Unsere Welt ist heute verflochtener denn je: Egal ob Erdöl, Lithium, Kaffee oder Holz, jeden Tag werden schier endlos viele Güter über die Grenzen des eigentlichen Ursprungslandes hinaus exportiert. Selbst essentielle Lebensgrundlagen wie Wasser sind davor nicht gefeit. Mit allen Vorteilen, die uns die Globalisierung in der westlichen Welt gebracht hat, ist der internationale Handel jedoch oft unmittelbar mit der Ausbeutung der Natur und der lokalen Arbeitskräften verbunden. Dies ist nicht erst seit den Skandalen bei Unternehmen wie Nestlé oder Chiquita bekannt.

Auch Kamerun ist davon betroffen: Obwohl weltweit mit Kakao, Tropenholz und diversen Mineralien aus dem Land gehandelt wird, leidet ein Großteil der Bevölkerung unter erheblicher Armut. Doch wie kann die Situation in Staaten wie Kamerun in Zukunft verändert werden? Ganz klar, Themen wie Nachhaltigkeit und die Zusammenhänge unserer globalisierten Welt müssen Kindern und Jugendlichen von klein auf nahe gebracht werden. Genau das hat sich die gemeinnützige Organisation Hope Foundation e.V. zur Aufgabe gemacht. Grund genug für Lehrer News einmal genauer nachzufragen. Wir haben mit der Projektleiterin Judith Ellfeldt gesprochen:

Lehrer News: Könnten Sie ein bisschen über die Entstehungsgeschichte und Ziele der Hope Foundation erzählen?

Die Hope Foundation ist eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in Deutschland und Kamerun. Seit Jahren engagieren wir uns insbesondere für Frauen und Kinder in Kamerun. Wir sind in den Bereichen Entwicklungszusammenarbeit, Gesundheit und Bildung tätig.

Als der Gründer, Gerald Bobga Fonkenmun, 18 Jahre alt war, wollten er und einige Freunde etwas Sinnvolles für die Community tun, und jeder von ihnen startete eine soziale Initiative, um etwas zu bewirken. Herr Fonkenmun überlegte sich was er mit seinem Ehrenamt bewirken möchte und für ihn war klar, er möchte den Menschen Hoffnung geben, und entschied sich für den Namen Hope Foundation. Das erste Projekt war eine Gemeinschaftsarbeit des Gründers und einiger seiner Freunde, die sich in ihrer Freizeit nach dem Unterricht für Kinder einsetzten und Nachhilfeunterricht angeboten haben. Im Jahr 2007 wollte er dann ein konkreteres Projekt mit langfristiger Wirkung und Finanzierung durchführen und registrierte offiziell die Hope Foundation Cameroon als Nichtregierungsorganisation (NRO) in Kamerun. Das erste größere Projekt war die Sanierung einer Wasserstelle in einem Nachbarort in dem der Gründer aufgewachsen war. Dies führte zu weiteren Aktivitäten, um Probleme der Community zu lösen. Mit dem Umzug von Herrn Fonkenmun nach Deutschland wurde die Hope Foundation in Berlin geboren und im Jahr 2009 als Verein registriert.

Seitdem konnten wir in verschiedenen Gebieten Kameruns bereits erfolgreich verschiedene Projekte umsetzen und das Leben vieler Kameruner*innen verbessern. Durch den engen Kontakt mit den Menschen vor Ort, sind wir in ständigem Austausch über Probleme und Lösungen. In Deutschland führen wir Informations- und Bildungsprojekte, sowie verschiedene Veranstaltungen durch, um entwicklungspolitische Themen zu sensibilisieren und globale Zusammenhänge zu erklären. Unsere Motivation, den Lebensstandard in Kamerun zu verbessern, treibt uns an, hart für dieses Ziel zu arbeiten. Wir glauben, dass Bildung, Empowerment, Förderung und Integration die wichtigsten Komponenten für eine lebenswerte Welt sind.

