„Lesen“, so sind sich Britta Ernst, Ministerin für Bildung, Jugend und Sport und Bundesbildungsministerin Anja Karliczek einig, „ist das Tor zur Welt – auch zur digitalen Welt“. Und trotzdem können 750 Millionen Menschen weltweit kaum oder gar nicht lesen und schreiben. Fast zwei Drittel davon sind Frauen und Mädchen. Allein in Deutschland existieren laut der Leo-Studie aus dem Jahr 2018 6,2 Millionen erwachsene Analphabet:innen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren. Das sind immerhin 12,1% der erwerbsfähigen Bevölkerung. Der Welttag der Alphabetisierung soll genau auf dieses Thema und im Allgemeinen auf die Wichtigkeit der Alphabetisierung aufmerksam machen.

Ziele des Welttags – Warum Alphabetisierung heutzutage fast nicht wegzudenken ist

Um das Problem in den Fokus zu rücken, findet am 8. September seit 1967 alljährlich weltweit der Welttag der Alphabetisierung statt. An diesem Tag macht die UNESCO auf die zentrale Bedeutung von Alphabetisierung und Erwachsenenbildung auch als Basis der Menschenwürde und als fundamentales Menschenrecht aufmerksam. Die Fähigkeit richtig lesen und schreiben zu können ist in der heutigen Gesellschaft für ein selbstbestimmtes Leben nämlich essenziell. Trotzdem ist sie auch im Jahr 2021 nicht in allen Regionen der Welt selbstverständlich. Die anhaltende Corona-Krise ist nur ein weiteres Zeugnis der Wichtigkeit der Alphabetisierung, wie die UNESCO festhält. Neben der Tatsache, dass die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können die absolute Voraussetzung für das Recht auf Bildung darstellt, stärkt sie auch den Einzelnen als integraler Part eines lebenslangen Lernens. Zwar wurden in Zeiten der Corona-Krise Anstrengungen unternommen, um alternative Wege des Lernens für Analphabet:innen zu finden, der Zugang vor allem zu digitaler Lehre war und ist jedoch bis heute nicht gleichmäßig verteilt. Der rapide Wechsel von regulärem Unterricht im Rahmen von Alphabetisierungsprogrammen zu Distanzlehre hat die anhaltende digitale Kluft in Bezug auf Konnektivität, Infrastruktur und digitaler Bildung allzu deutlich gemacht. Deshalb ruft auch die Deutsche UNESCO-Kommission in diesem Jahr wieder Institutionen, Organisationen und Initiativen zur Alphabetisierung in Deutschland dazu auf, sich am Welttag einzubringen.

Wie die Alphabetisierungsrate global aussieht, lässt sich über diese Weltkarte des Human Development Reports nachvollziehen:

Die Weltkarte zeigt die Alphabetisierungsraten je nach Land

Wenn lesen und schreiben zur Qual wird – Was ist Analphabetismus?

Bevor die Chancen und Herausforderungen im digitalen Zeitalter für Analphabet:innen diskutiert werden, soll zunächst die Frage geklärt werden, was man überhaupt unter dem Begriff versteht und welche Schwierigkeiten sich für Betroffene im Alltag ergeben können. Im Rahmen eines Artikels des BR werden drei Arten von Analphabetismus unterschieden:

  • Der primäre oder natürliche Analphabetismus, liegt vor, wenn ein:e Betroffene:r nie Lese- und Schreibkenntnisse erwerben konnte. Gemeint sind hierbei insbesondere Personen in Ländern mit defizitären Schulsystemen. Auch Personen, die nie die Gelegenheit erhalten zu haben, regelmäßig die Schule zu besuchen, werden unter diese Definition gefasst.
  •  Der sekundäre Analphabetismus, wiederum bezieht sich auf Betroffene, die Gelerntes wieder vergessen haben. Nach Beendigung der Schulzeit setzt dabei häufig ein Prozess des Verlernens ein. Das Vermögen zu lesen und zu schreiben, unterschreitet dann nach und nach den gesellschaftlichen Mindeststandard.
  • Der funktionale Analphabetismus, liegt vor, wenn Betroffene Kenntnisse aufweisen, die nicht an für den Alltag erforderliche Kenntnisse heranreichen. Betroffenen ist es hierbei noch möglich, einzelne Sätze zu lesen und zu schreiben. Kurze zusammenhängende Texte zu lesen oder zu schreiben ist jedoch nicht möglich.

Letztere Form trifft in Deutschland auf jeden siebten Erwachsenen zu. Diese Form des Analphabetismus führt dazu, dass es Betroffenen beispielsweise unmöglich wird, E-Mails oder Packungsbeilagen oder auch eine Speisekarte im Restaurant zu lesen – ein Umstand, der für Viele mit Scham behaftet ist. Auch im Umgang mit digitalen Formaten äußert sich die Unsicherheit Betroffener in ihrer wesentlich geringeren Selbsteinschätzung. So trauten sich laut Leo-Studie 2018 zum Beispiel nur 58,9% der Befragten gering literarisierten Erwachsenen eine Online-Wohnungssuche zu. In der Vergleichsgruppe der höher Literarisierten lag der Prozentwert bei 83,8%. Dabei hat Analphabetismus rein gar nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun, auch wenn Betroffene sich häufig mit diesem Stigma konfrontiert sehen. Vielmehr ist es die Summe verschiedener individueller Faktoren etwa in der Familie, der Schule oder der Gesellschaft, die Analphabetismus verursacht.

