Aktuelle Artikel mit anderen Lehrern teilen!

Welt veröffentlicht unverschämten Artikel. Lehrer-news.de antwortet darauf.

Offener Brief von Busso von der Groeben

Sehr geehrter Herr Zschäpitz, Sehr geehrter Herr Sommerfeldt,

Am 24.04.2020 schrieben Sie auf Welt online einen Artikel mit dem Titel “Liebe Lehrer, euer Versagen ist unser Untergang”.

Screenshot Artikel Welt Screenshot von welt.de

Leider ist dieser Artikel hinter einer Paywall versteckt, so dass ihn nur Lehrer*innen lesen können, die Ihre Zeitung abonnieren. Dies ist insofern schlecht, da Sie viele richtige und wichtige Punkte, wie zum Beispiel die mangelnde Ausrüstung der Schulen ansprechen. Doch dann stellen Sie die Lehrer*innen in die Verantwortung und werfen Ihnen vor, sich nicht genug zu engagieren.

“Und einige Lehrkräfte mussten gar überzeugt werden, sich überhaupt eine Mailadresse zu besorgen, über die dann zumindest eine gewisse Kommunikation möglich ist. “

aus dem Artikel

Sie führen dafür Beispiele an, so soll es Lehrer*innen geben, die noch nicht mal Emailadressen haben. Sie werfen den Lehrkräften auch vor, sie würden sich auf Ihren relativ sicheren Jobs ausruhen.

Wir verstehen, dass Sie in der aktuellen Situation gestresst und wütend sind. Doch leider lassen Sie Ihre Wut an den Falschen aus. Sicher, es gibt die schwarzen Schafe, die sich nicht engagieren. Doch Ihr Vorwurf trifft die ganze Lehrerschaft und ist höchst unfair. Wie sollen denn Lehrer*innen digitalen Unterricht führen, wenn diese mit einem Bein vor einem Disziplinarverfahren stehen, wenn irgendwas unbemerkt nicht ganz datenschutzkonform ist? Wie sollen sie Fernunterricht führen, wenn das Internet marode ist? Wie sollen Sie sich um Ihre Schützlinge kümmern, wenn ein Teil von diesen keinen Zugang zu Computern oder Tablets hat?  Und wie soll das Ganze klappen, wenn es in jeder Schule, in jedem Ort und jedem Bundesland unterschiedliche Regelungen gibt?

 “Nicht die Kinder brauchen die Laptops. Die Lehrer brauchen sie.”

aus dem Artikel

In den Kultusministerien sitzen Beamte, die wenn überhaupt mal in Ihrer Referendariatszeit eine Schule als Lehrkraft von innen gesehen haben. Eine Studie von 2018 zeigt, dass die meisten Lehrer deutlich zu viel arbeiten, auch Sonn- und Feiertags. Lehrkräfte haben ca. 25 Unterrichtsstunden die Woche. Je nach Bundesland sollten sie mit Korrekturen, Vorbereitungen etc. auf ungefähr 40 Stunden kommen. Alleine ein Fünftel der Lehrer kommt aber laut dieser Studie auf über 48 Stunden die Woche. Das spricht nicht für mangelndes Engagement der Lehrer*innen, sondern im Gegenteil für ein starkes Engagement.

Wäre ein genereller Vorwurf an Eltern berechtigt?

Weiterhin möchte ich mir die Frage erlauben, wie Sie sich fühlen, wenn Sie den Vorwurf hören würden, wie Eltern im Allgemeinen die Digitalisierung aufhalten, da sie sich ja mehrheitlich mit dämlichen Fragen oder ständigen Beschwerden wegen Kleinigkeiten aufhalten. Außerdem sind Eltern ja sowieso damit beschäftigt grundsätzlich die Lehrer*innen ihrer Kinder zu kritisieren. Sie würden diese Vorwürfe -zu Recht- als unfair empfinden. (Eine amüsante Liste der nervigsten Elterntypen gibt es hier.) Ihre Zeitung hat sich mit dem Problem nerviger Eltern übrigens schon 2015 auseinandergesetzt.

Screenshot von welt.de

Screenshot von welt.de

Sehr geehrter Herr Zschäpitz, Sehr geehrter Herr Sommerfeldt, lassen Sie also Ihre – berechtigte – Wut nicht an denjenigen aus, die am wenigsten für die Situation können, sondern richten Sie Ihre Kritik auf die Schulen, die Kultusministerien und an sonstige Zuständige für die digitale Infrastruktur sowie die unübersichtlichen Datenschutzregelungen.

Vielleicht können Lehrkräfte, Eltern, und Schüler*innen dann gemeinsam dafür sorgen, dass unser Land die Chance nutzt, um in eine digitale Zukunft zu starten. Die Zeit, dass alle, die mit unserem Schulsystem zu tun haben, zusammenarbeiten müssen, ist spätestens jetzt gekommen.

Mit freundlichen Grüßen, und bleiben Sie gesund

Busso von der Groeben
lehrer-news.de

Comments
  • Eine engagierte Lehrkraft

    Auf den Punkt – sehr gut!
    Vielen Dank!

    April 27, 2020
  • S. Hollstein

    Der Artikel der Welt würde in meinem Bekanntenkreis zitiert.
    Es ist schon merkwürdig wie schnell in unserer Welt derzeit in alle Richtungen polemisch und populistisch agiert wird.
    Da kommt es wieder das egozentrische ich, ich, ich. Ohne wirklich zu hinterfragen… da wird aus der eigenen persönlichen Erfahrungswelt eine ganze Berufsgruppe defamiert.
    Nachdem ich seit über 5 Wochen krampfhaft versuche mit meinen Schüler und deren Eltern im Kontakt zu bleiben, auszuloten was privat an digitalen Endegräten überhaupt zur Verfügung steht, telefoniere um Schüler seit dem Wiederbeginn der Schulpflicht zum Lernen zu Hause zu motivieren und zu begleiten. Schuleigene Arbeitspläne auf die schnelle kürzen und trotzdem etwas sinnvolles und nachhaltiges unterrichten zu können, mit Mitteln die nicht ausreichen um fachdidaktisch und pädagogischen attequart auf diese Außnahmesituation zu reagieren. Sorgen und Nöte aufzuspüren und dann so ein Artikel. Es fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht.

    Lieben Dank Busso.
    Eines möchte ich jedoch noch hinzufügen: Die Probleme die wir derzeit haben , haben auch sehr viel mit der Verantwortung des Schulträgers zu tun. Es ist schon wirklich schräg wie unterschiedlich Schulen in verschiedenen Landkeisen ausgestattet sind. Teilweise wenige km voneinander entfernte Schulen sind teilweise um längen besser oder jenachdem schlechter ausgestattet. Und ich rede hier nicht nur von der Digitalisierung sonder tatsächlich von Papier, warmes Wasser und Seife und sauberen Toiletten. Das widersprischt meines Erachtens dem Art 3 des Grundgesetztes und sollte nicht länger von uns Lehrer* innen hingenommen werden.

    S. H.
    Lehrerin einer IGS in Niedersachsen

    Mai 2, 2020
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