Lehrer News: Die Hope Foundation bietet mehrere Programme für Schulen an. Unter anderem die Programme “Fair Champions” und “Bridging Cultures”: Was ist das Ziel der Projekte? Worauf legen Sie besonders wert? Welche Schwerpunktsetzung gibt es bei den Projekten?

Das Ziel unserer Bildungsprogramme zum Globalen Lernen ist es, Schüler*innen für entwicklungspolitische Themen zu sensibilisieren und globale Zusammenhänge zu erklären. 

Das Fair Champions Projekt zielt darauf ab, das Bewusstsein der Kinder und Jugendlichen über die Produktionsketten und die Zusammenhänge zwischen Nord und Süd zu stärken. Zudem wollen wir mit ihnen Handlungsmöglichkeiten erarbeiten, die sie selbst haben, um fair zu konsumieren und mit Kleidung und Schuhen bewusster umzugehen.

In den Fair Champions Workshops geht es darum, die Verbindungen zwischen dem eigenen Konsumverhalten in Deutschland und den Lebensrealitäten und Arbeitsbedingungen der Schuh- und Textilarbeiter*innen in den Ländern des Globalen Südens zu verstehen.  Wir bieten in diesem Zusammenhang Module für zwei verschiedene Klassenstufen an. In der Grundschule (5./6. Klasse) liegt der Fokus auf der Produktion von T-Shirts und bei der Sekundarstufe I (7./8. Klasse) auf der Produktion von Schuhen und dem deutschen Lieferkettengesetz.

Grundschule (5./6. Klasse):
In den zwei Workshop-Blöcken mit jeweils 2-tägigen Workshops werden die Grundschüler*innen mit der globalen Textillieferkette vertraut gemacht. Spielerisch und interaktiv machen sich Schüler*innen auf die Reise, um die Entstehung eines T-Shirts zu verfolgen. Themen wie Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und die Rolle eines jeden Einzelnen in diesem Prozess werden den Schüler*innen an konkreten Fallbeispielen und Bezugspunkten aus dem eigenen Alltag deutlich gemacht. Anschließend gestalten sie ihre eigenen Fair Trade-T-Shirts. 

Sek I (7./8. Klasse):
Die Schüler*innen der Sek I fokussieren sich auf die Schuhproduktion und die dazugehörigen Lieferketten. In einem interaktiven Planspiel stimmen die Schüler*innen über das entstehende deutsche Lieferkettengesetz ab. Des Weiteren wird mit den Schüler*innen der Einfluss von YouTube und Influencern auf das Fast Fashion Phänomen besprochen. Anschließend werden die Schüler*innen ihr eigenes Fairtrade – Schuhlabel vermarkten und Konzepte dafür entwickeln.

Beide Klassenstufen gehen im zweiten Workshop-Block auf einen Ausflug, um in ihrer eigenen Umgebung nach fairen Orten zu schauen und auch selbst tätig zu werden, denn die Schüler*innen selbst führen Passantenbefragungen durch und informieren die Menschen über das Thema Fair Trade.

Seit 2010 führen wir das sehr erfolgreiche und wirkungsvolle Bridging Cultures-Projekt an Berliner Gymnasien durch. Dabei handelt es sich um ein globales Bildungsprogramm, das darauf abzielt, interkulturelles Bewusstsein zu schaffen, bestehende Stereotypen über die Nationalitäten des Globalen Südens abzubauen und über die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) zu informieren.

Im Rahmen von zweitägigen Workshops an Berliner Gymnasien gestalten Trainer*innen, die aus verschiedenen Ländern Lateinamerikas, Asiens oder Afrikas kommen, interaktive und kritische Diskussionen und Aktivitäten in englischer Sprache, über ihre Länder, Regionen und zwei ggf. drei ausgewählte SDGs vor. Die Workshops zielen darauf ab, die Schüler*innen über ihren eigenen Kontext hinaus zu führen und sie zu ermutigen, über den Tellerrand zu schauen, um nachhaltige Lösungen für die vernetzten globalen Probleme zu entwickeln.