Nicht lesen und schreiben zu können, kann aber auch genetische Ursachen haben. In diesem Fall spricht man von Legasthenie oder Dyslexie und meint damit eine angeborenen Lese- Rechtschreibschwäche. Bestätigen konnten Forscher bisher, dass zum Beispiel auf dem Chromosom 6 des Menschen Gene angesiedelt sind, die einen Einfluss darauf haben, wie der Mensch Lesen und Schreiben lernt. Auch Gene auf den Chromosomen 2, 3 und 15 sollen in der frühen Entwicklung des Gehirns aktiv sein und am Aufbau des neuronalen Netzes mitwirken. Wie diese jedoch im Zusammenspiel auf die komplexen Fähigkeiten Lesen und Schreiben einwirken, konnte abschließend noch nicht geklärt werden. 

Analphabetismus – Das digitale Zeitalter als große Chance?

Zu sehen ist ein Laptop neben dem ein Microchip liegt, auf dem ein Schlüssel abgebildet ist

Wer Schwierigkeiten hat, flüssig zu lesen und korrekt zu schreiben, wird im Alltag wohl oder übel auf Probleme stoßen. Die Corona-Pandemie, in der zum Beispiel Termine fast ausschließlich online gebucht werden, hält für Analphabet:innen und Legastheniker:innen viele Hürden bereit, wie die Süddeutsche berichtete. Weil im Internet überwiegend über Schriftverkehr kommuniziert wird, befürchten Betroffene, durch die Digitalisierung abgehängt zu werden.

Digitale Hilfsmittel können den Alltag von Menschen mit Leseschwäche aber genauso gut erleichtern. Auch hier zeigte die Leo-Studie, dass die Digitalisierung Menschen mit Leseschwäche im Alltag zu mehr Unabhängigkeit verhelfen kann. Demnach nutzen zum Beispiel viele Betroffene Sprachnachrichten oder die integrierte Sprachsteuerung vieler digitaler Geräte. Auch Videoanrufe werden deutlich häufiger genutzt, um den Barrieren schriftbasierter Kommunikation zu entgehen.

Speziell für Betroffene hat der Deutsche Volksschul-Verband in Zusammenarbeit mit dem Bundesbildungsministerium ein E-Learning Portal eingerichtet. Leseschwache Menschen können hier online Schreiben und Rechnen lernen oder Kenntnisse in den Schulfächern Deutsch, Mathe und Englisch erwerben. „ich-will-lernen.de“ ist das größte deutsche Lernportal und ist für Einsteiger sowie Lernende mit Vorkenntnissen gleichermaßen geeignet. Nutzer:innen können sich anonym anmelden und erhalten Zugriff auf mehr als 31.000 kostenlose Übungen zur Alphabetisierung. Auf ihrem Lernweg können sie sich sogar von Tutoren begleiten lassen. Auch auf einen Schulabschluss können sich Nutzer:innen auf der Website vorbereiten.

Natürlich auch für Lehrende in der Alphabetisierung und Grundbildung eröffnet das digitale Zeitalter ganz neue Möglichkeiten. Ein Beispiel für ein noch junges digitales Tool, das ihnen bei ihrer Suche nach Materialien für den Unterricht unterstützen soll, ist KANSAS. Die sogenannte „Kompetenzadaptive, nutzerorientierte Suchmaschine für authentische Sprachlerntexte“ war ursprünglich für Lehrende der Alphabetisierung sowie Lehrende für Deutsch als Muttersprache entwickelt worden. Der große Vorteil von KANSAS: Die Schlagwortsuche wird kombiniert mit einer Sortierung der Texte nach gewünschten sprachlichem Niveau und den grammatischen Eigenschaften. Für Lernende können individuell sogar von Lehrer:innen selbst erstellte Lernmaterialien auf Level und grammatische Eigenschaften überprüft werden.  

Die Suchmaschine bietet aber ebenso die Möglichkeit, sich nur auf sogenannten Alpha-Seiten zu bewegen. Die Seiten bieten den Nutzer:innen Texte, die überwiegend sprachlich einfach gehalten sind. Die jeweiligen Kompetenzstufen der Nutzer werden beachtet. KANAS ist ein Projekt der AlphaDekade, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird.  

Gegründet wurde die Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung (AlphaDekade) 2016. Bis 2016 soll die Initiative sowohl Bund als auch Länder anhalten, leseschwachen Menschen Mut zu machen. Das Projekt wird mit 180 Millionen Euro finanziert und soll dazu beitragen, dass Betroffene großflächig erreicht und durch Grund- und Weiterbildungsangebote gefördert werden.

Was haltet Ihr von den digitalen Angeboten für Analphabet:innen? Kennt Ihr andere spannende Angebote für Betroffene? Lasst uns Eure Meinung in den Kommentaren da!