Spätestens seit der Corona-Pandemie wird die Digitalisierung an Schulen heiß diskutiert. Jedoch werden die am stärksten betroffenen Personen, die Schüler:innen, häufig nicht nach ihrer Meinung dazu gefragt. Die Onlineumfrage der business@school, eine Bildungsinitiative der internationalen Unternehmensberatung Boston Consulting Group, ändert dies jetzt. In der Umfrage wurden 395 Oberschüler:innen und 69 Lehrkräfte an weiterführende Schulen zwischen Mai und Juli 2021 zur Digitalisierung an Schulen und zur Berufsorientierung befragt. Dabei ging es nicht nur um den aktuellen Zustand der Technologie an Schulen, sondern auch ihre Vorteile, Risiken und Hindernisse, sowie die Einschätzung der Befragten, wie die Implementierung von digitalen Lerninstrumenten in der Zukunft aussehen könnte.

Digitale Hilfsmittel an Schulen

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, digitale Hilfsmittel in Schulen zu verwenden. So kann, wie die Covid-19-Pandemie gezeigt hat, der Unterricht komplett digital stattfinden, wenn nötig. Aber auch nützliche Videos zum Lernen, Webseiten mit Lernmaterialien oder digitale Kommunikationskanäle finden ihren Weg in den Schul- bzw. Unterrichtsalltag. Schüler:innen und Lehrkräfte gaben an, welche digitale Lerninstrumente sie verwenden. Dabei wurde unterschieden, ob das Lerninstrument nicht vorhanden ist, vorhanden ist aber nicht von der befragten Person genutzt wird, manchmal genutzt wird oder häufig genutzt wird.

Häufig wurden schulinterne Lern- oder Arbeitsplattformen von 62% der Schüler:innen und 77% der Lehrkräfte verwendet. Außerdem wird der Unterricht per Videokonferenz häufig genutzt (60% Schüler:innen, 77% Lehrkräfte). Auch Lernvideos, z. B. auf YouTube oder im Fernsehen kommen oft zum Einsatz. Wobei 26% der Schüler:innen und 32% der Lehrkräfte angegeben haben Lernvideos häufig und 44% der Schüler:innen, sowie 57%  der Lehrkräfte manchmal zu verwenden. Auch vergleichsweise weniger technologische Hilfsmittel für den Unterricht, wie digital übermittelte Übungsblätter zum Selbststudium werden oft verwendet. So gaben 40% der Schüler:innen, wie auch 36% der Lehrkräfte eine häufige und 37% der Schüler:innen und 54% der Lehrkräfte eine gelegentliche Verwendung an.

Selten hingegen werden Websites mit Lehrmaterial (z. B. Khan Academy) (nicht vorhanden bei 52% der Schüler:innen und bei 35% der Lehrkräfte), digitale Kommunikationstools (z. B. Trello) (nicht vorhanden bei 67% der Schüler:innen und bei 48% der Lehrkräfte) oder Bildungswebinare (nicht vorhanden bei 73% der Schüler:innen und bei 38% der Lehrkräfte) genutzt.

Zusehen ist eine Statistik, die anzeigt, welche und wie häufig diese digitalen Lernmittel laut Schüler:innen in Schulen verwendet werden und wie sich die Schüler:innen die Häufigkeit der Verwendung in Zukunft vorstellen.
Zusehen ist eine Statistik, die anzeigt, welche und wie häufig diese digitalen Lernmittel laut Lehrkräften in Schulen verwendet werden und wie sich die Lehrkräfte die Häufigkeit der Verwendung in Zukunft vorstellen.

Laut der Umfrage könnten die Antworten zum Teil daran erklärt werden, dass der Einsatz der zuerst erwähnten, häufig zum Einsatz kommenden digitalen Lernwerkzeuge durch das Kultusministerium gefördert wird und somit keine Bedenken zur Erlaubnis ihrer Verwendung entstehen. Anders ist es bei Websites mit Lehrmaterial (z. B. Khan Academy) und digitale Kommunikationstools (z. B. Trello), bei denen Unklarheit über die legale Verwendung herrschen könnte. Die geringe Nutzung von Bildungswebinaren könnte daran liegen, dass das Format ungewohnt ist und mehr Recherchearbeit als zum Beispiel bei Lernvideos benötigt wird.

Sowohl die befragten Schüler:innen, als auch Lehrkräfte sehen für die meisten digitalen Lerninstrumente einen häufigeren Einsatz in Schulen, als es bisher der Fall war. Auch wenn Websites mit Lehrmaterial (z. B. Khan Academy), digitale Kollaborationstools (z. B. Trello) und Bildungswebinar laut den befragten Personen, als weniger sinnvolle digitale Lerninstrumente für die Zukunft angesehen werden, als vergleichsweise schulinterne Lern- oder Arbeitsplattformen (z. B. Moodle), digital übermittelte Aufgabenblätter zum Selbststudium, Lernvideos (z. B. auf YouTube oder Fernsehserien), digitale Kommunikationskanäle (z. B. Slack) oder Lernapps (z. B. Quizlet). Des Weiteren soll aber der Unterricht per Videokonferenz nach Meinung von 52% der Schüler:innen und 42% der Lehrkräfte nur einen teilweisen Einsatz finden. Dies ist nach den Erfahrungen, die viele Schüler:innen, Eltern und Lehrkräfte mit dem Fernunterricht auf Grund der Corona-Pandemie gemacht haben, eine verständliche Reaktion.