Bei beiden Projekten legen wir besonderen Wert auf Interaktionen, eine Mischung aus digitalen und analogen Formaten und Authentizität. Des Weiteren ist uns ein Perspektivwechsel sehr wichtig. Sei es beim Fair Champions-Projekt durch unsere Weltreise, in der die Schüler*innen in die Rolle von Arbeiter*innen in der textilen Lieferkette schlüpfen als auch im Bridging Cultures-Projekt, wo die Referent*innen die Welt aus ihren Perspektiven betrachten und die Schüler*innen dabei mitnehmen.

Lehrer News: Bei “Fair Champions” sollen die Kinder besonders auf das Thema “Fairtrade” aufmerksam gemacht werden. Wie genau bringen Sie dieses Thema den Kindern näher? Gibt es hier eine bestimmte Vorgehensweise, wie den Kindern die Ungerechtigkeiten besonders bewusst gemacht werden? Wenn ja, wie sieht diese aus?

Um den Kindern das Thema fairer Handel, oder besser gesagt, faire Mode, näher zu bringen, führen wir Aktivitäten durch, die erklären, was hinter diesem Konzept steckt. Wir zeigen zunächst, wie die meisten Textilien hergestellt werden und erarbeiten gemeinsam das Phänomen „Fast Fashion“ und Ungerechtigkeit.

Die beste Methode um den Schüler*innen Ungerechtigkeiten bewusst zu machen, ist unsere Weltreise. Wir reisen mit den Schüler*innen in sechs Länder. In diesen Ländern gibt es für die Schüler*innen Aufgaben, die wir an die Tätigkeiten der Arbeiter*innen in der Produktion eines T-Shirts angelehnt haben. So schlüpfen die Schüler*innen z.B. in China in die Rolle von Tien, der in einer Fabrik arbeitet, in der die von Kamerun importierte Baumwolle gesäubert, zu Garn gesponnen und zu Stoff gewebt wird. Dafür bekommen die Schüler etwas dreckige Watte und einen Webrahmen. Nachdem sie die Watte mit den Fingern von Dreck befreit haben, ist ihre Aufgabe die Watte zu fünf dünnen, 10 cm langen Fäden zu spinnen. Danach sollen diese in den Webrahmen zu Stoff gewebt werden. Das ist wirklich eine sehr schwierige Aufgabe.

Sie bekommen dazu auch einen Steckbrief über Tien und Bilder aus China und den Betriebsstätten. Unsere Referentin schlüpft auch in eine Rolle. Sie wird zu einer sehr kritischen Einkäuferin der Stoffe und entlohnt die Schüler*innen nur, wenn auch der verlangte „Stoff” fertiggestellt wurde. Ähnlich passiert es in Kamerun, Bangladesch, Indien und Peru. In Deutschland sind die Aufgaben an Vertrieb, Marketing und Verkauf angelehnt und die Schüler*innen zählen die Einnahmen und kalkulieren die Gewinne und Verluste der letzten Jahre. Sie bekommen auch das restliche Geld, welches die Einkäuferin nicht genutzt hat, wenn nicht alle das Verlangte geliefert haben. Dieser Umstand, dass einige Arbeiter*innen nicht bezahlt wurden oder nur wenig Lohn bekamen, obwohl sie sich so sehr angestrengt haben und Deutschland das ganze Geld bekommt, ergab immer einen Aufschrei: das ist ja so unfair.

Nachdem die Schüler*innen die Bedeutung von Ungerechtigkeit erfahren haben, arbeiten wir mit ihnen am Konzept des fairen Handels als eine alternative Lösung für die Probleme der Fast Fashion Industrie. Wir erarbeiten gemeinsam die Kriterien des fairen Handels. Am Ende wählen sie ein Kriterium aus, das ihnen wichtig ist, stellen es auf einem T-Shirt graphisch oder als Slogan dar und gestalten somit ihr eigenes Fair-Trade-T-Shirt. 

