Nach Ostern geht es also, je nach Inzidenz, für die meisten von uns wieder in den Präsenzunterricht. Mit voller Energie geht es dann in halbe Klassen, während die andere Hälfte zuhause unterrichtet werden muss. Denn der Annahme, dass Schülerinnen und Schüler im Wechselmodell nur die Hälfte lernen, wollen wir Lehrkräfte uns natürlich nicht ergeben. Wir möchten beiden Lerngruppen gerecht werden, und das wird, wie viele schon schmerzlich erleben durften, kein einfaches Unterfangen. Morgens die eine Gruppe zu unterrichten und nachmittags die am Vorabend gestellten Aufgaben der anderen Gruppe zu korrigieren habe ich exakt zwei Wochen ausgehalten. Gängiger ist wohl, umfangreichere Hausaufgaben für die aktuell nicht anwesende Lerngruppe zu geben, aber auch das ist nicht optimal. Außerdem bieten sich vielen von uns neue digitale Möglichkeiten, zumindest dort, wo Schulträger in Sachen digitaler Ausstattung und vor allem Bandbreite schnell reagiert haben.

Was braucht es also in der Lehrertasche 2.0?

Zunächst macht es Sinn, den daheim lernenden Teil der Klasse live in den Unterricht einzubinden. Die Schülerinnen und Schüler erhalten dadurch Struktur für den Tag, auch Eltern sind dafür dankbar. Dafür genügt ein Smartphone und das hoffentlich vorhandene Schulnetzwerk. BigBlueButton, Schulcloud, IServ, Moodle oder auch die Angebote von Microsoft und Google bieten je nach Datenschutzauflagen genügend Möglichkeiten, mit Lernenden zu chatten oder sich direkt per Video zuzuschalten. Für letzteres empfiehlt sich ein einfaches Smartphone Stativ. Die Mitschülerinnen und Mitschüler im Klassenraum hören die zuhause Lernenden dann natürlich nicht, und meine Erfahrung zeigt, dass auch teure Konferenzmikrofone nicht wirklich für Klassenräume geeignet sind. Plant den Unterricht also dahingehend, dass man die Lehrkraft gut hören kann. Ideal sind dabei drahtlose Kopfhörer mit eingebautem Mikrofon, wie sie zum Beispiel von der Firma mit dem angebissenen Obst massenhaft verkauft werden. Mit einem Ohr ist man bei den zuhause Lernenden, mit dem anderen Ohr im Klassenraum. (Fortbildungen für den Unterricht mit Videokonferenzen gibt es bei der ZDB, anm d. Red.)

Videokonfernz Unterricht

Auch nach den Osterferien wird der Unterricht mit Videokonferenzen teilweise notwendig sein.

Darf es auch etwas mehr sein?

Spannender wird es, wenn man schon ein Dienstgerät hat oder die eigene Technik mit in die Schule bringen möchte. Während ein Tablet nicht wirklich große Vorteile gegenüber einem Handy bietet, bringt ein Laptop noch ganz andere Möglichkeiten der Einbindung. Das Smartphone kann sich übrigens bei IServ zusätzlich in den Videochat einwählen und z.B. permanent die Tafel im Klassenraum zeigen. Wer bereits einen Bildschirm oder Beamer im Klassenraum nutzen kann, kann das Bild des eigenen Laptops dann sowohl per Bildschirmfreigabe an die daheim Lernenden senden, als auch im Klassenraum zeigen. Der an den Bildschirm bzw Beamer angeschlossene Laptop ermöglicht es dann auch, dass Redebeiträge der zuhause Lernenden im Klassenraum gehört werden (sofern Lautsprecher vorhanden sind). Hat der Laptop keine oder nur eine schlechte Webcam verbaut, ist auch diese für wenig Geld zu haben.

Die Kür!

Das fantastische Freeware Programm OBS (Open Broadcast System) ermöglicht es der experimentierwilligen Lehrkraft ein ganzes Fernsehstudio in der Tasche zu transportieren. Man kann damit mehrere Quellen zu einem Videobild zusammenzufügen oder zwischen mehreren Quellen umschalten und das ganze dann als virtuelle Webcam in den Videochat füttern.

Gamer OBS

Eine Gamerin verwendet OBS zum Streamen. Das Programm ist auch hervorragend für Lehrer:innen geeignet.

 Meistens wird das Programm von Gamern genutzt, die ihr Konterfei dem gezeigten Spiel hinzufügen. Es ist aber auch möglich, dass Lehrperson und digitales Buch vom Laptop der Lehrkraft gleichzeitig zu sehen sind. Das knüpft ganz nebenbei an die Sehgewohnheiten der jungen Menschen an. Auch hier ließe sich mit einer App das eigene Smartphone als zusätzliche Kamera einbinden, zum Beispiel um einen Versuchsaufbau zu zeigen. Anleitungen dazu findet man zuhauf genau dort, wo auch Schülerinnen und Schüler viele Antworten bekommen: im Internet.

Das Problem

Der Selbstversuch hat gezeigt: auf Biegen und Brechen den Unterricht live zu übertragen, ist wahnsinnig anstrengend. Die ohnehin schon beanspruchte Aufmerksamkeit der Lehrkraft muss jetzt auch noch den Chat im Blick haben und sehen, wer sich virtuell meldet. Auch nur der geringste Ansatz von Unterrichtsgespräch wird zu einer Grenzerfahrung für die Nerven. Es braucht klare Regeln für den Ablauf und somit ist Türschwellenpädagogik auch mit einer Tasche voll technischer Spielereien ein absolutes no-go.

Die Lösung

müssen etwas anderes zum Unterricht beitragen, als diejenigen, die im Klassenraum sitzen. Mit dieser Maxime im Hinterkopf wird es einfacher, und schnell sind die zugeschalteten Kids die Online-Recherche Redaktion der Klasse. Während die präsente Lerngruppe mit Hilfe des Schulbuches einen Aspekt erarbeitet, sammeln die zuhause Lernenden im Internet nach Informationen und stellen diese auf einem Padlet zusammen. In Breakout Räumen können diese Kinder sogar Gruppenarbeit machen, etwas was pandemiebedingt im Klassenraum mit Mindestabstand nicht möglich ist. Abschließend wird das Ergebnis per Beamer oder Smartboard dem Rest der Klasse gezeigt und mit den Ergebnissen der Anwesenden verglichen. Mögen euch, liebe Leserinnen und Leser, die Voraussetzungen an euren Schulen vergönnt sein, euch selbst ein wenig zu entlasten und euren Lerngruppen so gerecht zu werden wie möglich. (Leseempfehlung: Unterrichts-Atmosphäre schaffen ohne Klassenraum, geht das? Anm. d. Redaktion)

Der Autor

Oliver Kracke, geb. 1982, ist Lehrer der Fächer Politik-Wirtschaft und Englisch an einer niedersächsischen Gesamtschule und kümmert sich dort um Digitalisierung und Digitalität. Nebenbei macht er Musik und Musikvideos, liebt Social Media und moderiert zusammen mit Rieke Strehl und Nicolas Colsman den Talk im wöchentlichen ClubhouseLehrerzimmer.