Am 4. April 2022 begann – pandemiebedingt mit einem Jahr Verzögerung – wieder die Erhebung der PISA-Studie, mithilfe derer weltweit die durchschnittlichen schulischen Kompetenzen von 15-Jährigen Schüler:innen verglichen werden können. Dabei setzt sich die Studie aus drei Elementen zusammen: Leistungsindikatoren, Kontextindikatoren und Trendindikatoren.

Leistungsindikatoren dienen dabei zum reinen Feststellen der Kompetenz von Schüler:innen in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Kontextindikatoren sammeln systemische Informationen, zum Beispiel über den gesellschaftlichen Hintergrund der Schüler:innen oder die entsprechende Schulform. Mit den Trendindikatoren lässt sich die Entwicklung der Leistung und der Hintergründe der Schüler:innen messen.

Die letzten PISA Studien regten in Deutschland stets einen intensiven Diskurs über den Bildungssektor an, da sich Deutschland im internationalen Vergleich bisher bloß im Mittelfeld befand, statt zu den Vorreitern in Sachen Bildung zu gehören. Im Vergleich zur PISA Studie 2006 verringerte sich 2018 die Leistung in den Naturwissenschaften sogar um bis zu 13 Prozentpunkte. 20 Prozent der Schüler:innen scheiterten an den Mindestanforderungen. Tatsächlich wird im Jahr 2022 der Fokus der PISA-Studie auch genau auf den mathematisch-naturwissenschaftlichen Kompetenzen der Schüler:innen liegen.

„Kompetenzen des 21. Jahrhunderts“

Dieser naturwissenschaftlich-mathematische Fokus wurde von der die Pisa-Studie betreibenden Organisation for Economic Cooperation and Development (OECD) gewählt, um Erkenntnisse über Kompetenzen zu erlangen, die im Informationszeitalter immer wichtiger werden.

In PISA 2018 wurde bereits eine Sonderauswertung zum Thema Medienkompetenz vorgenommen, in welcher Schüler:innen unter Beweis stellen konnten, wie gut sie im Unterricht auf “Fake News” vorbereitet wurden. Ein großer Teil der Schüler:innen gab selbst an, fragwürdige Inhalte, betrügerische E-Mails oder zweifelhafte Quellen sicher identifizieren zu können. Die getestete Praxis sah allerdings anders aus: Nur 45 Prozent der 15-Jährigen konnten beispielsweise einordnen, ob ein Text eine Meinung oder ein Fakt ist. Die Fähigkeit, solche Unterschiede auszumachen, lässt sich dabei auch darauf zurückführen, ob Kinder gerne in ihrer Freizeit lesen. Die Freude am Lesen war in Deutschland dabei jedoch vergleichsweise gering ausgeprägt, in nur vier anderen Ländern lasen Schüler:innen weniger gern.

Die Herausforderungen einer Generation, in welcher Fakt und Fiktion dank dem Internet näher beieinander liegen als je zuvor, werden in der PISA-Studie 2022 diese Jahr vor allem als analytische aufgefasst. Es geht darum, logische Zusammenhänge zu erkennen – und diese im Folgenden auch verargumentieren zu können. So soll auch das Gefühl für Größen, Veränderungen und Korrelationen in Datensätzen gemessen werden. Denn gerade der sichere Umgang mit Statistiken war in der Pandemie eine Kernkompetenz, die sicher große Teile der Bevölkerung aufs Glatteis führte. Anhand der Leistung von Schüler:innen in diesen Themenbereichen wird auch ermittelt, mit welcher Sicherheit sie Prognosen treffen können.

Aufschlüsselung des mathematisch-analytischen Schwerpunktes von PISA 2022

Schere zwischen den leistungsstärksten und leistungsschwächsten Schüler:innen öffnet sich weiter

Während spezifische Leistungserhebungen wie diese zwar sicher aufschlussreiche Informationen über den Leistungsstand deutscher Schüler:innen geben, ermöglicht es die PISA-Studie jedoch auch, gesellschaftliche Trends aufzudecken, die jenen Bildungsstand maßgeblich beeinflussen. So ist besonders bedenklich, dass sich bereits in der PISA-Studie 2018 die Schere zwischen der Leistung wohlhabender und finanziell weniger gut aufgestellter Haushalte in Deutschland immer weiter öffnete. Während beispielsweise 28 Prozent der Kinder aus den begünstigten Schichten zu den leistungsstärksten Schüler:innen zählten, traf dies auf nur 3 Prozent der Kinder zu, die aus den am wenigsten privilegierten Haushalten kommen.

Dies steht in Zusammenhang mit dem Anteil der Schüler:innen, die bereits zu den leistungsschwächsten gehören, deren Zugang zu Förderangeboten jedoch ebenfalls sehr gering ausfällt. Ein Beispiel sind hier sogenannte „Brennpunktschulen“, in denen ein hoher Anteil von Schulkindern einen Migrationsanteil aufweist. Dort sind Lehrkräfte oftmals überlastet, ein geringeres Sprachverständnis behindert das Vorankommen im Unterricht. Die häufig prekären Verhältnisse, aus denen die Kinder stammen, ermöglichen darüber hinaus keine Förderung außerhalb des Unterrichts. Dabei steht die Befürchtung im Raum, dass diese Leistungsdifferenz während der Pandemie nun noch größer geworden ist, denn dort lernten Kinder fast ausschließlich von zuhause aus.

RTI – Der Schlüssel zum PISA-Erfolg?

Dass eine gezielte Förderung der leistungsschwächsten Schüler:innen jedoch ein Schlüssel zum Verbessern des nationalen Bildungsstands ist, stellen die Vorreiter der vergangenen PISA-Studien unter Beweis. Praktisch alle Länder, die 2018 besser als Deutschland abschnitten, arbeiten mit dem Response to Intervention Ansatz (RTI). Diese von dem Pädagogen John Hattie entwickelte Methode dient dazu, Kompetenzen von Schülern schnell und individuell zu erheben. Sie wird digital durchgeführt, indem Kinder zu bestimmten Zeiten aus dem Unterricht geholt werden und am PC ein diagnostisches, altersgerecht gestaltetes Programm absolvieren, das genau feststellt, auf welchem Kompetenzstand sie in zentralen Teilbereichen mathematischer und sprachlicher Bildung stehen.

Aufbau des Response-to-Intervention Modells

Mit den Ergebnissen können Lehrkräfte ganz gezielt anhand der Stärken und Schwächen der einzelnen Schüler arbeiten, sowie Förderprogramme und Interventionen zuschneiden. In der Sonderschulpädagogik ist diese Methode zwar bereits bekannt, im allgemeinen Schulbetrieb Deutschlands kommt sie jedoch kaum zum Einsatz – im Gegensatz zu Ländern, die Spitzenreiter bei der letzten PISA Studie waren, wie Finnland oder Südkorea. Und da gerade der Anteil der leistungsschwächsten Schüler:innen in den letzten Jahren gestiegen ist, scheint hier ein Instrument bereit zu liegen, um die Durchschnittsbildung deutscher Schüler:innen erheblich zu verbessern.

Was denkst Du, wie Deutschland bei der PISA-Studie 2022 abschneiden wird? Hältst Du den diesjährigen Schwerpunkt der PISA-Studie für sinnvoll? Schreib es uns in den Kommentaren!