Außerdem gehen wir mit den Kindern außerhalb der Schule auf Erkundungstour, um faire Orte, die mit fairer Mode zu tun haben (z. B. Second-Hand-Läden) zu finden. Schließlich erstellen wir gemeinsam eine Karte von Kindern für Kinder. Unser Team digitalisiert alle Karten aus allen Klassen und wir erstellen eine digitale Karte und veröffentlichen sie.

Lehrer News: Bei dem Projekt “Bridging Cultures” geht es viel um Globalisierung und entwicklungspolitische Themen. Wie gehen Sie vor, um diese komplexen Themen für Kinder verständlich zu gestalten?
Gibt es hier besonders herausfordernde Themen? Wenn ja, haben Sie hier Methoden, um diese Themen besonders einfach zu erklären oder spielerisch zu vermitteln?

Unsere Zielgruppe in diesem Workshop sind Schüler*innen der Klassen 10-13. Wir glauben, dass ihr Alter das richtige ist, um sich mit den komplexen Themen zu beschäftigen, da sie in diesem Alter ihre politischen Ansichten entwickeln. 

Referent*innen aus den Ländern des Südens (Afrika, Asien und Latein- und Mittelamerika) berichten anschaulich aus erster Hand über globale Zusammenhänge am Beispiel von Ereignissen und Lebensbedingungen in ihren Ländern. Die kulturellen Aspekte schließen Religionen, Sprachen, Bekleidungen, Musik, Tänze und Speisen mit ein. Die Referent*innen präsentieren einige davon selbst vor der Klasse und integrieren die Jugendlichen dabei.

Jedes Schuljahr kommen neue Referent*innen, jeder aus einem anderen Land und jeder für 3 Monate. Wir bieten verschiedene Blöcke an, jeder Block sieht anders aus, weil die Referent*innen wechseln. In diesen Blöcken können die Schüler*innen mit verschiedenen Referent*innen arbeiten und somit auch verschiedene Kulturen, SDGs und Erfahrungen kennenlernen.  

Wir wollen bestehende Stereotypen über die Nationalitäten des Globalen Südens abbauen und die Perspektive wechseln. Während der zweitägigen Workshops werden die Referent*innen interaktive und kritische Diskussionen und Aktivitäten in englischer Sprache durchführen, um einen echten Austausch zu ermöglichen.

In den Workshops im Jahr 2021 sprach unser Referent aus Brasilien über das SDG Nr. 13, den Maßnahmen zum Klimaschutz. Er führte mit ihnen ein Planspiel durch. Die Schüler*innen erhielten Hintergrundinformationen: Die brasilianische Regierung benötigt mehr Elektrizität und hat beschlossen, ein Wasserkraftwerk im Amazonas-Regenwald zu bauen. Nicht jeder ist mit der Entscheidung der Regierung einverstanden, und so kommt es zu einer Gerichtsverhandlung. Die Schüler*innen wurden in verschiedene Gruppen eingeteilt, die jeweils die verschiedenen Parteien in dieser Gerichtsverhandlung vertraten: Regierungsvertreter, indigene Gruppen, deutsche Investoren, Bevölkerung und das Gericht als Jury. Durch diese Simulation der Gerichtsverhandlung versetzten sich die Schüler*innen in die Lage der einzelnen Parteien und wechseln somit die Perspektive. Nach der Schüler*innenentscheidung folgte dann der Reallitätscheck und sie erfuhren mehr über das 2019 eröffnete Wasserkraftwerk Belo Monte und seine Auswirkungen.

Lehrer News: Vielen Dank für das Gespräch!

Was sagt Ihr zur Arbeit der Hope Foundation? Könntet Ihr euch vorstellen einen der Workshops selbst mit euren Klassen auszuprobieren? Wir sind gespannt auf eure Kommentare!