Schulweg sicher gestalten: Wie Kinder ohne Gefahr zur Schule kommen (Quelle: Canva)
Ob mit dem Fahrrad, dem Bus, zu Fuß oder im Elterntaxi – der tägliche Weg zur Schule stellt Kinder vor viele Herausforderungen. Während sich die einen morgens durch den dichten Verkehr schlängeln, überqueren andere gefährliche Straßen oder steigen an unübersichtlichen Haltestellen in den Bus. Viele Eltern wiederum setzen ihre Kinder direkt vor der Schule ab – oft auf Kosten der Sicherheit anderer.
Dabei ist der Schulweg weit mehr als nur eine Strecke von A nach B: Er ist eine wichtige Etappe auf dem Weg zur Selbstständigkeit. Für viele Kinder ist es das erste Mal, dass sie alleine oder in kleinen Gruppen regelmäßig einen Weg zurücklegen.
Doch wie sicher ist dieser Weg? Laut Statistischem Bundesamt ist nach einem pandemiebedingten Rückgang die Zahl der im Straßenverkehr verunglückten Kinder 2022 wieder gestiegen. Rund 25.800 Kinder unter 15 Jahren wurden verletzt – 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders betroffen sind 6- bis 14-Jährige, die häufig auf dem Schulweg verunglücken. Zwischen 7 und 8 Uhr morgens ereigneten sich 14 Prozent der Unfälle dieser Altersgruppe, ein weiterer Spitzenwert wurde zwischen 15 und 16 Uhr verzeichnet. Die meisten verunglückten Kinder waren mit dem Fahrrad unterwegs (36 Prozent), gefolgt von Kindern im Auto (34 Prozent) und zu Fuß (22 Prozent). Diese Zahlen zeigen: Es gibt noch viel zu tun, um Schulwege sicherer zu machen. Wo lauern die größten Gefahren und welche Maßnahmen können helfen, Unfälle zu vermeiden?
Die Wahl der Route kann entscheidend für die Sicherheit des Schulwegs sein. Im Idealfall sind Strecken zu bevorzugen, auf denen die Kinder möglichst selten die Fahrbahn überqueren müssen. Muss die Straßenseite gewechselt werden, tragen Ampeln, Zebrastreifen oder Mittelinseln dazu bei, das Überqueren sicherer zu machen. Zusätzlich sorgen Schülerlots:innen an stark frequentierten Stellen für mehr Sicherheit.
Auch die Infrastruktur entlang des Schulwegs spielt eine wichtige Rolle. Vor allem in dicht besiedelten Gebieten sorgt ein ausreichend breiter Gehweg für mehr Sicherheit. Im Winter sind zudem eine gute Beleuchtung und eine frühzeitige Schneeräumung wichtig, damit die Kinder gut sichtbar sind und nicht auf die Straße ausweichen müssen.
Einbahnstraßen bieten weitere Vorteile, da der Verkehr nur aus einer Richtung kommt, was es Kindern erleichtert, die Straße zu überblicken und sicher zu queren. Ebenso tragen Geschwindigkeitsbegrenzungen zur Schulwegsicherheit bei – insbesondere Tempo-30-Zonen, die inzwischen in der Umgebung von Grundschulen weit verbreitet sind.
Wichtig ist zudem, dass Schulwege regelmäßig überprüft werden. Baustellen oder Umleitungen können schnell neue Gefahrenstellen schaffen, sodass die gewählte Route gegebenenfalls angepasst werden muss.
Der Straßenverkehr stellt für Grundschulkinder eine große Herausforderung dar. Aufgrund ihrer Körpergröße, ihres eingeschränkten Sichtfeldes und ihrer noch nicht vollständig entwickelten Wahrnehmung fällt es ihnen schwer, Gefahren rechtzeitig zu erkennen. Eltern sollten daher laut ADAC frühzeitig vor der Einschulung den Schulweg mit ihren Kindern üben – und zwar zu den üblichen Schulzeiten, um realistische Bedingungen zu schaffen.
Gefahrenstellen sollten ausführlich besprochen werden, und manchmal lohnt sich ein etwas längerer, aber sicherer Weg. Anfangs ist es wichtig, die Kinder zu begleiten und später unauffällig zu beobachten. Lob statt ständiger Ermahnungen hilft, das richtige Verhalten zu verinnerlichen. Eltern sind dabei die wichtigsten Vorbilder – ihr eigenes Verhalten im Straßenverkehr prägt das der Kinder nachhaltig.
