Im Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 06.08.21 bekräftigen die Kultusminister:innen erneut ihr Vorhaben, das kommende Schuljahr 2020/2021 nach Möglichkeit vollständig in Präsenz stattfinden zu lassen. Begründet wird dies mit der Systemrelevanz der Schulen sowie der Tatsache, dass Präsenzunterricht das wirksamste Instrument sei, um das Aktionsprogramm „Aufholen nach Corona“ sowie weitere Fördermaßnahmen effektiv umzusetzen. Hinzu komme die veränderte Situation auf Grund des nun größtenteils vorhandenen Impfschutzes, der Schulen auch in Zeiten der Pandemie zu sicheren Orten mache.

Hat die KMK den Ausgang der Studie schon vorher entschieden?

Wie verträgt sich dieser Beschluss jedoch mit den nun veröffentlichten Zwischenergebnissen der Studie „Handlungsfähigkeit während der COVID-19 Pandemie im Schulbereich erhalten – Schaffung einer Entscheidungsgrundlage durch Evidenzsynthese, Beobachtungs- und Interventionsstudien“, welche die KMK im November 2020 in Auftrag gegeben hatte und deren Zwischenergebnisse erst jetzt veröffentlicht wurden? Ursprünglich war die Studie in Auftrag gegeben worden, um zu zeigen, dass Schulen keine Pandemie-Treiber seien – ein Grund, der also einen gewissen Ausgang der Studie bereits vorzuzeichnen schien. Nachdem es zuerst von der Hamburger Schulbehörde hieß, dass die Studienergebnisse und „deren Bekanntmachung die Beziehungen zu einem anderen Land oder zum Bund gefährden würde“ und daher vorerst nicht herausgegeben werden könnten, hat die KMK nun doch die ersten Zwischenberichte veröffentlicht.

Was ist der Hintergrund?

Die KMK hat eine Studie zur Analyse der Effekte von Schulschließungen sowie zur Erfassung der internationalen Forschungslage im November 2020 in Auftrag gegeben. Fachkräfte der Universität Köln und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung sollten sich der Durchführung der Studie annehmen. Das Projekt begann am 10. Dezember 2020. Mit den ersten Ergebnissen wurde schon im Frühjahr gerechnet, im Sommer dann mit einem Zwischenbericht und schließlich im Herbst mit einem Abschlussbericht. Die Forscher lieferten wie erwartet bald die ersten Zwischenergebnisse, jedoch waren diese nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Suat Özgür, ein Vater aus Hamburg, wurde hellhörig und forderte die Studienergebnisse bei der Hamburger Schulbehörde, welche das Forschungsprojekt für die KMK koordinierte, an. Die Schulbehörde lehnte die Anfrage jedoch ab, mit der Begründung, dass es sich nur um Zwischenergebnisse handele und diese nur für den internen Gebrauch der KMK gedacht seien. Özgür ließ nicht locker und bestand auf eine Veröffentlichung, woraufhin sich die Schulbehörde darauf berief, dass die Bekanntmachung der Studienergebnisse auch andere Bundesländer betreffe und sie die Beziehung zu diesen Ländern gefährden könnte, weshalb die Behörde die Ergebnisse nicht veröffentlichen müsse.

Auch die Bevölkerung zeigte ihren Unmut über das Vorgehen der KMK und ließ Twitter-Nutzer:innen unter dem Hashtag #GebtdieStudiefrei, welcher das erste Mal am 25. Juli trendete, daran teilhaben. Am 26. Juli antwortete ein Sprecher der Kultusministerkonferenz auf die Anfrage von tagesschau.de, warum die Zwischenberichte nicht veröffentlicht wurden. Er gab als Begründung an, dass die Studie in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht werden solle, man aber noch keine Aussage zum Zeitpunkt treffen könne, da das Peer-Review-Verfahren für den Artikel noch ausstehe. Außerdem solle der KMK derzeit weder der wissenschaftliche Artikel noch ein Abschlussbericht vorliegen. Eine Kehrtwende gab es wohl nach der am 30. Juli 2021 angesetzten außerordentlichen Sitzung der KMK, denn nur wenige Tage darauf, am 4. August 2021, wurden die Zwischenergebnisse unkommentiert veröffentlicht.

