten bei den Schul- und Unterrichtsangelegenheiten, welche zwischen den Mädchen und den Betreuerinnen ausgemacht werden. 

Die Feministische Schulpraxis

Die feministische Mädchenschule als sozialer Ort, wo Mädchen von/mit Frauen lernen können: eigene Stärken und Schwächen gemeinsam wahrnehmen und reflektieren, verschiedene Verhaltensmuster ausprobieren bzw. jegliche Erwartungen und Normen, die die Gesellschaft für sie bereithält, kritisch hinterfragen. Die Virginia Woolf-Schule ist auch eine Antwort auf die alltägliche sexistische und sexuelle Gewalt gegen Mädchen. Dabei wird noch immer sehr oft die Selbstverständlichkeit der täglichen Übergriffe von Buben auf Mädchen übersehen: Gewalt und Belästigungen aus psychischer, physischer, verbaler und sexueller Ebene gehören für die Mädchen zum Schulalltag. So gesehen bestätigt sich noch einmal die Notwendigkeit eines geschützten Ortes für Mädchen.

No Sexism, Girls Power & I am more than a Body

Der Vermittlung von Wissen um die eigene Geschichte als Frau kommt im Rahmen feministischer Mädchenbildung eine große Bedeutung zu. Mädchen sollen erfahren, was Frauen zu anderen Zeiten, an anderen Orten oder in anderen Kulturen geleistet haben bzw. leisten. Es geht darum, weibliche Traditionen aufzuspüren, zu benennen und in einen Zusammenhang zu stellen.

Durch Frauensprache ins Zentrum

Die Frauensprache zu verwenden, bedeutet eine Absage an alle geschlechtsneutralen Formulierungen. Für die Mädchen der Virginia Woolf-Schule ist es mittlerweile eine Selbstverständlichkeit, weibliche Formen zu verwenden, wenn Frauen oder weibliches benannt werden sollen. Somit stellen sie Frauen auch sprachlich ins Zentrum.

Interkulturelles Lernen

Über die sich ebenfalls im Frauenzentrum befindende Beratungsstellen haben die Mädchen Kontakt zu ausländischen Mädchen. Einige dieser nehmen auch am wöchentlichen Selbstverteidigungsunterricht teil. Des Weiteren werden  Frauen öfters aus verschiedenen Ländern in die Schule eingeladen, die den Mädchen über ihr Land, ihre Kultur und ihre Lebensbedingungen erzählten. Es sei wichtig, den Mädchen ein Bewusstsein darüber zu vermitteln, dass nicht nur Europa und nicht nur unsere Kultur der Mittelpunkt der Welt oder das einzige Maß aller Dinge ist. Dabei lernen sie unterschiedliche Lebensweisen und Lebenszusammenhänge von Frauen besser zu verstehen.

Mädchen verschiedener Herkunft, welche gemeinsam zur Schule gehen.

Das Aufspüren des alltäglichen Sexismus

Die Welt um uns wird zum Unterrichtsmaterial: Dies reicht von Büchern, über das Fernsehen, über Graffitis im Frauenzentrum, das bevorzugte Spielzeug, die Plakatwände vor der Schule, die Erlebnisse und Gespräche der Mädchen außerhalb der Schule und vor allem das Verhalten anderer Mädchen und Frauen. Sehr oft fällt den Mädchen dabei auf, dass die dargestellte weibliche Realität der Medien nur in den seltensten Fällen mit ihren Erwartungen und Beobachtungen übereinstimmt bzw. auch dass ihr selbstbewusstes Auftreten immer wieder Reaktionen auslöst, welche von Verwunderung bis hin zu Ablehnung und Aggression reichen.

Was ist Eure Meinung zur feministischen Schule? Lasst uns gerne Eure Meinung in den Kommentaren da! Anlässlich zum internationalen Tag des Mädchens hatten wir am 11.10.2021 folgenden Artikel veröffentlicht, um Euch darüber zu informieren, wo es international an Mädchenbildung fehlt und was dafür die Gründe sind. Auch hier könnt Ihr nachlesen, welche erste Studienmöglichkeiten Frauen hatten und hier, wie die Digitalisierung die Gleichstellung erleichtert hat.