Verkehrshelfer:innen, Schüler:innen- und Elternlotsen tragen vielerorts zur Sicherheit auf dem Schulweg bei. Sie helfen Kindern beim sicheren Überqueren von Straßen, begleiten sie an Gefahrenpunkten und erklären wichtige Verkehrsregeln. Gehgemeinschaften oder sogenannte “Walking Busse”, bei denen Gruppen von Kindern gemeinsam zur Schule gehen, reduzieren nicht nur das Verkehrsaufkommen, sondern sorgen auch für mehr Sicherheit im Straßenverkehr.
In der dunklen Jahreszeit sind Kinder im Straßenverkehr besonders gefährdet. Regen, Nebel und schlechte Lichtverhältnisse erschweren die Sicht und erhöhen das Unfallrisiko. Um sicher unterwegs zu sein, sollten Kinder helle Kleidung mit reflektierenden Materialien tragen. Während ein dunkel gekleideter Fußgänger erst aus 25 Metern erkannt wird, sind reflektierende Materialien bereits aus bis zu 140 Metern sichtbar. Eine über der Kleidung getragene Sicherheitsweste nach Norm EN ISO 20471 oder EN 1150 verbessert die Sichtbarkeit erheblich. Auch Schulranzen sollten der Norm DIN 58124 entsprechen. Aufgenähte oder aufgeklebte Reflektoren bieten zusätzliche Sicherheit.
Autofahrer:innen können zur Verkehrssicherheit beitragen, indem sie ihre Geschwindigkeit anpassen, Frontscheibe und Scheinwerfer sauber halten und bei schlechten Sichtverhältnissen besonders aufmerksam fahren. Mit gegenseitiger Rücksichtnahme und den richtigen Maßnahmen wird der Schulweg auch in der dunklen Jahreszeit sicherer.
Neben dem individuellen Verhalten im Straßenverkehr tragen auch gezielte Maßnahmen zur Schulwegsicherheit bei. Eine davon ist die Aktion “Sicherer Schulweg” in Baden-Württemberg, die regelmäßig zum Schulbeginn stattfindet und darauf abzielt, die Sicherheit für Kinder zu erhöhen. Straßenbanner, Plakate und Veranstaltungen sensibilisieren Verkehrsteilnehmende für ein rücksichtsvolleres Verhalten gegenüber Schüler:innen. Polizei und Kommunen kontrollieren verstärkt die Geschwindigkeit vor Schulen, das Parken entlang von Geh- und Radwegen, die Verkehrssicherheit von Fahrrädern sowie die korrekte Sicherung von Kindern im Auto.
Bevor Kinder sicher mit dem Fahrrad am Straßenverkehr teilnehmen, sollten sie laut ADAC in einer geschützten Umgebung üben. Da sie Gefahren erst ab etwa acht Jahren richtig einschätzen können, ist es sinnvoll, das Radfahren zunächst unter Aufsicht zu trainieren. Nach der schulischen Fahrradprüfung in der 3. oder 4. Klasse können sie in der Regel sicherer allein fahren.
Kinder müssen bis zum achten Geburtstag mit dem Fahrrad den Gehweg nutzen und dürfen ihn bis zum zehnten weiterhin befahren. Seit 2016 dürfen Eltern ihre Kinder dabei begleiten, müssen aber beim Überqueren der Straße absteigen. Ein Helm ist unerlässlich, da er vor schweren Kopfverletzungen schützt. Zudem sorgen helle Kleidung und Reflektoren für eine bessere Sichtbarkeit im Straßenverkehr.
Ein sicheres Kinderfahrrad sollte mit funktionierenden Bremsen, der vorgeschriebenen Beleuchtung und geeigneten Reifen ausgestattet sein. Die Größe sollte so gewählt werden, dass das Kind mit beiden Füßen sicher den Boden erreichen kann.
Der Schulbus ist eines der sichersten Verkehrsmittel für Kinder, doch es gibt einige Regeln, die beachtet werden sollten. Im Überlandverkehr sollten Kinder möglichst nur auf Sitzplätzen befördert werden. Obwohl für Busse über 3,5 Tonnen keine generelle Anschnallpflicht besteht, sollten die vorhandenen Sicherheitsgurte benutzt werden, um Verletzungen zu vermeiden.
Überfüllte Busse können ein Problem darstellen. Die Anzahl der Fahrgäste darf die zugelassene Kapazität nicht überschreiten, um die Sicherheit zu gewährleisten. Schulbusbegleiter:innen – geschulte ältere Schüler:innen oder Erwachsene – können dabei helfen, ein sicheres Ein- und Aussteigen zu ermöglichen und die Busfahrer:innen zu entlasten.
