Im Rahmen des kommenden Weltlehrer:innentags haben wir Lehrer:innenverbände kontaktiert und sie nach ihrer Meinung über die derzeitige Digitalisierung an Schulen gefragt. Wir wollten wissen, welche Forderungen sie an die zukünftige Bundesregierung und den einzelnen Ländern haben. Dabei war Lehrer News nicht nur auf einer Presseveranstaltung der GEW, sondern hat sogar mit dem Deutschen Verein zur Förderung der Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung und mit dem Fachverband Philosophie Interviews geführt, aus welchen wir Euch hier Ausschnitte präsentieren.

Interview mit U. Sch. vom Deutscher Verein zur Förderung der Lehrer:innen- und Lehrerfortbildung

LN: Laut BMBF sind rund 852 Millionen Euro bis zur Jahresmitte 2021 aus dem DigitalPakt Schule abgeflossen. Andererseits gilt bei dem Programm keine Förderung ohne Qualifizierung der Lehrenden und ohne technisch-pädagogisches Einsatzkonzept. Ist Ihrer Meinung nach die Fortbildung der Lehrkräfte in der digitalen Welt soweit ausreichend.

U. Sch.: Weil es sich um eine kontinuierliche Qualifizierung handelt, ist es tatsächlich nicht ausreichend. Was bisher passiert ist, ist natürlich sehr viel Technikfortbildung, wie bediene ich ein Gerät. Aber was ist mit meiner Situation, also wie ändert sich […] die Rolle als Lehrkraft, wie gehe ich mit frei verfügbaren Wissen um? Das ist natürlich was Kontinuierliches, was noch deutlich wachsen muss. Und das ist natürlich auch eine längerfristige Situation, die deutlich darüber hinaus geht, Lehrkräften darin zu schulen, Tablets […] zu bedienen.

LN: Haben Sie als Verband eine konkrete und zentrale Strategie, um ein größeres Angebot zu bieten, gerade weil Sie auf Lehrer:innenfortbildungen zu sprechen kamen?

U.Sch.: Lehrerfortbildungen ha[ben] immer damit zu kämpfen, dass die Lehrkräfte eigentlich keine Zeit haben, um sich weiterzubilden. Sie haben im internationalen Vergleich relative hohe Unterrichtsverpflichtung. Was tatsächlich ein Problem ist, ist, dass Lehrkräfte in der Regel bei 25 bis 28 Pflichtstunden die Woche und entsprechenden Vor- und Nachbereitung selten viel Zeit haben, um an ihrer Professionalität zu arbeiten. Das ist (zwar) immer sehr Systemspezifisch, (aber) meistens sind Lehrkräfte in ihrer Profession Einzelkämpfer. Das ist tatsächlich ein Punkt, für den wir kämpfen. […] [D]ie Bedeutsamkeit, sich als Lehrkraft eben, um die Qualität von Lehren und Lernen kümmern zu können muss einen anderen Stellenwert bekommen.

Zusehen ist eine Grafik der GEW, die die Überlastung von Lehrkräften darstellt. Ein viertel der Lehrer:innen arbeiten mehr als 48 Stunden durchschnittlich pro Woche und 90% der Lehrkräfte hatten einen erhöhten Arbeitsaufwand durch den Fernunterricht.

LN: Haben Sie als Verband, Wünsche für die neue Regierung? Was ist auf jeden Fall nötig?

U.Sch.: Inwiefern wir in Zukunft ein bisschen Themenzentrierter arbeiten. Lehrkräfte studieren, Fächer und die unterrichten sie dann und für die Schüler:innen, wenn es gut klappt, ergibt sich sowas wie Bildung, in dem sie selber die Inhalte der verschiedenen Fächer für sich kombinieren. Was aber der Fall ist und Digitalität ist in der Tat ein Punkt, aber auch [Themen] für nachhaltige Entwicklung, wie Klimawandel […] sind nicht gut verankert im deutschen Bildungssystem, weil man immer nicht sagen kann, welches Fach darf es denn machen. Themenzentrierung [findet] viel zu wenig statt, auch in der Bildung der Lehrkräfte. Viele Lehrkräfte sind auch ängstlich, wenn sie Fachinhalte unterrichten müssen. Sie sehen sich nicht als Experte fürs Klima, weil sie eigentlich nur die Biologie dazu studiert haben. […] Das ist etwas, was Politik in jedem Fall angehen muss.

Interview mit M. Sch. vom Fachverband Philosophie

LN: Laut BMBF sind rund 852 Millionen […] in der digitalen Welt soweit ausreichend.

M. Sch.: Auf gar keinen Fall ist das ein ausreichender Betrag. Vieles an Ausstattung und Fortbildung finanzieren die Lehrkräfte noch immer privat. Fortbildungsangebote sind dann aber auch nicht immer staatlich gestützt, sondern von privaten Anbietern:innen kommen. Ich persönlich habe in diesem Jahr einen hohen vierstelligen Betrag für meine schulische digitale Ausstattung ausgegeben. Aus eigener Tasche. Rechnen Sie das hoch auf alle Lehrkräfte in Deutschland merken Sie ganz schnell, dass dieser Betrag für die Ausstattung und Fortbildung der Lehrkräfte nicht ausreichend ist – und an dieser Stelle haben wir noch nicht über die Schüler:innen gesprochen.