Hindernisse für die Digitalisierung

Die Digitalisierung in Schulen muss vorangebracht werden, jedoch gilt es dabei auch eine Vielzahl an Hindernissen zu überwinden. Als Haupthindernisse sehen 40% der Schüler:innen die Netzwerkverbindung (z. B. WLAN), 28% die Motivation der Lehrkräfte und 53% die digitalen Fähigkeiten der Lehrkräfte. Auch die Lehrkräfte selbst stimmen dem zu. So sagen 32% der Lehrkräfte ebenfalls, dass die Netzwerkverbindung (z. B. WLAN) ein Haupthindernis der Digitalisierung sei. Dasselbe gilt für die Motivation der Lehrkräfte (29%) und die digitalen Fähigkeiten der Lehrkräfte (41%). Zusätzlich glauben 32% der Lehrkräfte, dass es auch an der Ausstattung von Endgeräten (z. B. Laptops) mangelt.

Zusehen ist eine Statistik, die die Sicht der Schüler:innen anzeigt, dazu welche Voraussetzungen für die Digitalisierung an Schulen vorhanden sind und was die größten Hindernisse für die Digitalisierung sind.
Zusehen ist eine Statistik, die die Sicht der Lehrkräfte anzeigt, dazu welche Voraussetzungen für die Digitalisierung an Schulen vorhanden sind und was die größten Hindernisse für die Digitalisierung sind.

Die meisten Befragten gaben zwar an, dass die Lehrkräfte zumindest teilweise digitale Fähigkeiten besitzen, sehen aber dennoch darin eins der größten Hindernisse für die Digitalisierung der Schulen. Es fehlt demnach an digitalen Fähigkeiten für die Verwendung neuer digitale Hilfsmittel. Dies könnte auch an der mangelhaften Unterstützung für Lehrkräfte in diesem Bereich liegen. Es gibt an den meisten Schulen zu wenige Fortbildungen für Lehrkräfte im Bereich des digitalen Lernens. Wenn Lehrkräfte mit den neuen digitalen Tools alleine gelassen werden und ihre ohnehin schon kurz bemessene Freizeit opfern müssen, um sich selbst im digitalen Bereich weiterzubilden, ist es auch kein Wunder, wenn es an Motivation mangelt. Der Erfolg hängt aber auch davon ab, ob die Lehrkräfte bereit für die Digitalisierung sind.

Außerdem wird die Digitalisierung an Schulen auch durch die mangelnde technologische Ausstattung der Schulen gebremst. Auch wenn Endgeräte zumindest bis zu einem gewissen Grad zur Verfügung stehen, gibt es hier dennoch ein hohes Maß an Verbesserungsbedarf an Schulen. Außerdem wurden die Netzwerkverbindungen kritisiert und sind laut den Befragten das zweitgrößte Hindernis. Um diese Zustände zu verbessern, braucht es eine stärkere finanzielle Unterstützung von den Ländern und den Kommunen. Dabei sollte aber nicht nur in die digitale Infrastruktur investiert werden, sondern vor allem in Schulungen zur Verwendung und Integration von digitalen Lernmitteln in den Schulalltag. Selbst wenn die Ausstattung vorhanden ist, hilft sie nichts, wenn nicht richtig mit ihr umgegangen werden kann. Nur wenn die Unterstützung durch die Regierungen und die Schulbehörden gegeben ist, kann die Digitalisierung der Schulen in einem ausreichenden Maß stattfinden.

Chancen der neuen Technologien

Die Verwendung von digitalen Lerninstrumenten in Schulen sind natürlich Hilfsmittel, die Schüler:innen in erster Linie bei ihrer Bildung unterstützen sollen. Bei der Frage, was die entscheidenden Vorteile die Digitalisierung nennen 62% der Schüler:innen und 55% der Lehrkräfte ein höheres Maß an Flexibilität. Wie die Autoren der Studie anmerkten, ist es nicht verwunderlich, dass vor allem bei Schüler:innen die höhere Flexibilität als ein ausschlaggebender Faktor gesehen wird, da viele der teilnehmenden Schüler:innen bereits an Bildungsinitativen teilgenommen haben und ebenso schon monatelang Erfahrungen mit dem Distanzunterricht, wie auch dem selbstorganisiertem Lernen sammeln konnten. Des Weiteren sehen vor allem Lehrkräfte (51%) einen großen Mehrwert in einem höheren Individualisierungsgrad in gewissen Bereichen des Unterrichts wie unter anderem Ort, Zeit und Inhalte. Außerdem erhoffen sich 49% der Schüler:innen, als auch der Lehrkräfte durch die Digitalisierung eine stärkere Fokussierung auf zukunftsorientierte Fähigkeiten und Kompetenzen statt auf reine Wissensvermittlung.