Auch an der Haltestelle lauern Gefahren: Kinder sollten rechtzeitig losgehen, damit sie in Ruhe und sicher die Straße überqueren können. Beim Warten ist es wichtig, nicht zu drängeln oder zu toben, da dies zu Unfällen führen kann - besonders an Haltestellen mit angrenzenden Radwegen.
Viele Eltern bringen ihre Kinder mit dem Auto zur Schule, was oft zu Verkehrschaos und gefährlichen Situationen führt (Lehrer News berichtete). Zudem kann sich dadurch die Entwicklung der Kinder zu selbständigen Verkehrsteilnehmer:innen verzögern.
Laut einer ADAC-Umfrage geht etwa die Hälfte der Kinder zu Fuß zur Schule, rund 22 Prozent werden mit dem Auto gebracht. Elterntaxis werden von der Mehrheit der Eltern kritisch gesehen, da sie häufig zu unübersichtlichen und gefährlichen Verkehrssituationen führen.
Kinder sollten früh lernen, sich sicher im Straßenverkehr zu bewegen. Eine Alternative für einen sicheren Schulweg bietet der “BiciBus”, ein Konzept des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC). Ein Konvoi aus erwachsenen Begleitpersonen schützt die Kinder seitlich sowie vorne und hinten vor dem Autoverkehr. Wie bei einem echten Bus gibt es feste Haltestellen, an denen Schüler:innen ein- und aussteigen können.
Ist das Auto dennoch notwendig, können Elternhaltestellen außerhalb des direkten Schulgeländes helfen, die Gefährdung durch parkende und haltende Autos zu reduzieren. Der ADAC unterstützt Schulen und Kommunen bei der Einrichtung solcher Haltestellen. Ein sicherer Schulweg ohne Elterntaxi stärkt die Selbstständigkeit der Kinder und trägt zur Verkehrssicherheit bei.
Um Grundschulkinder bestmöglich auf das Thema Verkehrssicherheit vorzubereiten, bietet die Unfallkasse Hessen Lehrkräften der Klassen 4 und 5 den “Lehrerkoffer” mit umfangreichen Unterrichtsmaterialien zur Verkehrssicherheit an. Das Online-Angebot enthält Unterrichtseinheiten, Arbeitsblätter und Lösungsvorschläge zu den Themen Schulweg zu Fuß, mit dem Fahrrad, öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Auto. Ergänzend gibt es Muster-Elternbriefe und weiterführendes Material. Ziel ist es, Kinder für Gefahren im Straßenverkehr zu sensibilisieren und sie zu sicheren Verkehrsteilnehmern zu machen.
Um das Gelernte spielerisch zu vertiefen, können Schulen zudem das Theaterprojekt “Immer sicher unterwegs” nutzen, bei dem Kinder ihre eigenen Szenen zum sicheren Schulweg entwickeln und aufführen. Mit dieser praxisnahen Verkehrserziehung werden Schüler:innen fit für ihren Schulweg – egal ob zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Bus. Auch der ADAC stellt zum Thema Verkehrssicherheit Materialien für die Klasse 1 bis 4 zur Verfügung.
Jedes Bundesland bietet zudem eigene Programme zur Schulwegplanung an, die es zu nutzen lohnt. Ein Beispiel ist der digitale Schulwegplaner des Verkehrsministeriums Baden-Württemberg. Mit diesem Tool können Kinder und Jugendliche gemeinsam mit ihren Lehrkräften Geh- und Radrouten zur Schule erfassen und Problemstellen markieren. Diese Daten werden an die Kommunen übermittelt, die daraus sichere Schulwege ableiten und empfehlen können. Die Schulwegplanung ist Teil der RadSTRATEGIE Baden-Württemberg und wird durch die jährlichen Aktionserlasse “Sicherer Schulweg” weiter gefördert.
Ein sicherer Schulweg ist entscheidend für die Entwicklung von Kindern zu selbstständigen Verkehrsteilnehmer:innen. Ob zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Bus – durch gezielte Maßnahmen wie sichere Routen, Verkehrshelfer oder digitale Schulwegplaner können Unfälle vermieden und das Bewusstsein für Verkehrssicherheit gestärkt werden.
Auch Lehrkräfte spielen dabei eine wichtige Rolle. Durch Verkehrsunterricht, Schulwegtrainings und praxisnahe Projekte wie den “Lehrerkoffer” oder Theaterprojekte können sie Kinder frühzeitig auf mögliche Gefahren vorbereiten. In Zusammenarbeit mit Eltern und Kommunen können Schulen aktiv dazu beitragen, den Schulweg sicherer zu gestalten und das Verantwortungsbewusstsein der Schüler:innen im Straßenverkehr zu stärken.