LN: Gibt es eine konkrete und zentrale Strategie, um ein größeres Angebot zu bieten? Wie kann man Fortbildungen bundesweit ermöglichen?

M. Sch.: Wie gesagt gibt es Firmen, die merken, dass es einen Bedarf gibt. Diese bieten dann auch deutschlandweit Angebote an. Ansonsten kocht jedes Bundesland ein eigenes föderalistisches Süppchen.

Ich denke daher, dass die Strategie eine andere sein müsste, denn das, was momentan den Digitalpakt so schwierig für die Schulen macht ist die Tatsache, dass jede Schule ein eigenes Konzept vorlegen muss. […] Warum [braucht] es tausende von Konzepten, anstatt  klare Vorgaben zu geben, die dann an das pädagogische Konzept einzelner Schulen angepasst werden können. Das was passiert ist, dass wieder einzelne Lehrkräfte zusätzlich zu ihrer sonstigen Arbeit Angebote [zur Fortbildung] einholen oder gar anbieten müssen und sich dann ein Konzept für die eigene Schule zusammenstellen sollen. Meistens bleibt es an den Lehrkräften hängen die Informatik anbieten, weil man denkt „naja das ist eine Informatiklehrkraft, die wird ja wohl auch mit Rechnern gut können und kann deswegen Digitalisierung.“ Das ist ja nicht im Sinne des Erfinders. Das ist aber sehr wohl symptomatisch. Kluge und wichtige Dinge werden eingeführt, aber es wird nicht genügend Ressource geschaffen – weder finanziell noch personell. Schulen brauchen für die Digitalisierung professionellen IT-Support. Vor einigen Jahren konnte man ähnliches bei der Inklusion beobachten. Die Inklusion ist ein lohnenswertes Ziel, nur darf sie scheinbar nichts kosten. Es wird – zurecht – immer mehr von Bildung gefordert, aber es wird nicht investiert. Statt einem 2%-Ziel für den Verteidigungshaushalt bräuchte es ein 4%-Ziel für die Bildung.

LN: Sind Sie der Meinung, dass einige Fächer, wie z. B. Philosophie oder Sport bei der Umstellung auf die digitale Welt herabgestuft oder nicht so unterstützt wurden, wie es nötig gewesen wäre?

M.Sch.: Zur Behandlung des Faches Philosophie kann ich das klar bestätigen. Als es um den Distanzunterricht ging und überlegt wurde, welche Fächer auf jeden Fall angeboten werden müssen, wurde die Fächergruppe Philosophie, Ethik und Religion in manchen Bundesländern als allererstes aus den Lehrplänen gestrichen. Sie werden sowieso schon auf Sparflamme gefahren – und das im Land der Dichter und Denker. Denn das sind genau die Fächer, die eigentlich die Möglichkeit geben, Kinder auch aufzufangen. Es wird öffentlich konstatiert, dass [viele Kinder] aufgrund des Distanzunterrichts während Corona sicherlich auch psychische Probleme haben […], weil sie zu Hause allein gelassen wurden, weil zu Hause ganz andere Lernbedingungen herrschen, weil der soziale Austausch mit den Altersgenossen fehlte etc. Fächer wie Ethik und Religion, aber auch Philosophie, [sind] Fächer, die das aufgreifen können und auch tun. Hier finden Schüler:innen Anlaufstellen zum Austausch über das, was sie persönlich gerade bewegt.

Wir vom Fachverband Philosophie e.V. sind überzeugt davon, dass eine Digitalisierung der Schüler:innenschaft nur mit einer Stärkung des Fachs Philosophie und seiner verwandten Fächer (Ethik, LER, Werte und Normen, Praktische Philosophie) funktionieren kann. Das Erkennen von populistischer Meinungsmache (Argumentationstheorie), gezielt gestreuter Falschmeldungen (Erkenntnistheorie), aber auch ganz fundamentale Aspekte wie der Umgang mit der eigenen, für Schüler:innen noch nicht gefestigten Identität im Spannungsbild der realen und der digitalen Welt sind nur drei Aspekte, die grundeigene Bereiche der Philosophie sind.

Zusehen ist eine Grafik, die in Prozenten anzeigt, wie viele der befragten Lehrkräfte gerne mehr digitale Elemente im Unterricht einbauen möchten.

Pressemitteilung des Grundschulverbandes: Was fordert er?