Zusehen ist eine Statistik, welche die Vorteile und die Risiken von digitalen Technologien in Schulen aus Sicht der Schüler:innen darstellt.
Zusehen ist eine Statistik, welche die Vorteile und die Risiken von digitalen Technologien in Schulen aus Sicht der Lehrkräfte darstellt.

Risiken der neuen Technologien

Die Digitalisierung hat nicht nur Vorteile , sondern kann auch gewisse Risiken mit sich bringen, die es zu vermeiden gilt. So sehen 55% der Schüler:innen und 52% der Lehrkräfte psychische Gesundheitsprobleme als eine der größten Gefahren (z. B. durch Einsamkeit) von digitaler Technologien. Hierbei weist die Studie darauf hin, dass viele der Teilnehmer:innen eine sehr lange Zeit im Distanzunterricht verbracht haben. Zusätzlich litten sie auch unter den Folgen des Lockdowns, da der Kontakt zu Freund:innen eingeschränkt war. Bei diesem Grad von Vereinsamung und dem Fehlen von sozialen Interaktionen ist es kein Wunder, dass viele psychische Gesundheitsprobleme als eine Gefahr ansehen, wenn es beispielsweise um digitalen Distanzunterricht geht. Des Weiteren befürchten Lehrkräfte (59%), dass eine größere Bildungsungleichheit entstehen könnte, wenn die Verfügbarkeit von technischen Geräten unterschiedlich bei den verschiedenen Haushalten ist. So haben ärmere Familien beispielsweise größere Schwierigkeiten, auf die nötige technische Ausstattung für zu Hause zuzugreifen. Im Gegensatz dazu sehen 56% der Schüler:innen eher eine geringere Leistungsfähigkeit und Motivation, als eine der Hauptrisiken der Digitalisierung. Laut der Publikation beruht diese Aussage auf selbstkritischen Einschätzungen, die Schüler:innen nach den Erfahrungen, die sie mit dem Distanzunterricht gemacht haben, tätigten und sollten somit ernst genommen werden. Nach einer weiteren Studie der BCG zur Zukunft der Remote-Arbeit soll soziale Vernetzungen in der Arbeit von zu Hause aus eine Unabdingbarkeit, um die Produktivität bei kollaborativ bearbeiteten Aufgaben zu erhöhen. Daraus geht hervor, dass die Leistungsfähigkeit von Schüler:innen im Distanz- oder Hybridunterricht gesteigert werden kann, wenn diese Kontakt mit Mitschüler:innen halten können und sich somit sozial vernetzen.

Schüler:innen wollen eher Kompetenzen lernen anstatt Wissen

Schulen vermitteln eher breit gefächertes Wissen anstatt Kompetenzen. Dem entgegengesetzt glauben die befragten Schüler:innen und auch die Lehrkräfte, dass es für das spätere Berufsleben vor allem auf Soft Skills ankommt. Dabei wurden Kompetenzen wie Kommunikativität, Teamfähigkeit, Lösen von komplexen Problemen und kritisches Denken am häufigsten genannt. Wie die Studie selbst anmerkt, sind diese Ergebnisse wenig überraschend, da viele der Befragten bereits an Bildungsinitiativen wie business@school teilgenommen haben. Für das Erlernen der Kompetenzen halten 73% der Schüler:innen und 61% der Lehrkräfte vor allem On-the-Job-Trainings (z. B. Praktika) für besonders wichtig. Traditionelle Bildungseinrichtungen (z. B. Gymnasium und Universität) erachten immer noch 77% der Lehrkräfte und 45% der Schüler:innen als besonders wertvoll für die Erlernung von Fähigkeiten für den späteren Berufsalltag. Die Autoren der Umfrage sehen sehen zum Beispiel externe Weiterbildungen als sinnvoll an, wobei externe Partner ihr Wissen in Schulen teilen sollen. Die so erlernten Erkenntnisse könnten bei der Vorbereitung auf die Berufswelt behilflich sein.

Die Digitalisierung geht weiter

Abschließend sollte erwähnt werden, dass die Digitalisierung nicht aufzuhalten ist. Spätere Arbeitgeber verwenden immer moderner und technologische weiterentwickelte Tools. Um die Schüler:innen darauf vorzubereiten, ist es unabdingbar digitale Lerninstrumente in Schulen zu verwenden. Was haltet ihr von der Studie? Stimmen die Ergebnisse mit Eurer eigenen Meinung überein? Teilt uns gerne Eure Ansichten im Kommentarbereich mit. Alle Ergebnisse der Umfrage gibt es auf dieser Seite zum Download.