Anfang September hatte eine Grundschule in der Stadt Burg bei Magdeburg für Aufsehen gesorgt. Der Grund war die von der Schulleitung veranlasste Klasseneinteilung der Erstklässler. Eine Klasse mit vermeintlich arabischsprachigen Schüler:innen wurde zusammengesetzt, ohne dass die Eltern der Kinder davon in Kenntnis gesetzt wurden. Das Handeln der Verantwortlichen löste Empörung und Verwirrung aus. Der Vorwurf: Rassismus und Diskriminierung (die Berliner Zeitung berichtete).

Nicht lange, nachdem der Vorfall an die Öffentlichkeit getragen wurde, folgte die Entschuldigung des Landesschulamts. Die Klasseneinteilung wurde sogleich wieder verändert. Das Landesschulamt erklärte, dass die Schule in Burg in bester Absicht gehandelt habe. Der für die Klasse vorgesehene Klassenlehrer spreche selbst Arabisch und habe Erfahrungen in der Vermittlung von Deutsch als Fremdsprache. Der Gedanke sei gewesen, die Kinder bestmöglich zu fördern. Nur sei die Schule stark pauschalisierend vorgegangen. Weil Kinder einen syrischen oder irakischen Nationalitätshintergrund gehabt haben, sei man davon ausgegangen, dass sie alle Arabisch sprechen. Erstens seien aber gar nicht alle Kinder syrischer oder irakischer Herkunft gewesen, die in die arabischsprachigen Klasse eingeteilt wurden. Zweitens, so berichtete MDR, hätten viele der Kinder gar keinen Sprachförderungsbedarf gehabt, weil sie gut Deutsch sprechen, in Deutschland geboren sind und Kitas besucht haben. Thomas Lippmann von den Linken teilte mit: “Wenn Menschen nach ihrer Erscheinung sortiert und in Deutsche und ‚die anderen‘ eingeteilt werden, dann ist das nichts anderes als Rassismus (…)” (Focus Online berichtete).

Es stellt sich die Frage, ob dieses Beispiel Teil eines größeren Problems an deutschen Schulen ist. Erleben Schüler:innen und Lehrkräfte mit einem Migrationshintergrund Rassismus? Was macht das mit den Betroffenen? Diesen Fragen soll im folgenden Artikel nachgegangen werden.

Gibt es ein Rassismusproblem an deutschen Schulen?

Auf die Frage, ob es an deutschen Schulen ein Rassismusproblem gebe, antwortet Karim Fereidooni, Juniorprofessor an der Ruhr-Universität Bochum, entschieden mit “Ja”. Dem Spiegel erzählt er, dass es Rassismus überall gebe, wo es auch Machtasymmetrien gebe. Die Schule, in der laut Fereidooni die Autorität bei den Lehrkräften liege, könne also auch ein Ort sein, an dem Rassismus herrscht. Aber nicht nur Schüler:innen, sondern auch Lehrkräfte können nach Fereidooni Rassismus erleben. Da Kinder in den meisten Fällen die Autorität der Lehrer:innen respektieren, erleben die Lehrkräfte Rassismus eher durch Kolleg:innen oder Vorgesetzte. Lehrer:innen, die einen Migrationshintergrund besitzen, hätten das Gefühl, härter arbeiten zu müssen. Die Angst, von den Kollegen:innen ohne Migrationshintergrund nicht anerkannt zu werden oder von ihnen eine geringere fachliche Kompetenz zugeschrieben zu bekommen, sei groß. Kinder andererseits würden eher durch Lehrkräfte Rassismuserfahrungen machen. Vor allem bei Kids of Color würden solche Rassismuserfahrungen gemacht, so Antirassimustrainerin Tupoka Ogette. Das heißt nicht, dass es keinen Rassismus unter Schüler:innen gebe. Es sei aber wichtig, die Schule als Institution im Blick zu haben.

blaue Figuren stehen im Kreis, außerhalb steht eine rote Figur

Ogette erzählt dem Spiegel, dass Menschen nicht immer bewusst und aus bösem Willen rassistische Äußerungen tätigen oder sich rassistisch verhalten. Vielmehr habe eine rassistische Denkweise oft sehr viel mit der Sozialisierung eines Individuums zu tun. So habe die Werbung, aber auch Kinder- und Schulbücher über viele Jahre hinweg rassistische Stereotype und Bilder immer wieder reproduziert, sodass heute noch immer pauschalisierende oder schlichtweg falsche Assoziationen fest verankert sind. 

Was macht Rassismus mit uns? 

Focus online berichtet, wie über den Hashtag #MeTwo mittlerweile Tausende über ihre negativen Erfahrungen sprechen und diese auf Twitter teilen. Ein Muster lässt sich erschließen, da insbesondere in der Schule viele Menschen mit Migrationshintergrund mit Ungerechtigkeiten konfrontiert wurden. Die Zeit unterstreicht dabei die Tatsache, dass es für einige Menschen die Schule ist, in der die ersten rassistischen Erfahrungen überhaupt gemacht werden. Zumindest entsteht dieser Eindruck, wenn die Posts unter dem Hashtag #MeTwo gelesen werden. Aber was macht Rassismus mit uns und was können diskriminierende Äußerungen schon bei Kindern in der Schule auslösen?

