Schon seit Jahrzehnten leiden die Menschen Afghanistans unter Besatzung und Terroranschlägen — doch der Abzug der NATO- und US-Truppen im August letzten Jahres und die daraus resultierende Machtübernahme der Hauptstadt Kabul durch die Terrormiliz Taliban hat jegliche staatliche Stabilität zerstört. Afghanistan befindet sich einer einschneidenden Krise. 24 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, 18 Millionen sind von Hungersnöten und über vier Millionen von Vertreibung betroffen, darunter mehrheitlich Kinder.

Die Bewegungsfreiheit afghanischer Frauen wird zunehmend eingeschränkt

Die Machtübernahme der Taliban bringt unter anderem für Frauen große Gefahren und systematische Ausgrenzung mit sich. Vor der Verfassung sind Frauen und Männer in Afghanistan eigentlich gleichgestellt – seit Jahrzehnten jedoch können afghanische Frauen diese Rechte oftmals nicht wahrnehmen. Mit der Machtübernahme der Taliban im August letzten Jahres hat sich diese Situation zuletzt verschlimmert, die Rechte von Frauen wurden seither immer weiter eingeschränkt. So dürfen Frauen seit ihrer Machtübernahme öffentliche Verkehrsmittel nicht mehr ohne einen männlichen Begleiter benutzen, generell darf das Haus nicht ohne einen männlichen Begleiter und das Tragen einer Burka, bzw. einer generellen Verschleierung des gesamten Körpers, verlassen werden. 

Die Gewalt gegen Frauen steigt ebenfalls an – mit sexualisierter Gewalt ist leider in jeder Krisensituation zu rechnen. Seit 2021 steigt weiterhin die Anzahl der Kinder- und Zwangsheiraten an. Für beide dieser Bedrohungen fehlt es an Anlaufstellen und Unterstützung. Als Resultat der Hungersnöte und der fehlenden medizinischen Versorgung ist die Mutter- und Kindersterblichkeitsrate in Afghanistan ebenfalls immer noch eine der höchsten der Welt.  

Afghanische Frauen werden systematisch von Bildungseinrichtungen ausgegrenzt

Diese Einschränkungen des öffentlichen Lebens wirken sich auch auf die Bildungssituation der Frauen und Mädchen aus. Dieser Effekt auf die Bildung ist von der Taliban durchaus beabsichtigt.

Statistik zur Alphabetisierungsquote in Afghanistan in 2018.
Bereits vor der Machtübernahme der Taliban wurde Frauen und Mädchen der Zugang zu Bildung im Vergleich zu Jungen und Männern erschwert. Die Grafik oben zeigt an, dass die Alphabetisierungsquote bei Männern bereits vor 2021 in allen angegebenen Altersgruppen um einiges höher war als bei den Frauen. Jedoch gab es vor 2021 keine offiziellen staatlichen Barrieren und über 60% der unter 15-Jährigen Mädchen hatten einen Zugang zu Bildung.

Diese bereits kritische Lage der Bildungssituation sollte sich durch die Übernahme der Taliban nur noch verschlechtern. Die offiziellen Äußerungen zur Bildungssituation von Mädchen und Frauen haben sich seit der Machtübernahme bereits des Öfteren geändert. So gab der Innenminister der afghanischen Taliban Siradschuddin Hakkani zunächst an, Mädchen über dem Grundschulalter hinaus den Zugang zu Bildungseinrichtungen zu gewähren, was später wieder zurückgenommen wurde. Wie aus einem  Artikel der Süddeutschen Zeitung aus dem März 2022 hervorgeht, wird Mädchen ab der 7. Klasse der Zugang zu Bildung weitgehend verwehrt. Schülerinnen zeigen sich darüber sehr enttäuscht, sie sehen die aktuelle Lage als aussichtslos an. „Woran sollen wir noch glauben, wenn uns schon so früh die Rechte genommen werden? Wenn uns die Welt jetzt nicht hilft, wird unser Leben zur Qual“, so eine 13-Jährige Schülerin aus Kabul. Aktivist:innen und Lehrer:innen protestierten bereits, einige schildern von Erfahrungen mit der Taliban. „Als meine Kolleginnen und ich nun zur Schule kamen, hat uns ein Talib beschimpft und uns daran gehindert, in das Gebäude zu gehen“, so eine Lehrerin aus Herat.

Trotz dieser Verwehrungen können einige afghanische Frauen Hochschulen und Universitäten besuchen – jedoch nur unter bestimmten Auflagen. Der Unterricht findet somit zeitlich und räumlich unter den Geschlechtern getrennt statt. Studenten dürfen sich nicht auf dem Campus befinden, wenn Studentinnen Unterricht haben, und andersrum. Bewaffnete Wächter patrouillieren um die Unigelände herum. Sie achten darauf, dass Frauen die von den Taliban auferlegten Regeln einhalten: Aktuell dürfen sie nämlich nur am Hochschulunterricht teilnehmen, wenn sie ungeschminkt und verhüllt sind und das Telefonverbot auf dem Gelände einhalten. 

Eine Studentin erklärt, dass das Studieren für Frauen sehr perspektivlos scheint: 

„Unsere Kommilitonen kommen weiter. Aber für uns bieten sie auch zwei Wochen nach Semesterbeginn noch immer keine Kurse an. Wir drei Studentinnen hängen einfach in der Luft. Manche Kommilitoninnen aus unserem Freundeskreis sind ins Ausland gegangen, andere haben ihr Studium abgebrochen. Präsenzunterricht findet für uns nicht statt. Wir gehen nur donnerstags kurz zur Uni und geben unsere Hausarbeiten bei unseren Dozenten ab. Meine Masterarbeit schreibe ich unter größten Schwierigkeiten, weil ich keine Beratung bekomme und auch die Bibliothek nicht nutzen kann. Ich entdecke, dass ich unsichtbar geworden bin und völlig im Dunkeln tappe.“

Der Mangel an Bildung ist von vielen Faktoren abhängig

Obwohl diese klare und offensichtliche Einschränkung den Zugang zur Bildung bereits vielfältig einschränkt, spielen weitere Faktoren mit ein. Die Armut und Hungersnot führt dazu, dass es viele Mädchen nicht zur Schule schaffen würden, auch wenn es ihnen tatsächlich erlaubt wäre, am Unterricht teilzunehmen. Als Resultat der Kinder- und Zwangsheiraten werden viele Mädchen und Frauen früh Mütter – somit bleibt ihnen ohne jegliche Unterstützung in der Erziehung ihrer Kinder ebenfalls keine Möglichkeit, sich zu bilden. Auch die generelle Angst vor den Taliban hält viele Mädchen und Frauen davon ab, eine Bildungseinrichtung zu besuchen.

Habt Ihr die Entwicklungen der Geschehnisse in Afghanistan verfolgt? Wie sprecht ihr mit euren Schüler:innen über diese aktuellen Krisenereignisse? Lasst es uns gerne in den Kommentaren wissen.