Der Grundschulverband hatte bereits im März eine Pressemitteilung herausgeben, in denen er Forderungen zur Verbesserung der Grundschulen an den Staat stellt. Dabei beziehen sich die Forderungen auch auf die Defizite im Bereich der Digitalisierung an Grundschulen. Die Mitteilung weist nicht nur auf die Vorteile der digitalen Technologien während den Corona bedingten Schulschließungen hin, sondern auch auf langfristige Einsatzmöglichkeiten wie das Verbreiten von Lernmaterialien. Einige der Forderungen sind:

– Ausstattung aller Grundschulklassenzimmer mit Internet

– Sichere und auch von jüngeren Kindern bedienbare Lern- und Kommunikationssysteme

– Online-Beratungsstellen für soziale Probleme, an welche sich auch Lehrkräfte wenden können

– Digitale Schulungsangebote und Supportsysteme für den Einsatz digitaler Medien mit speziellen Grundschulinhalten 

– Hilfsangebote für das Lernen zu Hause, durch Tools, Studierende, ehrenamtliche Kräfte oder außerschulische Bildungsangebote

Die gesamte Pressemitteilung mit allen Forderungen gibt es hier als Download.

GEW-Pressekonferenz: Was fordert die GEW?

Die GEW hat am Mittwoch, dem 29.09.2021, eine Pressekonferenz abgehalten, bei der auch PR-Mitarbeiter der Lehrer-News-Redaktion anwesend waren. In dieser Pressekonferenz stellte die GEW die Ergebnisse einer Studie zur Digitalisierung im Schulsystem 2021 vor und zeigte aus der Studie hervorgehende nötige Handlungsmaßnahmen und Forderungen. Schulen bräuchten dringend mehr personelle und zeitliche Ressourcen um gute digitale Lehr- und Lernkonzepte zu entwickeln und umzusetzen, damit die Weiterentwicklung der Medienkompetenz der Lehrkräfte und der Schüler:innen nicht im Technikstress untergeht. Es sei wichtig bei der Digitalisierung nicht nur auf die Ausstattung zu schauen, sondern auch auf das Können und die Zeit, die Lehrkräfte zur Verfügung steht. Es brauche Zeit und Ressourcen für Weiterbildungen und Anpassungen von analogen an digitale Formate. Außerdem sollten für IT spezifische Aufgaben auch IT-Administrator:innen angeheuert werden, damit Lehrkräfte diese Aufgaben nicht auch noch übernehmen müssen. Lehrkräfte seien bereits am Limit ihrer zeitlichen Kapazitäten. Des Weiteren wurde bemängelt, dass Lehrkräfte und Schulen zu wenig institutionelle Unterstützung während der Corona-Krise bekommen hätten und eigenständig Lösungen gefunden werden mussten.

Auch die Unterschiede der digitalen Ausstattungen bei den Schulen wurden besprochen, so gäbe es digitale Vorreiter und Nachzügler. Bei den Vorreitern litten die Lehrkräfte weniger unter dem von der Digitalisierung verursachten Stress, auch in Hinblick auf die Pandemie und Lehrkräfte seien generell zufriedener mit ihrer Arbeit. Diese Unterschiede würden auch zu einer stärkeren sozialen Spaltung der Gesellschaft führen, da die schlechtere Ausstattung an den Nachzügler-Schulen letztendlich zu negativen Auswirkungen auf die Bildungschancen der Schüler:innen führe. Letztendlich sei Digitalisierung kein Selbstzweck, sondern müsse zur Verbesserung von Medienkompetenzen und generell der schulischen Bildung führen. Hier geht’s zur Pressemitteilung mit allen Forderungen.

Zusehen ist eine Grafik der GEW, die die Mangel bei der digitalen Ausstattung von Schulen aufzeigt.

Lehrkräfte dürfen nicht alleine gelassen werden

Beide interviewten Vereine haben natürlich eigene Forderungen an das Bildungssystem, abhängig von ihren Werten und Schwerpunkten als Verband. Jedoch sind sich beide sicher, Lehrkräfte brauchen mehr Unterstützung in Form von Ausrüstung, aber vor allen von Schaffung von zeitlichen Ressourcen und von Fortbildungsmöglichkeiten. Nicht nur die digitale Ausstattung ist wichtig, Lehrer:innen müssen auch wissen, wie sie im Unterricht verwendet werden kann und wie sie ihren Beruf verändert. Es braucht staatlich gedeckte Fortbildungsmöglichkeiten für Lehrkräfte, welche die Lehrkräfte nicht erst selber erst organisieren müssen. Lehrer:innen sind bereits am Limit ihrer Belastung, deshalb sollten auch Zusatzaufgaben wie z. B. das Administrieren des IT-Netzwerks nicht mehr in den Aufgabenbereich von Lehrkräften fallen. Generell müssen Lehrkräfte in ihrem Beruf entlastet werden. Sie dürfen mit den Aufgaben, die im Bildungsbereich anfallen, nicht allein gelassen werden. Nur wenn sie auch mitgenommen werden, kann es zu Fortschritten an Schulen und in der Digitalisierung kommen. Deshalb sollten die Forderungen der Lehrerverbände nicht ignoriert, sondern ernst genommen werden.

Wenn ihr wissen wollt, was Schüler:innen über die Digitalisierung denken, schaut doch einmal bei diesem Artikel vorbei und sollte Euch die Weiterbildung von morgen interessieren, wäre vielleicht dieser Beitrag etwas für Euch.