Screenshots von Twitter-Kommentaren zu #MeTwo

In einem Artikel von deutschlandfunk wird die Problematik von den sogenannten Mikroaggressionen in Form von rassistischen Äußerungen aufgegriffen. Für Betroffene können solche Äußerungen sowohl körperliche als auch psychische Folgen haben. Unter Mikroaggressionen werden übergriffige Aussagen wie zum Beispiel “Du sprichst aber gut Deutsch”, “Du siehst doch aus als könntest du Arabisch sprechen” oder “Wo kommst du denn her?” verstanden. Der amerikanische Psychiater Chester Pierce prägte den Begriff, unter dem “verdeckte und latent aggressive Ausdrucksformen von Rassismus” verstanden werden. Die namensgebende aggressive Komponente sowie die Systematik der Äußerungen sind typisch. Sie können bewusst und unbewusst auftreten und treffen nicht nur Menschen, die auf eine rassistische Art und Weise diskriminiert werden, sondern auch Menschen, die wegen ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden. 

Mikroaggressionen zwingen Betroffene dazu, ihre eigene Identität zu hinterfragen, sich zu erklären und Vorurteile richtig zu stellen. Das ist zehrend, weil Menschen, die auf diese Weise den Vorurteilen Anderer ausgesetzt sind, in der Regel wiederholt Mikroaggressionen zu spüren bekommen. Betroffene bekommen immer wieder das Gefühl vermittelt, sich vor Anderen rechtfertigen zu müssen. Solche Mikroaggressionen bestärken den Eindruck, zu einer Außenseitergruppe außerhalb der Gesamtgesellschaft zu gehören. Das kann sich laut Deutschlandfunk sehr negativ auf die Betroffenen auswirken. Diese berichten teilweise von typischen körperlichen Erschöpfungssymptomen und Stress. Ein Experiment des Soziologen Carl Word aus den frühen 70er Jahren zu dieser Thematik zeigte außerdem, dass Mikroaggressionen die Leistung Betroffener beeinträchtigen können. Im Rahmen des Experiments wurden Interviews mit vermeintlichen Bewerber:innen geführt. Bei einigen Kandidat:innen sollten die Interviewer absichtlich ihre Ablehnung verbal zum Ausdruck gebracht haben. Das Ergebnis war schließlich, dass die Kandidat:innen, welche den Mikroaggressionen ausgesetzt waren, zögerlicher und unsicherer wurden. Sie fingen an zu stottern, beendeten Sätze nicht und zeigten ganz allgemein Zeichen der Angst gegenüber der interviewenden Person. 

Ein Ausblick

Rassismus, ob verbal ausgedrückt oder durch Taten wie an der Burger Grundschule bei Magdeburg, prägt. Er hinterlässt Spuren, die unter Umständen noch lange Jahre oder ein Leben lang prägen. Bis hierhin sollte das deutlich werden. Gleichzeitig sagt Heidrun Friese, Professorin für Interkulturelle Kommunikation an der TU Chemnitz, dass “[k]einer von uns [frei von Vorurteilen ist]”, auch wenn bekannt ist, welche Auswirkungen ein vorurteilsbehaftetes Denken auf andere Menschen hat. Unbedachte Bemerkungen, unfaire Benotungen, Beschimpfungen, Herabwürdigungen, Einschüchterungen oder sogar Gewalt gegenüber Menschen mit einem Migrationshintergrund oder auch Menschen, die nur “anders” aussehen, werden nicht von einem auf den anderen Tag einfach verschwinden. Im Jahr 2016 hatte die Antidiskriminierungsstelle dazu ermitteln können, dass ein Viertel der Befragten (23,7%) in den Jahren 2014 bis 2015 Diskriminierungen im Bildungsbereich erlebt hatten.

Deshalb ist es umso wichtiger für Lehrkräfte, die richtigen Methoden anzuwenden, um dagegen vorzugehen, Schüler:innen die Wichtigkeit der Thematik näherzubringen und sich auch selbst regelmäßig zu reflektieren. Zu diesem Zweck hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes einen Leitfaden speziell für Lehrkräfte, pädagogisches Personal, aber auch Elternvereine zusammengestellt. Den Leitfaden könnt Ihr hier einsehen und kostenlos herunterladen. Engagement von Schulen für eine gewaltfreien, toleranten und respektvollen Umgang miteinander wird im Übrigen ausgezeichnet. Über den Schülerpreis für friedensfähige Bildung haben wir hier bereits informiert.

Was haltet Ihr von der Thematik? Habt Ihr bereits Erfahrungen im Schulalltag mit Rassismus gemacht? Wie seid Ihr damit umgegangen? Lasst uns Eure Gedanken dazu gerne in den Kommentaren da!