Zusehen ist ein Kind, welches ein Stofftier hält und zusammen mit diesem aus einem Fenster schaut, wobei sowohl das Kind als auch das Stofftier eine Maske tragen.

Die vorläufigen Ergebnisse der Studie sind ernüchternd und womöglich ein Grund dafür, warum die KMK sie vorerst nicht veröffentlichen wollte. Denn ganz entgegen dem Vorhaben, Schulen den Ruf als Pandemie-Treiber ein für alle Mal zu nehmen, zeigt der Zwischenbericht, dass Schulschließungen „effektive Instrumente zur Eindämmung der Epidemie sind“. Zudem bestätigt die Studie die Vermutung, dass auch Kinder das Virus übertragen und sich damit infizieren können – wenn auch der Umfang von in Schulen erfolgten Ansteckungen bisher nicht eingeschätzt werden kann. Das große Problem: bisher hatte die KMK stets behauptet, dass der reguläre Schulbetrieb keine große Gefahr für die Schüler:innen, Lehrkräfte und deren Angehörige darstelle und somit den Einfluss von Schulschließungen auf das Infektionsgeschehen heruntergespielt.

Zwischenergebnisse werden veröffentlicht, bleiben aber unkommentiert

Nach langem Hin und Her veröffentlichte die KMK zwar letztendlich die Zwischenergebnisse, ließ diese jedoch unkommentiert. Somit lassen sich ihre Absichten nur erahnen. Im besten Fall hat die KMK mangelhaft kommuniziert und im schlechtesten hat sie Studienergebnisse, welche ihrer politischen Agenda widersprechen, zurückgehalten. Denn auch wenn bislang nur Zwischenergebnisse zur Verfügung stehen, wäre es für die Bevölkerung besser nachvollziehbar gewesen, wenn die KMK die Ergebnisse frühzeitig veröffentlicht und gleichzeitig auf die Mängel der Zwischenergebnisse hingewiesen hätte. Stattdessen scheint es so, als fahre die Kultusministerkonferenz den Kurs, die Schulen unter allen Umständen, ungeachtet der Vorbereitung, für den Präsenzunterricht offen zu halten.

Zusehen ist ein Straßenverkehrsschild auf dem "SCANDAL AHEAD" steht.

Obwohl der Bund es versäumt hat, den Schulen gezielt und unbürokratisch mit finanziellen Mitteln bei der Anschaffung von Luftfilteranlagen zu helfen, heißt es im neuesten Beschluss der KMK, dass die Schulen gut auf das kommende Schuljahr vorbereitet seien. Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Lehrerverbandes, kritisierte den Umfang der im Sommer ergriffenen Vorbereitungen, die sich allein auf das Szenario des durchgehenden Präsenzunterrichts fokussiere und dabei eventuelle Schulschließungen erneut ausklammere. Auch die GEW kritisierte zuletzt, dass sich die KMK mit ihren jüngsten Beschlüssen aus der Verantwortung zieht und diese auf die einzelnen Kommunen abwälzt. Auf Präsenzunterricht zu setzen, obwohl ein Großteil der Schüler:innen keine Möglichkeit dazu hat, sich durch eine Impfung zu schützen, und zeitgleich andere Maßnahmen wie den Ausbau der Luftfilteranlagen oder der digitalen Infrastruktur im Falle erneuter Schulschließungen sträflich zu vernachlässigen, scheint nun ganz und gar nicht zu den Zwischenergebnissen der Studie zu passen.

Wie steht ihr zu der ganzen Debatte und zu den bisherigen Ergebnissen der Studie? Wie findet ihr den Umgang der KMK damit? Schreibt es uns in die Kommentare! Warum Kinder mehr Mitspracherecht erhalten sollten und Kinderrechte ins Grundgesetz und die Lehrpläne gehören, könnt ihr hier nachlesen.